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Vor Super Bowl: Deshalb stagnieren die deutschen Spieler in der NFL

Kuhn erklärt NFL-Boom in Deutschland

Wieso tritt aktuell kaum ein Deutscher in der NFL nachhaltig in Erscheinung? Und wie steht es um American Football in Deutschland? Das SPORT1-Interview mit Markus Kuhn.
Markus Kuhn hat vier Jahre lang für die New York Giants in der NFL gespielt. Im SPORT1-Interview spricht der deutsche Ex-Profi und heutige TV-Experte über die Chancen eines deutschen Spielers, heute Spieler in der NFL zu werden.
Wieso tritt aktuell kaum ein Deutscher in der NFL nachhaltig in Erscheinung? Und wie steht es um American Football in Deutschland? Das SPORT1-Interview mit Markus Kuhn.

Seinen Platz in der deutschen Football-Geschichte hat Markus Kuhn für immer sicher, seit er 2014 als erster Deutscher einen Touchdown in der NFL erzielte.

Viele potenzielle Erben gibt es aktuell aber nicht: Zwar steht Lorenz Metz vor dem Super Bowl (am Sonntag ab 23.15 Uhr live bei RTL im Free-TV) auf dem Practice Squad im erweiterten Kader der New England Patriots, richtig auf sich aufmerksam machte in dieser Saison aus deutscher Sicht allerdings wieder einmal nur der in den USA geborene und aufgewachsene Amon-Ra St. Brown.

Grund genug, um mit Kuhn im SPORT1-Interview in San Francisco einmal über die deutsche Note in der NFL und den Stellenwert des Sports in Deutschland zu sprechen: Wieso hält die sportliche Entwicklung mit der neben dem Platz nicht Schritt? Wie schwer ist es, es aus Deutschland in die NFL zu schaffen? Und welche Rolle kann das bald olympische Flag Football für die Entwicklung spielen?

NFL in Deutschland „komplett verrückt“

SPORT1: Markus, du wirst für immer der erste Deutsche sein, der in der NFL einen Touchdown erzielt hat. Wie hat sich Football in Deutschland aus deiner Sicht seit damals entwickelt?

Markus Kuhn: Ich habe 2002 mit American Football angefangen, da war das noch eine komplette Außenseiter-Sportart - gefühlt keiner hat das gespielt, noch weniger geschaut. Und jetzt haben wir inzwischen regelmäßige NFL-Spiele in Deutschland. Es ist wirklich komplett verrückt, was global mit dem Sport passiert ist und dann natürlich auch in Deutschland. Dass jetzt mehrere Ligen versuchen, irgendwie Fuß zu fassen - auch wenn die Frage ist, ob das die richtige Entwicklung ist. Jeden Sonntag kommt American Football bei RTL, wir haben mit DAZN noch einen anderen Partner. Der Sport ist in der breiten Masse angekommen und das ist eine schöne Entwicklung.

NEU: Die NFL-Highlights im Video bei SPORT1

SPORT1: Du hast die NFL-Spiele in Deutschland angesprochen. Wie wichtig sind gerade die für die Entwicklung?

Kuhn: Zum einen ist es natürlich das Spiel an sich, aber es ist auch, was drumherum passiert. So viele Leute haben nicht die Möglichkeit, nach Amerika zu fliegen - aber nach München, damals nach Frankfurt oder nach Berlin zu fahren, ist natürlich um einiges leichter. Und dadurch, dass die Teams auch um das Spiel herum viel machen, hast du 100 Prozent NFL für eine ganze Woche.

Das Problem von Football in Deutschland

SPORT1: In Sachen deutsche Spieler in der NFL stagniert die Entwicklung zuletzt allerdings, ist sogar eher rückläufig. Was fehlt, um mehr Deutsche auf dem Rasen zu sehen?

Kuhn: In meinen Augen einfach eine gute Nachwuchsarbeit. Der AFVD hat zwar viel Zulauf und mehr Spieler als zu meinen aktiven Zeiten, aber vielleicht werden sie nicht gut genug entwickelt. Auf der sportlichen Seite gibt es da noch viele Sachen, die schwierig sind. Es ist immer am besten, so früh wie möglich nach Amerika zu gehen und dort zu versuchen, den Sport auszuüben. Da hast du andere Möglichkeiten, ein ganz anderes Coaching. Die meisten Leute haben nicht von richtigen Football-Coaches gelernt, da fehlt auf vielen Ebenen noch Unterstützung. Ich glaube, da könnte vielleicht auch die NFL noch ansetzen.

SPORT1: In deinen Augen ist dieser Weg direkt aus Deutschland in die NFL also kaum realistisch?

Kuhn: Es ist ja so: Du kannst in Amerika Highschool-Spieler sein und es ist fast unmöglich, in die NFL zu kommen - dann ist es logischerweise aus Deutschland noch mal unrealistischer. Wir hatten das Glück, eine Phase zu haben, in der wir ein paar Jungs aus Deutschland hatten, die gespielt haben. Aber insgesamt zeigt die Entwicklung, wie schwierig es ist, in die NFL zu kommen und dann da auch ein paar Jahre zu spielen. Das schaffen selbst die meisten Amerikaner nicht.

