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Otto Rehhagel war 1978 BVB-Trainer
Otto Rehhagel war 1978 BVB-Trainer © Imago
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Unser Kolumnist Ben Redelings blickt wöchentlich auf die kuriosesten, lustigsten und unterhaltsamsten Highlights der Ligageschichte zurück.

Um den letzten Spieltag der Saison 1977/78, als Borussia Mönchengladbach im Düsseldorfer Rheinstadion den Revierklub Borussia Dortmund sensationell mit 12:0 abschoss und der 1. FC Köln zeitgleich in Hamburg einen 5:0-Kantersieg gegen FC St. Pauli holte, ranken sich viele Legenden. Und eine ist besser als die andere.

Doch beginnen wir von vorne.

Dass es überhaupt zu dieser ebenso kuriosen wie dramatischen Situation an diesem 29. April 1978 kommen konnte, verdankte die Borussia aus Mönchengladbach ihren unglaublichen 14 Minuten eine Woche zuvor im Hamburger Volksparkstadion, als die Truppe von Trainer Udo Lattek einen 1:2 Rückstand zwischen der 69. und 83. Minute in einen 6:2-Sieg umwandelte – und so gefährlich nah an den Tabellenführer 1. FC Köln heranrobbte.

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Berti Vogts und Otto Rehhagel beim Halbzeitstand von 6:0 und freundschaftlicher Umarmung im Gespräch
Berti Vogts und Otto Rehhagel beim Halbzeitstand von 6:0 und freundschaftlicher Umarmung im Gespräch © Imago
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Wobei "gefährlich" relativ war, denn die Geißböcke hatten immer noch einen komfortablen zehn Tore-Vorsprung. Das sollte eigentlich locker reichen, dachten alle Beobachter der Bundesliga. Wie sehr man sich doch täuschen kann!

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"Da müssten wir schon 0:12 verlieren"

Denn plötzlich war an diesem legendären Tag alles ganz anders. Zur Halbzeit führten die Gladbacher bereits mit 6:0 gegen den BVB – während die Kölner bisher nur ein mühsames 1:0 herausgeschossen hatten. Und damit war die erste Legende des Tages geboren. Denn die Spieler des FC St. Pauli sollen in der Pause die Kölner gefragt haben, wie viele Tore sie denn nun noch bräuchten, um sicher Deutscher Meister zu werden.

Und dann habe man sich schließlich per Handschlag beim Gang hinaus auf den Rasen geeinigt. "Alles klar", sollen die Paulianer gerufen haben, "kriegen wir hin!" Ob das wirklich so gewesen ist? Man weiß es nicht. Aber ausgeschlossen werden kann es in keinem Fall.

Sicher ist hingegen, dass sich vor der Begegnung des BVB gegen Gladbach Dortmunds Präsident Heinz Funke in einem Fernsehinterview zu den Meisterschaftschancen der rheinischen Borussia äußerte und wortwörtlich sagte: "Ja, da müssten wir schon 0:12 verlieren."

Ein überraschend exakter Tipp für einen Satz, den man angeblich mal so eben ins Blaue hinein gesagt haben wollte. BVB-Profi Lothar Huber erinnert sich jedenfalls noch gut, wie das an diesem Tag alles endete: "Nach dem 0:10 hat keiner mehr den Ball aus dem Tor geholt. Da lief der Schiedsrichter, den Ball unterm Arm, zur Mittellinie."

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Eine weitere schöne Legende ist unterdessen von verschiedenen Seiten bestätigt worden. Beim Stand von 7:0 für Borussia Mönchengladbach lief BVB-Trainer Otto Rehhagel an diesem unvergesslichen Tag im Düsseldorfer Rheinstadion aufgeregt zu der Bank seiner Borussia. Dort stoppte er abrupt und sagte zu seinem Stürmer Siggi Held: "Siegfried, machen Sie sich warm. Sie kommen gleich."

Torwart Peter Endrulat (li.) und Amand Theis (beide BVB, re.) kassieren den Treffer zum 7:0
Torwart Peter Endrulat (li.) und Amand Theis (beide BVB, re.) kassieren den Treffer zum 7:0 © Imago

Doch Held machte angesichts der deprimierenden Geschehnisse auf dem Rasen keinerlei Anstalten, irgendetwas zu tun – schon gar nicht aufzustehen. Nachdem Rehhagel einige Meter auf der Tartanbahn des Rheinstadions zurückgelegt hatte, steuerte er erneut auf seinen Spieler zu: "Hören Sie nicht? Sie sollen sich warm machen, Siegfried. Ich bring’ Sie gleich!"

Einwechslung? Held weigert sich

Held zupfte an seinen üppigen Augenbrauen, lehnte sich in Ruhe zurück und sah, wie die Tore acht und neun gegen seine Mannschaft fielen. Otto Rehhagel war nun endgültig bedient. Fuchsteufelswild sprintete er mit Riesenschritten zur Bank, packte sich seinen tatenlosen Stürmer und raunte ihm zu: "Sie wollen mich wohl verarschen, oder?!"

Siegfried Held erhob sich langsam von seinem Platz auf der harten Holzbank, schaute Rehhagel ruhig ins Gesicht und sagte: "Trainer, mal ehrlich, soll ich die Scheiße etwa noch umbiegen, oder was?!" Später probierte es Rehhagel auch noch bei Willi Lippens. Doch auch der winkte nur müde lächelnd ab und zog sich sein Trikot über den Kopf. 

Am Ende blieb für den Coach nur noch Spott übrig, inklusive eines neuen Spitznamen: Otto Torhagel.

Tatsächlich brachte das 12:0 den Gladbachern am Ende gar nichts mehr. Durch die gleichzeitig erzielten fünf Tore der Kölner beim FC St. Pauli hatte der FC genau drei Tore weniger in der Saison kassiert als die Gladbacher – bei komplett gleich erzielter Trefferanzahl (86) und Punkten.

Natürlich hatte das kuriose und mysteriöse Treiben des letzten Spieltags auch noch ein Nachspiel. Da Manipulationsvermutungen die Runde machten, musste der DFB reagieren. Doch das sorgte selbst bei den Mönchengladbachern eher für Belustigung. Mittelfeldstratege Rainer Bonhof meinte nur lapidar: "Beim 8:0 war doch der Kindermann schon am Frankfurter Kreuz. Das ist alles lächerlich!"

Kindermann war der damalige DFB-Chefankläger – und ein gefürchteter Mann. Doch er fand nichts, was den Anfangsverdacht hätte erhärten können. Und so blieb allen Beteiligten wenigstens diese eine weitere Legende erspart. Schließlich ist der 29. April 1978 auch so schon legendär genug gewesen.

Ben Redelings wurde 1975 im Flutlichtschatten des Bochumer Ruhrstadions geboren und ist Experte für die unterhaltsamen Momente des Fußballs. Das Buch zur SPORT1-Serie ist ein gern gelesener Bestseller: "Best of Bundesliga: Die lustigsten Legenden des deutschen Fußballs". Als SPORT1-Kolumnist schreibt Ben regelmäßig über die "Legenden des Fußballs" und "Best of Bundesliga".

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