Hitzfeld über "Egoist" Lewandowski: "Ich war erschrocken!"
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Basel - Der Eklat um Lewandowski sorgt bei Trainer-Idol Ottmar Hitzfeld für Entsetzen. Im exklusiven SPORT1-Interview spricht er auch über Heynckes und dessen Nachfolger.

Ottmar Hitzfeld hat als Trainer mit dem FC Bayern alles gewonnen - so wie Jupp Heynckes.

Vor dem Saisonfinale spricht der 69-Jährige im exklusiven SPORT1-Interview über Heynckes' sensationelle Rückkehr und dessen Nachfolger Niko Kovac, den er einst Anfang der 2000er Jahre als Spieler beim Rekordmeister trainierte. Zudem äußert sich Hitzfeld zum Wirbel um Robert Lewandowski.

SPORT1: Herr Hitzfeld, wie bewerten Sie das jüngste Verhalten von Robert Lewandowski, insbesondere seinen verweigerten Handschlag mit Jupp Heynckes?

Ottmar Hitzfeld: Ich bin selbst erschrocken, als ich die Fernsehbilder gesehen habe. Das ist natürlich ein No-Go. Wie er sich gegenüber einer Respektsperson wie Jupp Heynckes benommen hat, ist unmöglich. Wenn ein Trainer einen Spieler auswechselt, ist es das Normalste der Welt. Dann muss der Spieler raus, dann klatscht man den neuen Spieler, der reinkommt, ab und wünscht ihm viel Glück. Es geht nicht nur um dem Respekt gegenüber dem Trainer Heynckes, sondern auch um den Respekt gegenüber Wagner (wurde für Lewandowski eingewechselt in Köln, d.Red.). Dass er ihm zeigt: 'Ich wünsche dir noch diese zehn Minuten, damit du auch spielen kannst.' Das wäre ein Teamplayer - und kein Egoist wie Lewandowski.

SPORT1: Ist Egoismus als Stürmer nicht angebracht?

Hitzfeld: Jeder Stürmer ist auch ein bisschen Egoist. Er muss Tore machen und wird an Toren gemessen. Ein Mittelstürmer schießt meistens selbst, um die Torquote zu erhöhen, um Erfolgserlebnisse zu haben. Das ist sein Job. Neben dem Feld ist es aber wichtig, dass das Team funktioniert. Da hat sich Lewandowski mit dieser Situation selbst ins Bein geschossen, denn das wird nicht nur innerhalb des Vereins, sondern auch innerhalb der Mannschaft kritisiert.  

SPORT1: Hätten Sie Lewandowski sanktioniert?

Hitzfeld: Ob ich ihm noch eine Geldstrafe gegeben hätte, weiß ich nicht. Früher habe ich das öfter mal gemacht (lacht). Das kommt immer drauf an, wie das Gespräch mit dem Spieler ist. 

SPORT1: Entfacht ist auf jeden Fall erneut die Debatte, ob die Bayern Lewandowski verkaufen sollten oder nicht. Was denken Sie?

Hitzfeld: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Bayern München mit sich sprechen lässt. Bayern München hat ein klares Statement dazu abgegeben. Bayern braucht kein Geld, sie müssen nicht Millionen einnehmen, um einen neuen Spieler verpflichten zu können. Bayern München ist sehr gesund und stabil, ein Autoritäts-Klub, in dem jeder Respekt vor dem anderen hat. So strahlt es Bayern auch aus. Ich glaube, dass es bei Lewandowski auch damit zusammenhängt, dass er einen neuen Berater hat, der den Spieler natürlich überall anbieten will, der den Preis ein bisschen hochtreiben und beim eigenen Klub vielleicht nochmal eine Gehaltserhöhung erreichen will. Aber es geht letzten Endes um Lewandowski - und über seinen Auftritt habe ich mich sehr geärgert. Das ist nicht Bayern-München-like.   

SPORT1: Glauben Sie, dass Bayern in Zukunft einen 100-Millionen-Transfer tätigen wird?

Hitzfeld: Ich glaube schon, dass Bayern irgendwann den ganz großen Hammer rauslässt und einen Spieler in dreistelliger Millionenhöhe verpflichten wird. Da kommt auch Bayern nicht drum herum. 

Ottmar Hitzfeld im Gespräch mit SPORT1-Chefreporter Digital Florian Plettenberg
Ottmar Hitzfeld im Gespräch mit SPORT1-Chefreporter Digital Florian Plettenberg © SPORT1

SPORT1: Anderes Thema. Wenn Sie das Comeback von Jupp Heynckes mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Hitzfeld: Top, top, top. Aber ich würde auch sagen phänomenal und grandios, wie er mit Bayern den Turnaround geschafft hat und wie er dem Spiel seinen Stempel aufgedrückt hat. 