„Not for long“: Der harte Weg in die NFL

SPORT1: Weil du es gerade angesprochen hast: Ist es schwieriger, in die NFL zu kommen oder dort zu bleiben?

Kuhn: Ähnlich schwierig. NFL steht ja auch für „not for long“. Die Durchschnittskarriere dauert weniger als drei Jahre - und da hast du noch ein paar Jungs wie Tom Brady, die über 20 Jahre spielen und die Statistik ein bisschen kaputt machen. Es ist fast unmöglich, in die Liga zu kommen und dann extrem hart, dort zu bleiben.

SPORT1: Was würdest du einem jungen deutschen Footballer raten, der trotzdem diesen Traum von der NFL hat - und inwiefern unterstützt du vielleicht auch schon das eine oder andere Talent als Mentor?

Kuhn: Wenn Jungs Potenzial haben und vielleicht einen gewissen Weg schon gegangen sind, unterstütze ich immer gerne mit kleinen Tipps. Aber wie bei allem im Leben: Man muss selbst motiviert sein und sich fragen: Was kann ich extra machen? Kann ich noch mehr Film schauen? Kann ich in den Kraftraum gehen? Kann ich mich noch dehnen? Was kann ich tun, damit ich allgemein körperlich auf dem höchsten Level bin, das ich aus mir herausholen kann. Natürlich hilft es nicht, wenn man 1,65 Meter groß ist und 50 Kilogramm wiegt - dann ist man wahrscheinlich nicht der optimale NFL-Spieler. Da hilft es eher, wenn du 1,95 Meter groß bist und gefühlt schon mit 100 Kilogramm auf die Welt gekommen bist.

Flag Football und Olympia 2028 als Chance

SPORT1: Zumindest im Flag Football spielt das eine etwas kleinere Rolle. Welche Bedeutung kann die kontaktlose Variante des Sports für dessen weitere Entwicklung haben?

Kuhn: Ich glaube, dass es dem Sport in der Breite noch mal mehr Aufmerksamkeit bringt. Die wenigsten Leute, die Flag Football sehen, den Sport vielleicht sogar selbst ausüben, haben Lust, sich die Pads anzuziehen und auf dem Feld American Football zu spielen - aber jeder kann mit einem Handtuch oder einem Socken in der Hose mit einem Ei auf einen Acker gehen und zumindest mal zum Spaß Flag Football spielen.

SPORT1: Und 2028 wird Flag Football dann ja auch Teil der Olympischen Spiele sein.

Kuhn: Für jeden, der diesen Sport ausübt, ist das natürlich eine Riesenchance, dann auf einmal Olympionike oder Olympionikin zu werden. Wenn die Leute den Sport schauen wollen, dann werden die meisten aber weiterhin bei der NFL zuschauen.

Die NFL live im Free-TV bei RTL - und im Stream bei DAZN oder dem Game Pass

SPORT1: Die klare Nummer 1 der Sportarten in Deutschland ist und bleibt der Fußball, von dem Kritiker allerdings sagen, er entferne sich zunehmend von den Fans. Ist das vielleicht eine Chance für die NFL, mit mehr Nahbarkeit in eine womöglich entstehende Lücke hineinzustoßen?

Kuhn: Ich glaube, der Fußball ist den Fans in Deutschland schon noch um einiges näher. Im Fußball macht man sich immer sehr viele Gedanken um die Gefühle, die Gedanken, das Empfinden der Fans - manchmal vielleicht sogar zu viele. In Amerika finde ich es einfach schön, dass man immer mit der Familie ins Stadion gehen kann und den ganzen Tag Entertainment hat. Das ist ein ganz anderes Produkt. Da ist einfach für Groß und Klein, Männer und Frauen so viel geboten, dass es jedem gefallen kann.

„Produkt“ NFL und Kuhns Super Bowl Tipp

SPORT1: Du benutzt ganz automatisch das Wort „Produkt“. Ist das vielleicht der entscheidende Unterschied zwischen Fußball und American Football?

Kuhn: Die NFL ist eben die profitabelste Profi-Sportliga, ein Klub von 32 Milliardären, inzwischen sogar noch ein paar mehr. Wir wissen alle, worum es in diesem Sport geht. Aber trotzdem haben wir mit die besten Athleten auf der Welt, die wirklich jedes Mal ein Feuerwerk abbrennen.

SPORT1: Zum Abschluss müssen wir natürlich noch einen kurzen Blick auf das Spiel am Sonntag werfen. Die Seahawks gehen gegen die Patriots als Favorit in die Partie, was erwartest du von diesem Duell?

Kuhn: Ein Topspiel! Die beiden Teams haben eine Vorgeschichte, auch im Super Bowl. Ich war jetzt in Seattle im Stadion und da haben die Fans das Team gefühlt in den Super Bowl getragen. Es war unglaublich laut dort, eine unglaubliche Atmosphäre - aber diesen Vorteil haben sie jetzt logischerweise nicht. Die Patriots werden gut vorbereitet sein, haben auf vielen Positionen wie Headcoach und Offensive Coordinator sehr viel Super-Bowl-Erfahrung. Sie werden Vollgas geben und ich sehe sie das Spiel sogar gewinnen.

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