Darum trifft Thiagos Verletzung die Bayern besonders hart
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München - Nach der Verletzung von Thiago muss der FC Bayern seinen stärksten Spieler ersetzen. Übernimmt Kimmich die Rolle des Regisseurs? Für Trainer Kovac tun sich Probleme auf.

Es gibt diesen wunderbaren Satz, der viel aussagt über den Stellenwert von Thiago Alcantara beim FC Bayern derzeit.

Die Süddeutsche Zeitung schrieb dieser Tage über den kleinen Spielmacher, er sei "der Dirigent eines zuweilen atonal musizierenden Orchesters". Das war eine ziemlich treffende Beschreibung dessen, was sich gerade so zuträgt beim Rekordmeister.

Das Spiel der Münchner in diesen Wochen ist arg verstimmt. Es hat etwas von herbstlicher Depression. Zum großen Teil ist es Thiagos Verdienst gewesen, dass der Rumpelfußball in den zurückliegenden Spielen überhaupt mit Punkten belohnt worden ist.

Beim 3:1 in Wolfsburg, einer insgesamt trägen Partie, initiierte er die entscheidenden Angriffszüge, durch die Bayern nach vier sieglosen Spielen in Folge endlich mal wieder gewann. 

Beim 2:1 in Mainz erzielte der Spanier nicht nur das Siegtor, er war auch laufstärkster (12,08 Kilometer) und zweikampffreudigster (127 Duelle) Spieler seines Teams. 

Thiago und die folgenschwere Verletzung

Denker, Lenker und Vorkämpfer: Bislang war Thiago in dieser Saison alles in einem für die Bayern. Dann kam dieses folgenschwere Pokalspiel gegen Rödinghausen

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Ein Tritt des Gegenspielers, direkt auf den Knöchel. Thiago ahnte gleich, wie es um ihn bestellt ist. Tags darauf hatte er Gewissheit: Riss des vorderen Außenbandes und der Gelenk-Kapsel im rechten Fuß

Ein Ausfall von bis zu sechs Wochen droht. Im schlimmsten Fall bestreitet er in diesem Jahr kein Spiel mehr. 

Die bittere Diagnose stellt Trainer Niko Kovac vor ein gravierendes Problem: Wer soll in der heißen Endphase der Hinrunde anstelle Thiagos den Regisseur im Mittelfeld geben?

Als Ballverteiler zentral vor der Abwehr, dort wo ihn Kovac gern hat. Viele Bewerber für diese Aufgabe haben sich in den vergangenen Wochen nicht hervorgetan. 

Kovac schätzt Thiagos Dominanz

Javi Martinez, ein erprobter Abfangjäger, zählt von Natur aus nicht zu den Spielern, von denen Kovac sagt, sie würden "Dominanz ausüben", weil sie stets "die vorwärtsgewandte Lösung suchen - auch wenn ihnen andere Spieler am Rücken hängen". So wie Thiago. 

Dass ist der Grund, warum der eine Spanier (Martinez) unter Kovac häufiger mal draußen sitzt, während der andere (Thiago) in 14 von 15 Pflichtspielen zum Einsatz kam.

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Leon Goretzka, an sich mit reichlich Potenzial für die Sechser-Position ausgestattet, ist derweil noch zu viel mit sich, seiner (unkonstanten) Form und seinem anfälligen Körper beschäftigt, als dass man ihm die tragende Rolle bedenkenlos anvertrauen könnte. 

Bei Renato Sanches ist zwar ein spürbarer Formanstieg zu beobachten, seitdem sein Trainer Niko Kovac heißt. Der Portugiese ist aber mehr Achter denn Sechser und hat zudem die Angewohnheit, dass er lieber durchs Mittelfeld dribbelt, als ein Spiel mit kurzen Passstafetten zu eröffnen. In Rödinghausen hat den Bayern das in der Schlussphase vor allem Ballverluste beschert. 

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Mit Thiagos überragender Passstatistik (739 Zuspiele - nur acht Prozent Fehlpässe) kann am ehesten James Rodriquez mithalten. Auch der hat für die Münchner schon starke Spiele auf der Sechs gemacht. Vergangene Saison gegen Leipzig etwa.

Thiago bester Zweikämpfer im Mittelfeld

In dieser Spielzeit hat ihn Kovac in der Champions League beim Sieg in Lissabon an der Seite von Martinez gebracht. Bei der Ligapleite gegen Hertha ging diese Variante im Duo mit Thiago schief. 

Im Allgemeinen verfügt der Kolumbianer nicht über die Zweikampfstärke, die es für diese Position erfordert. Im Schnitt entscheidet er nur jedes zweite direkte Duell für sich. Von allen zentralen Mittelfeldakteuren der Bayern hat nur Sanches (45 Prozent) eine schlechtere Zweikampfquote. Spitzenreiter in dieser Statistik ist ebenfalls: Thiago (67 Prozent).

Gemessen an diesen Voraussetzungen könnte Kovac womöglich eine Variante in Betracht ziehen, die er bislang ausgeschlossen hat: Joshua Kimmich als Rechtsverteidiger abzuziehen und ins Mittelfeld zu verschieben. Als Thiago gegen Rödinghausen raus musste, übernahm er dessen Position. 

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Es war exakt jene Rochade, die Bundestrainer Joachim Löw in der Nationalmannschaft bereits vollzogen hat. Bei den Spielen gegen Frankreich in der Nations League war Kimmich auf seiner gelernten Position der taktisch kluge Kopf und machte sich vor allem um die defensive Absicherung verdient. Gegen die Niederlande und im Freundschaftsspiel gegen Peru gelang das dann schon nicht mehr so überzeugend.

Auch wenn Kimmich selbst bekundet, sich im Mittelfeld wohl zu fühlen: Kovac würde durch diese Personalie nur ein weiteres Problem schaffen.

Im derzeit lahmenden Offensivspiel ist er dringend auf einen offensiv denkenden Außenverteidiger angewiesen, der passable Flanken schlägt und regelmäßig Tore vorbereitet. Und in dieser Hinsicht hat Kimmich Ersatzmann Rafinha dann doch einiges voraus. 

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