SPORT1: Was hat er denn anders gemacht als Vorgänger Carlo Ancelotti?

Hitzfeld: Ich möchte zwischen den beiden keine Vergleiche ziehen, aber Jupp Heynckes hat es sofort verstanden, die Mannschaft hinter sich zu bekommen. Er hat Thomas Müller auch wieder sehr stark gemacht, hat die Spieler auf den Positionen spielen lassen, wo sie ihre Stärke zeigen können. Er hat auch viel für den Teamspirit gemacht. Dass nicht nur die erste Elf, sondern der gesamte Kader, das gesamte Umfeld wichtig ist. Er hat alle mit einbezogen und somit auch das "Mia san mia"-Gefühl fortgelebt und gepredigt.

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SPORT1: Heynckes' Nachfolger wird Niko Kovac, der unter Ihnen zwischen 2001 und 2003 bei Bayern gespielt hat. Was für einen Typ bekommt der Rekordmeister mit Kovac?

Hitzfeld: Er hat sich immer für das Team eingesetzt und war auch ein Leader innerhalb der Mannschaft. Auch, wenn er nicht immer gespielt hat. 

SPORT1: Erklären Sie uns das bitte.

Hitzfeld: Er hat alle anderen unterstützt. Er hat einen Gerechtigkeitssinn und ist eine ehrliche Haut. Niko spricht etwas an, wenn ihm was nicht passt. Er hat Führungskompetenz und auch fachliche Kompetenz. Die Fachkompetenz hat er schon in der kroatischen Nationalmannschaft gezeigt und auch in Frankfurt. Dort hat er auch alle Spieler unter einen Hut gebracht. Das war eine großartige Leistung. Daher bin ich davon überzeugt, dass er mit seiner Menschenführung die Stars bei Bayern hinter sich haben wird.  

SPORT1: Die Bayern wollten Heynckes behalten, wollten Tuchel, fragten bei Hasenhüttl an. Kovac ist strenggenommen die 1d-Lösung. Sehen Sie darin, dass er nicht erste Option war, eine Gefahr?

Hitzfeld: Nein, überhaupt nicht. Es gibt immer Kandidaten und man muss immer mit ein paar Kandidaten Kontakt aufnehmen. Niko Kovac wird sich durchbeißen. Wenn der Erfolg ausbleibt, wird es Diskussionen über ihn geben, das ist klar. Dann wird aber über jeden Trainer diskutiert. Aber wenn er erfolgreich sein wird, und davon gehe ich aus, dann wird er ganz schnell Ruhe haben.

SPORT1: Das andere große Thema beim FC Bayern ist aktuell die Gesundheit von Manuel Neuer. Was denken Sie über ihn? Er ist ja jetzt fast acht Monate ohne Pflichtspieleinsatz.

Hitzfeld: Aus der Ferne kann ich das schlecht bewerten. Aber wenn ein Torhüter lange Zeit nicht gespielt hat, braucht er eine gewisse Spielpraxis, er braucht Rhythmus, denn er muss ja wieder seine Reflexe trainieren und die Spielsituationen voraussehen müssen. Obwohl man das ja auch im Kopf trainieren kann. Aber es braucht die absolute athletische und geistige Fitness. Jogi Löw wird in engem Kontakt mit Neuer stehen. Er wird wahrscheinlich mehr als wir über Neuers Leistungsstand wissen.   

SPORT1: Warum ist Neuer immer noch so fokussiert auf die WM und verzichtet nicht freiwillig darauf, um richtig fit zu werden?

Hitzfeld: Manuel Neuer ist ein unglaublich ehrgeiziger Torwart. Er ist auch deshalb Weltmeister geworden, weil er eben diesen Willen hat. Eine WM mit einer tollen Mannschaft und diesem Umfeld spielen zu können, ist etwas Besonderes im Leben. Darum wird Neuer alles daran setzen, wieder mit dabei zu sein und das Gefühl zu genießen, wieder irgendwann auf dem Platz zu stehen und dazu beizutragen, dass Deutschland den Titel holt. Das sind Ziele, die hat man nicht oft im Leben. Manuel Neuer ist auch nicht mehr der Jüngste, er kann nicht mehr so viele Weltmeisterschaften spielen. Von daher ist es legitim, dass er alles unternimmt, um dabei zu sein.

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