vergrößernverkleinern
Oliver Kreuzer (l., mit Vorstandsboss Heribert Bruchhagen, M., und Präsident Bernd Hoffmann) war elf Monate Sportchef beim Hamburger SV © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Getty Images/Imago
teilenE-MailKommentare

München - Der frühere Sportdirektor des Hamburger SV, Oliver Kreuzer, spricht bei SPORT1 über einen drohenden Abstieg der Hanseaten und Trainer Bernd Hollerbach.

Oliver Kreuzer kennt den Abstiegskampf in Hamburg.

Der 52-Jährige arbeitete von Juni 2013 bis Juli 2014 als Sportdirektor beim Hamburger SV. Mit ihm und dem damaligen Coach Mirko Slomka schaffte der Bundesliga-Dino 2014 in der Relegation gegen Greuther Fürth den Klassenerhalt.

Über zwei mögliche Zusatzspiele nach der Saison wären die HSV-Verantwortlichen aktuell sehr glücklich.

Im SPORT1-Interview spricht Kreuzer über den drohenden Abstieg, Trainer Bernd Hollerbach und beleuchtet kritisch die Hamburger Bosse.

SPORT1: Herr Kreuzer, was sagen Sie dazu, dass sich der HSV aufgibt? Nur Hollerbach blendet die Tabellensituation aus.

Oliver Kreuzer: Er muss als verantwortlicher Trainer positiv denken und kommunizieren. Es bringt nichts aufzugeben. Und Bernd muss der Mannschaft für die restlichen neun Spiele auch ein Stück weit Hoffnung mitgeben. Das ist doch ganz normal. Ich kann ihn da schon verstehen, dass er den Deckel noch nicht drauf macht.

Hollerbach beschönigt: "Haben richtig gutes Spiel gemacht"

SPORT1: Selbst Sportchef Jens Todt hat sich nach dem Spiel gegen Mainz realistisch gezeigt und gesagt, dass nur noch ein großes Wunder hilft.

Kreuzer: Jens ist da mehr Realist und weiß, dass die Ausgangssituation nach dem Remis gegen Mainz umso schwieriger geworden ist. Er weiß, die Lage richtig einzuschätzen. Das heißt nicht, dass Bernd diese verkennt, aber als Trainer kannst du dich nicht hinstellen und sagen: "Das war's, jetzt geht der Blick nach vorne Richtung Zweite Liga."

SPORT1: Aber von außen betrachtet ist die Lage aussichtslos...

Kreuzer: Eigentlich schon. Der HSV hat zwölf Spiele nicht gewonnen und es sind nur noch neun Begegnungen. Man müsste mindestens vier Spiele gewinnen, dann hätte man 30 Punkte auf dem Konto, aber selbst das wird am Ende nicht reichen. Also müssen fünf Siege von neun Spielen her - mit dem Wissen, dass die zurückliegenden zwölf Partien nicht gewonnen wurden.

SPORT1: Ist Hollerbach schon gescheitert?

Kreuzer: Was heißt gescheitert? Er war mutig und hat diese brutal schwierige Situation angenommen. Ihm liegt der Verein am Herzen. Der HSV hat aber mit Bernd sechs Spiele nicht gewinnen können. Also kann man nicht von einer Verbesserung sprechen, die da eingetreten ist nach dem Trainerwechsel.

SPORT1-Reporter Reinhard Franke (l.) traf Oliver Kreuzer zum Interview
SPORT1-Reporter Reinhard Franke (l.) traf Oliver Kreuzer zum Interview © Reinhard Franke

SPORT1: Unter Gisdol stand der HSV besser da...

Kreuzer: Das stimmt. Unter Markus Gisdol war es nur ein Punkt zum Relegationsplatz, jetzt sind es sieben. Unter Gisdol wäre es nicht schlechter gelaufen, obwohl man natürlich alles probieren muss, um die Klasse zu halten. Ich habe da absolut Verständnis, dass man den Trainer ausgetauscht hat. Heribert Bruchhagen hat sich das gewiss anders vorgestellt. Er hat bei Eintracht Frankfurt erfolgreiche Arbeit abgeliefert. Auch Jens Todt (Sportchef, d. Red.) hat in Karlsruhe einen super Job gemacht.

