Fünf Trainer in vier Jahren: Mit Enzo Maresca musste am Neujahrstag der nächste Coach des FC Chelsea seinen Posten räumen.
Premier League: Der eher Unbekannte, der bei Chelsea übernehmen soll
Ist er die Wunschlösung?
Komplett überraschend kam die Entscheidung nicht: Zuvor hatten bereits etliche Berichte zu einem möglichen Aus des Italieners die Runde gemacht. Dennoch sorgte die Art und Weise, wie Chelsea Marescas Abgang verkündete, für Aufsehen: Mit einem „brutalen 99-Wörter-Statement“ sei der Trainer gefeuert worden, titelte die Daily Mail.
Dem 45-Jährigen, der die Blues im Sommer 2024 übernommen hatte und anschließend sowohl die Conference League als auch die Klub-WM gewann, wurde dem Vernehmen nach weniger die sportliche Situation, sondern vielmehr das angeschlagene Verhältnis mit den Klubbossen zum Verhängnis.
FC Chelsea: Kommt der neue Trainer vom Partnerklub?
Unabhängig von den genauen Hintergründen der Trennung steht fest: Chelsea braucht einmal mehr einen neuen Trainer. Auf der Liste der potenziellen Kandidaten kristallisiert sich nun ein durchaus überraschender Name als Favorit auf die Maresca-Nachfolge heraus: Liam Rosenior.
Der 41-jährige Engländer steht aktuell noch beim RC Straßburg unter Vertrag, einem Partnerklub Chelseas im Multi-Club-Netzwerk des US-Konsortiums BlueCo. Laut Berichten aus England gilt Rosenior als aussichtsreichster Kandidat, auch L’Équipe spricht von bereits fortgeschrittenen Gesprächen.
Als ehemaliger Profi und heutiger Trainer hat Rosenior bislang ausschließlich in England und Frankreich gearbeitet. Zwar absolvierte er als Spieler über 140 Premier-League-Partien für Fulham, Reading, Hull City und Brighton, als Cheftrainer verantwortete er jedoch noch kein Team aus einer absoluten Topliga.
Rosenior lernt von Rooney und nennt seinen persönlichen „Helden“
Auf der anderen Seite gilt Rosenior als ambitionierter und moderner Trainer mit großem Entwicklungspotenzial. Seinen Ehrgeiz bewies er bereits während seiner aktiven Spielerkarriere, als er mit 32 Jahren parallel seine UEFA-A-Lizenz absolvierte.
Seine erste größere praktische Erfahrung machte er ab Januar 2021, zweieinhalb Jahre nach seinem Karriereende, als Co-Trainer von Wayne Rooney bei Derby County.
„Ohne diese Erfahrung mit Wayne wäre ich heute nicht der Trainer, der ich bin“, erklärte Rosenior zuletzt gegenüber The Athletic und lobte Rooneys „Umgang mit Druck, seine Führungsqualitäten, seine Intuition und die Lektionen, die er von Sir Alex Ferguson gelernt hat“. Den langjährigen Trainer von Manchester United bezeichnete Rosenior als seinen „Helden“.
Vom Abstiegskandidaten zum Aufstiegsanwärter
Nach Rooneys Abgang übernahm Rosenior Derby County für zwölf Spiele interimsweise. Seinen Durchbruch als Cheftrainer schaffte er jedoch erst ab November 2022 bei Hull City. Innerhalb von 18 Monaten formte Rosenior den englischen Zweitligisten vom Abstiegskandidaten zum Aufstiegsanwärter.
Auch wenn der Sprung in die Premier League letztlich verpasst wurde, brachten ihm die Leistungen eine Nominierung zum Manager der Saison in der Championship ein. Seine anschließende Entlassung war umstritten – und die Folgen waren schnell sichtbar: Hull vermied in der Folgesaison nur knapp den Abstieg.
Zu diesem Zeitpunkt war Rosenior bereits in Frankreich tätig, wo er zur Saison 2024/25 RC Straßburg übernommen hatte. Dort setzte er nahtlos fort, was ihn bereits in England ausgezeichnet hatte: die gezielte Förderung junger Talente.
Chelsea-Kandidat gilt als Förderer von Talenten
Spieler wie Tyler Morton (23 Jahre), Jaden Philogene (23) und Liam Delap (22) hatten unter ihm in Hull ihren Durchbruch geschafft. In Straßburg entwickelte er unter anderem Andrey Santos (21), der inzwischen für Chelsea spielt, sowie Emmanuel Emegha (22), der im kommenden Sommer zu den Blues wechseln soll.
Gerade dieser Aspekt könnte für Chelsea ausschlaggebend sein. Berichten zufolge wurde Maresca intern vorgeworfen, zu wenig auf junge Spieler gesetzt zu haben.
Immerhin hatte Chelsea im letzten Sommer beträchtliche Investitionen getätigt und junge Spieler wie Jorrel Hato (19 Jahre, von Ajax Amsterdam), Jamie Gittens (21, Borussia Dortmund), Liam Delap (22, Ipswich) und Facundo Buonanotte (21, von Brighton) verpflichtet. Auch aufgrund von unregelmäßigen Einsatzzeiten konnte bislang keiner der genannten Akteure nachhaltig überzeugen. Rosenior könnte hier Abhilfe schaffen.
Taktischer Ansatz passt zum FC Chelsea
Auch taktisch passt Roseniors Ansatz zu den Blues. Er bevorzugt flexible Formationen, die im Ballbesitz häufig in ein 3-2-5 übergehen und sich gegen den Ball zu einem 4-3-3 formieren. Dies wäre keine allzu große Abkehr von Marescas Taktik, der ebenfalls mit hohem Pressing spielen ließ.
Ein weiter Pluspunkt für Rosenior ist sein Auftreten. Trotz seines vergleichsweise jungen Alters gilt er als redegewandt und klar in seinen Ambitionen. Nach dem Ende seiner Spielerkarriere arbeitete der Trainer parallel als TV-Experte und Kolumnist.
Diese Medienerfahrung kann bei einem Klub, der unter permanenter Beobachtung steht, von großem Wert sein kann. Maresca hingegen hatte mehrfach mit unbedachten Aussagen für Unruhe gesorgt.
Die größte Bewährungsprobe seiner Karriere?
Dass Rosenior bereits Teil des BlueCo-Netzwerks ist, erleichtert ihm den möglichen Einstieg zusätzlich: Er kennt die Strukturen und Eigentümer. Dennoch wäre die Stamford Bridge sportlich wie medial Neuland für ihn. Mit einem Klub dieser Größenordnung gehen enorme Erwartungen einher und Fehler werden dort selten verziehen.
Sollte er den Job erhalten, wäre es die größte Bewährungsprobe seiner bisherigen Karriere. Aber es wäre eine Aufgabe, die der ambitionierte 41-Jährige mit großer Überzeugung und Freude angehen dürfte.