So geht Niko Kovac mit seiner ersten Krise um
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München - Niko Kovac steckt mit dem FC Bayern in der Krise. Die Probleme sind vielschichtig. SPORT1 zeigt, welche Herausforderungen Kovac anpacken muss.

Niko Kovac ist erst 100 Tage beim FC Bayern im Amt und steht schon unter Druck.

"Ich kenne die Mechanismen im Fußball, ich weiß, dass die Zeit beim FC Bayern anders läuft als anderswo", sagte Kovac.

Zunächst kann er allerdings in Ruhe weiterarbeiten – solange man das beim Rekordmeister nach vier sieglosen Pflichtspielen in Folge kann. Zumindest sprach Präsident Uli Hoeneß dem Trainer sein Vertrauen aus.

"Ich werde Niko Kovac verteidigen bis aufs Blut", sagte Hoeneß im kicker: "Bei uns herrscht die totale Ruhe."

Doch der Trainer ist in den kommenden Wochen gefordert. SPORT1 zeigt, wo der 46-Jährige anpacken muss – und wo ihm die Hände gebunden sind.

Rotation

Ein großer Streitpunkt ist die Rotation.

Nachdem Kovac diese in den ersten sieben Spielen erfolgreich praktiziert hatte, sein Team sieben Mal als Sieger vom Feld ging und dabei neu eingesetzte Spieler auftrumpften, werden Kovac' Maßnahmen inzwischen - in der Öffentlichkeit - hinterfragt.

"Kovac hat gegen Augsburg zu radikal rotiert", meinte Karlheinz Wild vom kicker im CHECK24 Doppelpass. Damit begann die Abwärtsspirale. Sollte man durch die Rotation eigentlich alle Spieler bei Laune halten, sieht man aktuell durch die stetigen Wechsel kaum glückliche Gesichter.

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Grundsätzlich sei der eine oder andere Wechsel in den intensiven englischen Wochen sinnvoll. Dennoch sollte man "vielleicht mal wieder ein Gebilde finden, in dem man relativ schnell wieder in die Erfolgsspur findet", meinte Ex-Gladbach Coach Andre Schubert im CHECK24 Doppelpass.

Ergo: Kovac muss bei seinen personellen Entscheidungen konsequenter werden.

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Autorität

Kovac' Autorität wirkt etwas angeknackst. "Er muss irgendwann zeigen, dass er der Chef ist und die Entscheidungen trifft – und zwar auch harte", forderte Wild: "Kovac ist zu brav."

Dass ein Arjen Robben oder ein Franck Ribery sauer sind, wenn sie nicht spielen oder ausgewechselt werden, ist unter Kovac nicht anders als unter seinen Vorgängen. Allerdings häuften sich auch sonst zuletzt die Töne der Unruhe - wie bei James.

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Kovac muss den Spagat schaffen, den Spielern gegenüber bestimmter aufzutreten, ohne an Authentizität einzubüßen.

Taktik

"Das Problem ist: Wir haben den Ball, aber wir haben ihn in ungefährlichen Räumen. Weil wir uns mit zu vielen Spielern in völlig ungefährlichen Räumen aufhalten. Wir haben zu wenige Leute da, wo es dem Gegner weh tut", sprach Mats Hummels nach dem 0:3 gegen Gladbach Klartext.

Kritik an Niko Kovac? Nicht zwingend, denn Kovac sei "auch jemand, der es theoretisch ein bisschen anders sehen will." Aber zwischen Theorie und Praxis klafft aktuell eine Lücke, was daran zweifeln lässt, inwieweit der Coach seine Spieler erreicht.

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Schob der Ex-Frankfurt-Trainer die Punktverluste zuletzt auch auf die schwache Chancenverwertung, war es gegen Gladbach "nicht so, dass wir Chancen versemmelt haben. Wir hatten einfach keine", sagte Joshua Kimmich. Das Offensivspiel ist ein großes Problem.

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Allerdings lässt sich in der Länderspielpause kaum an der Taktik arbeiten. Neben den Torhütern Sven Ulreich, Christian Früchtl und Ron-Thorben Hoffmann bleiben nur Robben, Ribery, Sandro Wagner sowie Javi Martinez und Serge Gnabry in München. Zumindest könnte der zuletzt verletzte Rafinha bald zurückkehren.

Personal

Der FC Bayern verzichtete im Sommer bewusst auf teure Verstärkungen. Inzwischen scheint es aber so, dass dies eine Fehlplanung war - zumindest, wenn man auf dem internationalen Top-Niveau, das Bayerns Anspruch ist, bleiben will.

"Wenn du willst, dass es Eins zu Eins weiter geht, musst du einen Weltklassespieler wie Robben oder Ribery mit einem anderen Weltklassespieler ersetzen können. Sonst wirst du das Niveau nicht halten können", sagte Schubert.

Durch die Verletzungen von Kingsley Coman, Corentin Tolisso, Rafinha und jetzt David Alaba wird deutlich, dass nicht nur in der Spitze, sondern auch in der Breite nach den Abgängen von Arturo Vidal, Sebastian Rudy und Juan Bernat Bedarf besteht. "Du hast auf den Außenpositionen in der Defensive zu wenig Leute", so Armin Veh im Doppelpass.

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Hätte sich Kovac im Sommer in Transferfragen deutlicher positionieren müssen? Angesichts solcher Alpha-Tiere wie Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge sicherlich alles andere als einfach.

Kopfproblem

Zu viele Spieler laufen gerade ihrer Form hinterher, dazu setzen sich die negativen Erlebnisse und der Druck im Kopf fest.

"Das ist eine Mannschaft, die alles kann und die es im Moment nicht bringt", sagte SPORT1-Experte Marcel Reif: "Und dafür ist auch ein Trainer verantwortlich, dass er die Mannschaft dazu bringt, das abzuliefern, was sie hat."

Kovac ist auch als Psychologe gefordert, auch wenn er dafür, dass Nationalspieler wie Thomas Müller oder auch die Innenverteidiger Hummels, Boateng und Süle aktuell etwas durchhängen, "nichts kann", wie Schubert meinte: "Das muss der jetzt alles moderieren, das ist jetzt die Herausforderung. Dafür ist er jetzt Trainer, keine Frage."

"Es waren schwierige zehn, 14 Tage", gab Müller am Montag zu: "Wir haben auch einen riesigen Anspruch an uns selbst. Die Länderspielpause komme "zur richtigen Zeit, um wieder durchschnaufen zu können, denn natürlich ist der Druck von außen spürbar."

Auch die Mentalität scheint ein Problem zu sein, gegen Gladbach blieb ein großes Aufbäumen aus. "Du gibst Spieler wie Vidal ab und wunderst dich, dass ein bisschen die Mentalität fehlt", so Reif dazu.

Kovac steht vor großen Herausforderungen.

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