Die blanke Angst im Norden Londons - sie wird immer größer. Seit mittlerweile elf Partien wartet Tottenham Hotspur auf einen Sieg in der Premier League und die Lage wird immer schlimmer: Nach der 1:3-Niederlage gegen Crystal Palace am Donnerstag stehen die Spurs auf Rang 16 der Tabelle, nur noch einen Punkt trennt sie von einem Abstiegsplatz. Dem amtierenden Europa-League-Sieger droht ein Absturz, wie ihn Englands Fußball nur selten gesehen hat.
Fußball: Ein großer strategischer Fehler rächt sich bitter
Ein Absturz, wie es ihn selten gab
Zuletzt setzte es fünf Pleiten nacheinander, eine solche Horror-Serie gab es für die Spurs vor 50 (!) Jahren - damals stieg der Verein als Tabellenletzter ab. Die Geschichte könnte sich nun wiederholen. Denn in den vergangenen zehn Jahren ist das große Tottenham von einem Titel- zu einem Abstiegskandidaten in England verkümmert. 2016 kämpfte der Klub noch gegen Leicester City um die Premier-League-Trophäe und heimste regelmäßig Top-Platzierungen ein. 2026 stehen die Spurs nun vor dem eigentlich Undenkbaren: Ihrem ersten Abstieg aus der Premier League.
Über Jahre hinweg galt der Verein aus dem Londoner Bezirk Haringey als ein echter Vorzeigeklub mit innovativen Strategien. So setzte Tottenham bereits Anfang der 2010er-Jahre auf detaillierte Datenanalyse, lange bevor es ihnen andere Klubs gleichtaten. Mit Spielern wie Dele Alli, Heung-Min Son oder Harry Kane waren die Spurs Stammgast unter den Top Vier der Premier League und und spielten mit den ganz Großen der Liga mit. Doch wie hat Tottenham diesen Status verspielt?
Krise bei Tottenham: Woher kommt der krasse Absturz?
Die offensichtliche Antwort ist im November 2019 zu finden. Damals trennte sich der Klub von seinem langjährigen Erfolgstrainer Mauricio Pochettino. Der Argentinier hatte Tottenham zu zwei Vizemeisterschaften sowie ins Champions-League-Finale gegen Liverpool geführt. Nach der Trennung setzte ein schleichender Abstieg des Traditionsklubs ein. Doch diesen nur auf Pochettinos Entlassung zu schieben, ist zu kurz gedacht.
Denn bereits während der Amtszeit von Pochettino brauten sich Probleme zusammen, die nicht sonderlich zukunftsfähig waren: Besonders die Transferpolitik des damaligen Klubbesitzers Daniel Levy lahmte, die Spurs verkauften ihre eigenen Spieler entweder gar nicht oder erst viel zu spät, als sie ihren Zenit bereits überschritten hatten, wie etwa Dele Alli oder Toby Alderweireld.
„Spieler langweilen einander irgendwann“, bilanziert The Athletic in Bezug auf die Kaderhygiene der Londoner. Klubboss Levy habe die Spurs in der Außenwahrnehmung nicht als „selling-club“ verkaufen wollen, wäre damit aber wohl besser beraten gewesen. Der strategische Fehler rächte sich nachhaltig: In Kombination mit dem kostspieligen Stadionneubau der White Hart Lane ab 2016 fehlte Tottenham durch die ausbleibenden Spielerverkäufe das Geld, den eigenen Kader gezielt zu verstärken. Zwischen Januar 2018 und Juli 2019 verpflichteten die Spurs keinen einzigen neuen Spieler - in der Folgesaison verpasste man zum ersten Mal nach fünf Jahren wieder die Champions League.
Selbst Star-Trainer kann nicht helfen
Nach dem Ende der Pochettino-Ära stürzte Tottenham in eine Krise auf der Suche nach der eigenen Identität, die bis heute nicht abgeschlossen zu sein scheint. Um den eigenen Anspruch als vermeintlicher Weltklub zu untermauern, lotste Levy José Mourinho nach London, der normalerweise überall wo er auftauchte, Titel gewann. Doch unter The Special One blieben die Spurs ebenso erfolgslos wie unter dessen Landsmann Nuno Espírito Santo, der ihn 2021 beerbte.
Aus dieser Phase stammt der nächste entscheidende Punkt in der Tottenham-Erzählung: Fabio Paratici, bis dato Sportdirektor bei Juventus Turin, heuerte bei Tottenham an und sollte als Managing Director für eine neue Transferstrategie sorgen. Tottenham sei „einer der Top-Klubs in England sowie in Europa mit ambitionierten Plänen“, posaunte er bei Amtsbeginn. Unter dem neuen Coach Antonio Conte kehrte der Erfolg dann tatsächlich zwischenzeitlich zurück. Auch einige von Paraticis Transfers schlugen ein, so etwa der junge Argentinier Cristian Romero von Atalanta Bergamo, der zu einem der besten Innenverteidiger der Liga reifte. Mindestens genauso viele Transfers entpuppten sich aber auch als Geldverbrennung, etwa die 58 Millionen Euro für Stürmer Richarlison.
Klub im freien Fall: Spurs zahlen Lehrgeld für Misswirtschaft
Doch auch Conte musste seinen Stuhl wieder räumen, nachdem er sich öffentlich mit der Führungsetage verkracht und die Transferpolitik des Vereins kritisiert hatte. Der Italiener polterte auf seiner letzten Pressekonferenz: „Das ist die Geschichte von Tottenham. Zwanzig Jahre ist der Besitzer hier und sie haben nie etwas gewonnen.“
Die zahlreichen unterschiedlichen Ausrichtungen durch die Trainerwechsel sind ebenfalls ein Grund für den Absturz. Auf den erfolgreichen Offensivfußball Pochettinos war Mourinho gefolgt, der das Spiel gegen den Ball perfektioniert hatte. Der Rock‘n‘Roll-Fußball von Angelos Postecoglou, der den Spurs 2025 immerhin die Europa-League-Trophäe beschert hat, löste den eher destruktiven Antonio Conte ab. Es folgte Standard-Freak Thomas Frank, der es keine zehn Monate bei Tottenham durchhielt und durch Igor Tudor ersetzt wurde. Eine spielerische Identität konnte sich das Team nie aufbauen und zahlt nun das Lehrgeld für jahrelange Misswirtschaft auf struktureller Ebene.
Hammer-Gegner warten: Programm kein Grund zur Hoffnung
Nach der völlig verkorksten Saison 2024/25 (Platz 17 in der Liga) zog sich Daniel Levy nach 25 Jahren überraschend aus dem Verein zurück, hinterließ den Londonern aber knapp 115 Millionen Euro, um sich sportlich zu rehabilitieren. Geholfen hat das bekanntermaßen kaum, auch in dieser Spielzeit stehen die Spurs kurz vor der Abstiegszone, mit besorgniserregender Tendenz. Der Big-Six-Club befindet sich im freien Fall.
Paradox: In der Champions League qualifizierten sich die Spurs souverän für das Achtelfinale, gewannen unter anderem auswärts beim BVB (2:0). Morgen steht dann das Duell mit Atlético Madrid an - eine Aufgabe, die für Tottenham in der aktuellen Form zwei Nummern zu groß sein dürfte. Ähnliches gilt für den nächsten Spieltag der Premier League, wenn es nach Liverpool an die Anfield Road geht. Richtig ernst wird es dann am 22. März: Dort empfangen die Spurs im eigenen Stadion Nottingham Forest, das aktuell einen Punkt hinter ihnen in der Tabelle steht. Spätestens dann sollte Tottenham seine Horror-Serie beenden.