SPORT1: Auf der Pressekonferenz vor dem Mainz-Spiel hat sich Hollerbach nur in Phrasen gerettet...

Kreuzer: Was soll er denn machen? Ich kann ihn sogar verstehen. Er muss seiner Mannschaft signalisieren, dass Aufgeben keine Option ist. Auch, wenn das Umfeld schon resigniert. Aber weiß der Teufel, wie es im Fußball läuft. Da sind schon die tollsten Dinge passiert...

SPORT1: Was meinen Sie?

Kreuzer: Es kann ja sein, dass der HSV den Abstand bis zwei, drei Spieltage vor Schluss aufgrund glücklicher Umstände - das heißt Resultaten der Konkurrenz - auf drei, vier Punkte reduzieren kann. Das wäre ja Wahnsinn. Und trotz dieser schlimmen Negativserie kann das passieren. Wenn Hollerbach jetzt aber sagen würde: "Jungs, das war's für uns, zu 90 Prozent sind wir abgestiegen", was soll er dann trainieren? Dann können sie den Laden dicht machen.

SPORT1: Es gibt viele Stimmen, die sagen, dass es der HSV jetzt mal verdient hätte, abzusteigen. Denken Sie auch so?

Kreuzer: So denke ich nicht, denn dazu mag ich diesen Verein zu sehr. Aber wenn man sich die HSV-Chronologie der vergangenen Jahre anschaut, dann hat man kein gutes Gefühl. Zu meiner Zeit sind wir in der Relegation gegen Greuther Fürth auch mit einem blauen Auge durchgerutscht. Die Relegation gegen den Karlsruher SC war auch unglaublich. Da bin ich ehrlich: Wir sind mit einem wohlwollenden Schiedsrichter drin geblieben. Und deshalb ist jetzt die öffentliche Meinung: "Dieses Jahr ist das Glück aufgebraucht und der HSV schafft es nicht." Ich glaube es leider auch: Der HSV wird absteigen.

Dopa-Experten einig: HSV kann einpacken

SPORT1: Haben Sie mit Todt mal gesprochen?

Kreuzer: Nein. Er braucht jetzt auch keine Ratschläge von mir. Ich weiß, wie es in ihm aussieht. Die Situation ähnelt meiner Zeit beim HSV. Nach meinem Jahr wurde die Ausgliederung vollzogen, da wurde der Aufsichtsrat gewechselt und es kamen neue Leute. Bei Jens ist es jetzt ähnlich, weil in Bernd Hoffmann ein neuer Präsident gekommen ist.

SPORT1: Was halten Sie von Hoffmann?

Kreuzer: Er hat schon Ideen und zu seiner Zeit damals war der Verein auch erfolgreich. Das waren die letzten erfolgreichen Jahre unter seiner Leitung - auch international.

SPORT1: Aber er ist jetzt kein neuer Kopf für einen echten Neuanfang...

Kreuzer: Das ist richtig, aber auch Hoffmann hat aus der damaligen Zeit gelernt, als er mit Dietmar Beiersdorfer aneinander geraten und Didi (Beiersdorfer, d. Red.) dann gegangen ist. Hoffmann dachte, er könne Vorstandsvorsitzender und Sportchef in Personalunion sein, aber das ging schief. Wenn es in die Zweite Liga geht, dann wird Hoffmann den Klub komplett neu aufstellen. Das ist dringend notwendig. Wenn man mit dem HSV absteigt, dann kannst du nicht mit den gleichen Leuten den Neuanfang angehen. Da ist viel zu viel Kredit verspielt.

SPORT1: Rafael van der Vaart brachte bei SPORT1 Thomas Doll als Trainer für den Neuanfang ins Gespräch. Wäre Doll der Richtige für die Mission Wiederaufstieg?

Kreuzer: Dolli wäre ein Kandidat - definitiv. Er ist ein super Typ und kommt in Hamburg gut an. Das qualifiziert ihn nicht automatisch, aber er hat in Ungarn nachhaltig gezeigt, dass er ein guter Trainer ist.

-----

Lesen Sie auch:

HSV gibt auf - nur Hollerbach tickt anders

Abschiedstour oder Wunder? Neun Chancen für den HSV

Nächste Artikel
previous article imagenext article image