Eigentlich lief für den FC Chelsea vor Beginn der Saison alles in eine vielversprechende Richtung. Trainer Enzo Maresca hatte die Saison mit seinem Team gerade auf dem vierten Platz abgeschlossen und das Finale der Klub-WM souverän gegen Paris Saint-Germain (3:0) gewonnen.
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Auch in dieser Saison schienen die Blues phasenweise der größte Konkurrent von Tabellenführer Arsenal zu sein. Während man nach zwölf Spielen noch von Platz zwei grüßte, sieht die Situation nicht einmal zwei Monate später aber gänzlich anders aus.
Trainer Maresca ist nach einer sportlichen Negativserie seit dem Jahreswechsel Geschichte. Auch unter Interimstrainer Calum McFarlane blieb Chelsea weiter sieglos. Nach einem 1:2 gegen den FC Fulham verpasste der sechsmalige Meister im fünften Ligaspiel in Serie einen Sieg und rutschte auf den achten Platz der Premier-League-Tabelle.
Liam Rosenior will sich beim FC Chelsea beweisen
Nachdem Rosenior am Donnerstag seine erste Trainingseinheit leitete, steht ihm am heutigen Samstag die erste Bewährungsprobe bevor, wenn Chelsea in der dritten Runde des FA Cups bei Zweitligist Charlton Athletic zu Gast ist (ab 21 Uhr LIVETICKER). Und der frühere Abwehrspieler (141 Premier-League-Spiele für Fulham, Reading, Hull und Brighton) ist zuversichtlich, viel bewegen zu können.
„Das Potenzial – ich glaube, das Potenzial ist beängstigend“, erklärte der 41-Jährige aus dem Londoner Stadtteil Wandsworth bei seinem ersten Interview auf der Vereinswebsite: „Ich möchte keine einzelnen Spieler herauspicken, denn jedes Mitglied dieses Teams ist in meinen Augen Weltklasse. Ich möchte sie einfach verbessern.“
Für Rosenior, vorher Coach bei seinem Ex-Klub Hull City und bei Racing Straßburg in Frankreich, ist die Berufung bei Chelsea ein großer Karriere-Schritt - der nicht ohne Störgeräusche verlaufen ist.
Verstimmung beim Ex-Klub - und auch in Chelseas Umfeld
Rosenior wurde mitten in der Saison aus Straßburg losgeeist. Der Klub steht seit 2023 unter der Kontrolle des Konsortiums BlueCo um den US-Geschäftsmann Todd Boehly - genau wie der FC Chelsea.
In Frankreich waren die Proteste groß, so bezeichnete die Straßburger Fanvereinigung den Transfer als „demütigenden Schritt der Unterwürfigkeit“ und rückte die Problematik der Multi-Club-Ownerships einmal mehr in den Fokus.
Auch in London könnte die Stimmung besser sein. In Chelseas Umfeld steht längst nicht jeder hinter dem Trainerwechsel. Die Fan-Gruppe „Not a Project CFC“ warf dem Klub zuletzt vor, ein fragwürdiges Konzept zu verfolgen. Man agiere „weniger wie ein Eliteverein und mehr wie eine Spieler-Handelsfarm geführt zu werden, die sich auf Verkäufe, Spekulation und langfristiges Potenzial konzentriert – auf Kosten der aktuellen Wettbewerbsfähigkeit“.
Ob man diese Idee nun als Makel oder als Vorzug empfindet: Sicher ist, dass die Personalie Rosenior zu ihr passt.
Chelsea hält Rosenior für talentiert und „formbar“
Rosenior hat sich in Straßburg als Talententwickler hervorgetan: Der Altersschnitt seines Kaders lag dort bei gerade einmal 22,7 Jahren. Zum Saisonauftakt sorgte er sogar für ein Novum in den europäischen Top-Fünf-Ligen und stellte eine Startelf aus Spielern auf, die allesamt nach 2000 geboren waren.
An der Stamford Bridge findet Rosenior eine ähnliche Lage vor: Mit im Schnitt 23,7 Jahren stellt Chelsea in diesem Jahr den mit Abstand jüngsten Kader der Premier League, gefolgt vom FC Brentford mit 25,7 Jahren.
Auch andere Faktoren hätten Rosenior für den Job in Chelsea prädestiniert, analysierte der renommierte Guardian: „Er hat die Formationen und Systeme gewechselt, sich je nach Gegner und deren Stärken und Schwächen angepasst, auf die Stärken seiner eigenen Spieler angespielt und sie nicht auf bestimmte Rollen oder Positionen im Team ‚eingesperrt‘."
Aus Sicht des Mediums folgt die Entscheidung für Rosenior ähnlichen Motiven wie die Transfers junger Talente: Der aufstrebende Coach sei „formbar“ und wegen seiner Prägung innerhalb des BlueCo-Modells wohl auch loyaler und überzeugter von Chelseas Konzept, als Vorgänger Maresca war - mit dem es am Ende große Verwerfungen innerhalb des Klubs gegeben hatte.
Ex-Chef Rooney voll des Lobes
Aus Sicht von Weggefährten, die schon mit Rosenior gearbeitet haben, bringt der ambitionierte Jungcoach alle Anlagen mit, um in Chelsea erfolgreich zu wirken. Unter seinen Fürsprechern ist Stürmerlegende Wayne Rooney, dem Rosenior bei Derby County als Co-Trainer gedient hatte.
„Liam war so wichtig für mich“, sagt Rooney in seinem BBC-Podcast: „Er war unglaublich in seinen Fähigkeiten als Trainer. Ich war eher der Manager und kümmerte mich um die Spieler und alles andere.“
Auch bei Acun Ilicali, Besitzer von Roseniors erster Chefstation, hat Rosenior nachhaltig Eindruck hinterlassen. „Die Spieler liebten ihn, und eine seiner wichtigsten Fähigkeiten ist seine Kommunikation, die ich für erstklassig halte“, berichtet der türkische Medienunternehmer beim Portal Football.London: „Er weiß, wie man mit seinen Spielern spricht.“
Ilicali vergleicht Rosenior auch mit dem FC-Bayern-Coach Vincent Kompany: Wie Kompany sei Rosenior Teil einer neuen Generation „sehr junger Trainer, die im Weltfußball nun sehr erfolgreich sind“.
Ob Rosenior für Chelsea ein ähnlicher Glücksgriff ist wie der Belgier für Bayern, muss er nun beweisen.