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„Das ist ein Ego-Problem von ein paar Athleten“

„Das ist ein Ego-Problem von ein paar Athleten“

Markus Rehm will weiter streiten für mehr Inklusion im Spitzensport. Im SPORT1-Interview spricht der Bladejumper über die Skepsis von Athleten, den Streit mit dem IOC, das CAS-Urteil - und schildert eine neue Vision.
Markus Rehm durfte nicht bei Olympia in Tokio starten
Markus Rehm durfte nicht bei Olympia in Tokio starten
© Imago
Holger Luhmann
von Holger Luhmann
am 28. Sept

An der Costa del Sol ist Markus Rehm in seinem Element. Im Club der Besten kann sich der Paralympics-Sieger im Weitsprung mit Deutschlands Top-Athleten messen. Ganz ohne Streit um Inklusion - wenn auch nur bei den täglichen Challenges im Pool. Dennoch: Der Bladejumper, der als 14-Jähriger bei einem Wakeboard-Unfall sein rechtes Bein unterhalb des Knies verlor, genießt das Miteinander.

In der Mittagspause hat sich Rehm Zeit genommen, um im SPORT1-Interview über den Streit mit dem Weltverband und dem IOC sowie das Urteil des Internationalen Sportgerichts CAS zu sprechen. Der 33-Jährige stellt klar: In seinem persönlichen Kampf um gemeinsame Starts will er nicht nachlassen, zudem verfolgt er eine neue Vision.

SPORT1: Sie haben einen guten Eindruck bei der Challenge im Club-Pool hinterlassen...

Markus Rehm: Ach, ich glaube, ich war gar nicht so schnell. Mich hat es auf dem Parcours zweimal halb ins Wasser gelegt (lacht). Aber es macht Spaß, sich mit den Besten zu messen. Das ist schon eine Herausforderung. Die Anmeldeliste ist so hochkarätig mit all diesen Top-Sportlern. Es ist cool hier.

SPORT1: Haben Sie schon Post bekommen vom CAS und eine Begründung, warum Ihre Klage auf ein Startrecht bei Olympia in Tokio abgelehnt wurde?

Rehm: Die Antwort habe ich tatsächlich bekommen, aber ich habe sie noch nicht gelesen. Ich möchte jetzt erstmal die Zeit hier genießen. Dann werde ich mich in einem ruhigen Moment hinsetzen und das alles für mich aufarbeiten. Die Frage ist ja auch: Wie geht es weiter?

SPORT1: Was haben Sie vor?

Rehm: Es gibt ja nächstes Jahr noch die Weltmeisterschaft. Das wäre eine coole Option, wo ich starten könnte. Da werde ich auf jeden Fall ins Gespräch gehen. Das Ziel bleibt, langfristig mehr gemeinsame Wettkämpfe zu bestreiten. Ich finde es einfach schade, wenn man das so knallhart trennt. Die ganze Diskussion um Vor- und Nachteile verstehe ich ja auch. Trotzdem muss man es doch hinbekommen, unseren Sport auf andere Weise zu präsentieren. Und das geht meiner Meinung nach zusammen viel besser als getrennt.

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SPORT1: Bei Olympia wollten Sie sich in den Wettkampf einklagen, richtig?

Rehm: Jein. Es stimmt, dass ich mich für den offiziellen Wettkampf bewerben musste. Ich habe aber immer gesagt, dass ich in einer getrennten Wertung starten möchte. Das habe ich bei der Anhörung vor dem CAS auch nochmal betont. Der Richter hat auch empfohlen, dass wir uns darüber außergerichtlich unterhalten. Der Weltverband und das IOC haben das aber abgelehnt.

SPORT1: Hatten IOC und Weltverband womöglich Angst, dass Fakten geschaffen werden nach dem Motto: der kann ja viel versprechen?

Rehm: Das mag sein. Aber dieses Gegeneinander will ich gar nicht.

SPORT1: Verstehen Sie denn Skeptiker, die anführen, dass eine Vergleichbarkeit der Leistungen schwierig ist?

Rehm: Natürlich. Deswegen gilt ja auch mein Angebot: Lass uns getrennt werten, dann nehme ich niemandem etwas weg.

SPORT1: Manche Sportler bzw. Kontrahenten sehen das anders ...

Rehm: Das ist ein Ego-Problem von ein paar Athleten. Dass die keine Lust haben gegen mich zu verlieren bzw. kürzer zu springen. Wenn man clever ist, kann man das doch auch super gemeinsam vermarkten. Ich sage: Lasst uns zusammentun: Der Olympiasieger und der Paralympics-Gewinner treffen sich ein paar Mal im Jahr zum Battle.

SPORT1: Sie sind ein Vorstreiter für Para-Athleten. In anderen Ländern ist der Stellenwert schon viel höher ...

Rehm: Die Paralympics in Tokio waren dafür ein gutes Beispiel. Die Japaner sind uns gegenüber ohnehin sehr begeisterungsfähig. Was ich da schon erlebt habe! Als ich in Japan mal Weltrekord gesprungen bin, haben sie den Absprungbalken abgebaut, den musste ich dann signieren. Eine ältere Frau hat mir ihren Schal auf die Bahn geworfen und gesagt: Das ist ein Geschenk für die tolle Weite.

SPORT1: In Deutschland besteht also noch Nachholbedarf?

Rehm: Die Förderung ist natürlich noch nicht eins zu eins die gleiche. Aber wenn man zurückblickt, sieht man: Wir haben schon viel erreicht. Die Förderung und Prämien sind angeglichen worden. Es gibt auch private Sponsoren, die sich immer mehr engagieren. Es hat sich viel getan. Ich sage: Lasst uns weitermachen. Nicht fordern, sondern überzeugen durch Leistung. Dann sind wir in ein paar Jahren auf Augenhöhe.

SPORT1: Wie teuer ist alleine Ihre Prothese?

Rehm: Die kostet fast 8.000 Euro. Das ist noch nicht einmal das Top-Modell. Es gibt welche, die liegen bei 20.000 Euro, mit elektronischen Bauteilen. Die Wettkampf-Prothese kostet auch um die 8.000 Euro.

SPORT1: Ist das ein Sondermodell? Und können andere Sportler sich solch teure Prothesen überhaupt leisten?

Rehm: Ich habe keine Sondermodelle oder Prototypen, das ist auch gar nicht erlaubt. In Europa gibt es kein großes Gefälle, was die Nutzung von Prothesen angeht. In den vergangenen Jahren habe ich mit meinem Prothesenhersteller ein neues Modell entwickelt für den Weitsprung. Das habe ich auch gemacht, damit anderen Athleten dieses Setup ebenso zur Verfügung steht.

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