Norwegen und Schweden – zwei Nationen, die im Wintersport seit Jahrzehnten in leidenschaftlicher Rivalität verbunden sind. Beide wollen an die Spitze, beide wollen vor dem Nachbarn stehen. Im Biathlon ist das nicht anders.
Olympia 2026: "Völliges Fiasko" für große Biathlon-Nation
„Völliges Fiasko“
Abseits der Loipe schätzt man sich, auf der Strecke kennt man kein Pardon. Umso bemerkenswerter war, was sich im Herren-Massenstart bei den Olympischen Winterspielen zutrug. Nach dem Rennen flossen auf beiden Seiten Tränen – allerdings aus gänzlich unterschiedlichen Gründen.
Hier die triumphalen Sieger, dort die tief Enttäuschten. Als der Norweger Johannes Dale-Skjevdal jubelnd über die Ziellinie rutschte und den größten Moment seiner Karriere kaum fassen konnte, hatte Sebastian Samuelsson, bester Schwede des Tages, noch nicht einmal die vorletzte Zwischenzeit passiert.
Ein Debakel von übelstem Ausmaß für die sonst so stolze Biathlon-Nation. Im Ziel lag der 28-Jährige 3:35 Minuten hinter Dale-Skjevdal.
„Heute war es Mist“: Biathleten klagen über Material
Alle Norweger feierten da längst ausgelassen. Goldgewinner Dale-Skjevdal weinte vor Glück, sein Teamkollege Sturla Holm Laegreid sicherte sich als Zweiter erneut Edelmetall. Auch Vetle Sjastad Christiansen (5.) und Johan-Olav Botn (6.) mischten im Vorderfeld mit.
Und die Schweden? Platz 19 für einen sichtlich bedienten Samuelsson, der sich damit immerhin noch vor Martin Ponsiluoma (21.) und Jesper Nelin (26.) behauptete. Doch in den schwedischen Reihen gab es hinterher nichts außer Frust bei allen Beteiligten.
Zusammengerechnet leisteten sich Samuelsson, Ponsiluoma und Nelin 18 Fehler am Schießstand. „Völliges Fiasko“, titelte die Boulevardzeitung Aftonbladet und bekannte schonungslos: „Die Schweden gehörten zur zweiten Kategorie.“
Lange Gesichter bei den Schweden
Aber nicht allein die schwache Trefferquote sorgte für verdammt lange Gesichter. Noch gravierender stellten sich die Defizite in der Loipe dar – oder präziser: am Material. Nach Aussagen der Athleten waren die Skier am Freitag nicht einmal annähernd konkurrenzfähig.
„Die Skier waren die schlechtesten, die ich je hatte. Ich hasse es, mich über solche Sachen zu beschweren, aber heute war es Mist“, sagte Samuelsson im Gespräch mit HBO Max.
Nelin schlug in eine ähnliche Kerbe. „Es ist sehr frustrierend. Ich spreche eigentlich nicht gerne über das Material, aber jeder hat gesehen, wie es aussieht“, erklärte er – und fügte an: „Mental gerät man völlig aus dem Gleichgewicht. Es ist so verdammt hart. Ich schaffe es nicht, mich zusammenzureißen.“
Ein Blick auf die reine Performance in der Loipe offenbart das ganze Ausmaß des Dilemmas. Ponsiluoma, gewöhnlich einer der Schnellsten im Feld und Olympiasieger in der Verfolgung, kam lediglich auf die 14. Laufzeit – mehr als zwei Minuten langsamer als der in dieser Teildisziplin überragende Quentin Fillon Maillet. Im Biathlon ist das eine Welt.
Samuelsson verlor in der Spur gar 2:46 Minuten auf den Franzosen, Nelin büßte knapp drei Minuten ein. Hinterher sollen sich Schwedens Ski-Techniker entschuldigt haben.
Biathlon: Samuelsson reist bitter enttäuscht ab
Besonders hart traf das finale Männer-Rennen der Winterspiele Samuelsson. Als Dritter des Gesamtweltcups reiste er mit hohen Erwartungen nach Antholz – nun verlässt er Südtirol ohne eine Einzelmedaille.
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich finde eigentlich, dass wir gut abschneiden, der Sprint war gut, die Verfolgung war gut, aber ja, es reicht irgendwie nicht“, sagte er unter Tränen im Interview mit SVT Sport, ehe er das Gespräch abbrach.
Erst einige Minuten später kehrte er vor die Kameras zurück und erzählte weiter.
„Heute waren die Skier wirklich so schlecht. Es hätte nichts gebracht, wenn ich 25 Treffer (nur 20 waren möglich; Anm. d. Red.) geschossen und schneller als (Johannes Hösflot) Kläbo gewesen wäre“, setzte Samuelsson mit bitterer Ironie nach.
Denn generell verliefen die Biathlon-Wettkämpfe für Schweden nicht nach Wunsch. Einmal Gold durch Ponsiluoma, Bronze mit der Herren-Staffel und Silber bei den Frauen – gemessen an den eigenen Ansprüchen ist die Bilanz vor allem eines: ernüchternd.