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München - Nach der Final-Pleite gegen die Raptors ist die Zukunft der Golden State Warriors ungewiss wie lange nicht. Die einstige Dynastie droht auseinanderzubrechen.

Als die Uhr in der Oracle Arena in Oakland auf Null sprang, kannte der Jubel bei den Toronto Raptors keine Grenzen mehr. 

Gerade hatte Kawhi Leonard den alles entscheidenden Freiwurf zum 114:110-Sieg gegen die Golden State Warriors verwandelt und sein Team damit zum ersten NBA-Titel in der Geschichte der Franchise und gleichzeitig auch zur ersten Meisterschaft einer kanadischen Mannschaft geführt.

Als einer der ersten Gratulanten eilte Steph Curry zu dem als Finals-MVP ausgezeichneten Leonard und beglückwünschte diesen zu seiner zweiten Meisterschaft nach 2014 mit den San Antonio Spurs, wohl wissend, dass dieser Moment auch das Ende einer fünf Jahre andauernden Erfolgs-Ära seiner Warriors darstellen könnte. Denn nicht nur der Angriff auf Michael Jordans legendäre Bulls als beste Dynastie ever ist erst einmal dahin, die schweren Verletzungen und finanzielle Zwänge drohen, das Superteam zu sprengen.

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"Big Four" drohen auseinander zu brechen

Während man zwischen 1994 und 2012 nur ein einziges Mal die Playoffs erreicht hatte, wurde seit des Drafts von Curry im Jahr 2009 eine Mannschaft geformt, deren Entwicklung in fünf Final-Teilnahmen in Serie und den Meisterschaften 2015, 2017 und 2019  und einer Rekordsaison mit 73 Siegen bei nur neun Niederlagen (2016) gipfelte.

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Nachdem zunächst Klay Thompson (2011) und Draymond Green (2012) beim Draft gewählt wurden, schloss sich 2016 auch Superstar Kevin Durant der Franchise aus Kalifornien an und begründete damit die Geburt der sogenannten "Big Four". Doch genau diese Ära ist möglicherweise vorbei.

Denn während Curry auch im nächsten Jahr für die Warriors auf Körbejagd geht, stehen die Anzeichen bei Durant bereits seit geraumer Zeit auf Abschied. Und auch Thompson, der mit Curry gemeinsam die legendären "Splash Brothers" bildet, könnte seine Zelte in der kommenden Saison anderenorts aufschlagen.

Durant und Thompson werden zu Free-Agents

Die New York Knicks, schlechtestes Team der abgelaufenen Saison, buhlen seit Monaten um die Dienste von Durant, der wie Thompson im Sommer zum Free Agent werden kann und sich folglich seinen neuen Arbeitgeber frei auswählen könnte. Offenbar plant der 30-Jährige, eine Mannschaft zum Erfolg zu führen, die nicht wie die Warriors bereits gespickt mit All-Stars ist und zugleich einen Maximalvertrag abzustauben.

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Jedoch dürfte sich der Markt für den Forward nach dessen schwere Achillessehnenverletzung und der damit verbundenen langen Ausfallzeit drastisch verändert haben und auch sein anvisiertes Gehalt beeinflussen. Das Paradoxe: deshalb steigen die Chancen der Warriors, denn Durant hat eine Spieleroption für 31,5 Million Dollar. Die könnte er nun ziehen, in Ruhe wieder fit werden und dann 2020 Free Agent werden.

Ähnlich gestaltet sich auch die Situation bei Thompson, der sich im sechsten Spiel der Finalserie das linke vordere Kreuzband gerissen hat. Auch er könnte sich im Sommer einem neuen Team anschließen und dort auf einen Maximalvertrag pochen. Allerdings hatte der Shooting Guard bereits im vergangenen Jahr gesagt, er könne sich vorstellen, "ein Warrior for life" zu sein. Die Warriors wollen ihn auch auf jeden Fall halten.

Salary Cap könnte für Golden State zum Problem werden

Zum Problem in der offenen Vertragssituation könnte der sogenannte "Salary Cap" - die Gehaltsobergrenze - werden. Bereits in diesem Jahr überschritt Golden State die Obergrenze deutlich und musste daher kräftig an Luxussteuer oben drauf zahlen. 

In US-Medien ist von einer Summe von bis zu 200 Millionen Dollar an Luxussteuer die Rede, fraglich ob die "Dubs" bereits sind, diese für zwei Langzeitverletzte in Kauf zu nehmen. 2020 wird zudem Draymond Green Free Agent, den ebenfalls ein großer Zahltag erwartet. Das Problem für Golden State: aktuell liegen sie mit den sogenannten "Cap Holds" (Zahlen der aktuellen Free Agents, wenn sie für das gleiche Geld bleiben würden) bereits über der Gehaltsobergrenze für 2019/20.

Das heißt, selbst wenn sie Thompson, DeMarcus Cousins und Co. nicht halten, können sie keine Verstärkungen holen, die mehr als das Gehaltsminimum verdienen. Es blieben nur Trades von 2020 auslaufenden Verträgen wie Andre Iguoadala - oder sogar Green. Verlängern dürfen sie mit eigenen Spielern dagegen schon, aber Durant wird wohl gar nicht spielen, Thompson wohl nicht vor April. Cousins dürfen sie maximal rund 6,5 Millionen bieten - ob das reichen wird, ist offen.

Eigentümer Joe Lacob hatte bereits im Februar  bei The Athletic angekündigt, Thompson und Durant auf jeden Fall halten zu wollen: "Wir können finanziell tun was wir wollen. Wir haben die Kapazitäten unseren Spielern das zu bezahlen, was sie verdienen. Und das werden wir auch tun." Für die kommende Saison wird das allerdings wenig helfen.

Zweite Reihe nicht stark genug besetzt

Droht den Warriors am Ende sogar ein Übergangsjahr mit "nur" zwei All-Stars (Curry, Green)? Denn nicht nur was seine erste Reihe betrifft, steht Head Coach Steve Kerr vor einer noch ungewissen Zukunft. Mit Shaun Livingston, Andrew Bogut oder Andre Iguodala haben die Warriors gleich mehrere Rollenspieler jenseits der 30er in ihren Reihen.

Zwar zeigte insbesondere "Iggy", als Vertreter des verletzten Durant, in den Playoffs teilweise überragende Leistungen, vollwertig ersetzen konnte er den zweifachen Finals-MVP allerdings nicht. Gerade in der Offense offenbarte sich dessen Fehlen im Verlauf der Finalserie immer deutlicher.  

Nach dem Ausfall von Thompson mussten urplötzlich sogar Alfonzo McKinnie, Quinn Cook und Jonas Jerebko in die Bresche springen. Spieler, die entweder noch zu unerfahren sind oder schlichtweg nicht die Klasse besitzen, in einem Finale voran zu gehen.

Warriors kehren nach San Francisco zurück

Die Warriors sind daher gut beraten, eine schnelle Lösung in der Kaderplanung für die im Oktober beginnende Spielzeit zu finden. Ansonsten könnte schon bald ein böses Erwachen drohen, denn die Konkurrenz schläft nicht und wird mit aller Macht versuchen, die sich bietende Chance zu nutzen.

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Denn spätestens seit Freitag weiß auch der Letzte, dass die Warriors schlagbar sind, der Titelkampf könnte 2019/2020 spannend wie lange nicht mehr werden.  

Wenigstens in Sachen Heimspielstätte haben sie bei Golden State schon Gewissheit. Mit dem Umzug aus der Oracle Arena in Oakland ins neugebaute Chase Center kehren die Warriors nach 48 Jahren zurück nach San Francisco. 

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