Lesedauer: 5 Minuten
teilenE-MailKommentare

München - Marcelo Bielsa, Trainer von Aufsteiger Leeds United, ist genialer Fußball-Vordenker, sorgte aber auch schon für jede Menge aberwitzige Vorfälle.

Was passiert, wenn eine unaufhaltsame Kraft auf ein unbewegliches Objekt trifft, wenn ein Zug aus unzerstörbarem Material mit vollem Tempo in einen bruchsicheren Prellbock rast?

In etwa so wie in diesem paradoxen Szenario stellen sich Beobachter vor, was passieren wird, wenn kommende Saison eintritt, was seit Freitagabend offiziell ist: Die größte, reichste und weltweit am meisten beachtete Fußball-Liga trifft auf den vielleicht ungewöhnlichsten Trainer, den sie je hatte. Einen Taktik-Guru, von dem kein Geringerer als Pep Guardiola meint, dass er "der beste der Welt" sei.

Marcelo Bielsa, dessen Spitzname "El Loco", der Verrückte, seinen einzigartigen Charakter nur grob erahnen lässt, hat Leeds United in die englische Premier League geführt.

Anzeige

Und damit auch sich selbst zum ersten Mal in seinem bald 65 Jahre langen Leben auf eine Bühne gebracht, von der sich noch zeigen muss, ob er sich dort auch einfügen kann. Einfügen will.

Marcelo Bielsa zog sich in der Kabine "mehrfach" nackt aus

Bielsa, geboren am 21. Juli 1955 in der argentinischen Millionenstadt Rosario, gilt als besessener, unangepasster und kauziger Brüter, ein wenig wie Christian Streich, aber nochmal deutlich eigenwilliger.

Seine Rückzuge in die eigene Gedankenwelt gehen bisweilen auch mit seltsamem Verhalten einher, Selbstgesprächen oder auch Selbstentkleidung. "Mehrfach" habe sich Bielsa in der Kabine nackt ausgezogen, als er dabei gewesen wäre, turbulente Spiele zu verarbeiteten, berichteten einmal zwei Ex-Schützlinge in der chilenischen Nationalelf.

Der Bewunderung, die Bielsa innerhalb der Branche genießt, tun derartige Anekdoten keinen Abbruch, im Gegenteil.

DAZN gratis testen und die Serie A, sowie die Champions League live & auf Abruf erleben | ANZEIGE

Vordenker in Sachen Taktik

Die von ihm entdeckte Stürmerlegende Gabriel Batistuta hat erklärt, dass Bielsa ihm "alles" beigebracht hätte. "Jeder sollte mal mit ihm gearbeitet haben, mindestens einmal im Leben", befand Javi Martínez, Bielsa-Schützling bei Athletic Bilbao vor dem 40-Millionen-Deal mit dem FC Bayern 2012.

Bielsa - dessen aktive Karriere schon mit 25 zu Ende war - ist bekannt als manischer Sammler und Auswerter von Daten. Videos, Fußball-Literatur. Das Schaffen einflussreicher Trainer wie das seines legendären Landsmanns César Luis Menotti hat er verinnerlicht und weiter entwickelt. Unter anderem war bei der WM 2010 mit Chile ein entscheidender Antreiber des weltweiten Trends zur Abwehr-Dreierkette - wobei sich seine Teams generell durch enorme taktische Flexibilität auszeichnen.

Marcelo Bielsa gewann 2004 mit Argentinien Olympia-Gold in Athen
Marcelo Bielsa gewann 2004 mit Argentinien Olympia-Gold in Athen © Getty Images

Sein Stil prägte zahlreiche seiner früheren Schützlinge, die dann zu Trainern wurden, unter anderem Diego Simeone und Mauricio Pochettino. Auch Jorge Sampaoli, der Chile als Nachfolger Bielsas zum Gewinn der Copa America 2015 führte, gilt als Bielsa-Jünger.

Spektakuläre Abgänge bei Marseille und Lazio

Bielsa selbst war dreimal argentinischer Meister mit Newell's Old Boys und Velez Sarsfield, führte Argentiniens Olympia-Auswahl um Carlos Tevez 2004 zu Gold in Athen. In Europa, wo er seit 2011 auf Klubebene aktiv ist, wartet der frühere Nationalcoach von Argentinien und Chile dagegen noch auf seinen ersten Titel.

Was auch daran liegt, dass die komplexe Ideenwelt des als genial geltenden Fußballlehrers ihn schon öfters in Konflikt brachten mit den Realitäten, die er bei seinen Klubs vorfand.

Bei Olympique Marseille zum Beispiel zerstritt er sich 2015 mit der Vereinsführung und warf völlig unvermittelt hin - nach dem ersten Saisonspiel. Noch einen drauf setzte er im Jahr darauf, als er bei Lazio Rom in der Serie A unterschrieb und zwei Tage später wieder zurücktrat. Er fand die Transfer-Aktivitäten des Managements unzureichend. Auch ein Engagement beim OSC Lille in Frankreich endete im Streit und vor Gericht.

Meistgelesene Artikel

Bei Leeds United kommt seine Art gut an

Nicht ganz verwunderlich, dass die ganz großen Fußballmächte bislang Abstand zu Bielsa gehalten haben, den Weg in die Premier League musste er sich von unten erarbeiten.

Leeds United engagierte ihn, als der Klub in einer Situation war, in der es auf einen weiteren Chaos-Abgang nicht mehr angekommen wäre: In den fünf Jahren zuvor hatte er zwölf Trainer verschlissen, unter anderem Uwe Rösler und den früheren Bundesliga-Stürmer Thomas Christiansen.

Bei den "Peacocks", seit 2017 in der Hand des italienischen Geschäftsmanns und TV-Managers Andrea Radrizzani, fügte sich Bielsa jedoch bestens ein. Im von großen sozialen Gegensätzen geprägten Leeds kam zum Beispiel gut an, dass der als politisch links bekannte Coach seine Spieler zum Müllsammeln in den Park schickte, um ihnen ein Gespür für die Lebenssituation der weniger Privilegierten unter ihren Anhängern zu geben.

"Sehr gespannt, wie die Premier League mit ihm fertig wird"

Inzwischen genießt Bielsa im Umfeld des 2004 abgestiegenen Klubs messianische Verehrung, auch die Spionage-Affäre, mit dem Bielsa in der vorigen Saison ganz Fußball-Europa in Atem hielt, wird im Rückblick mehr als Kuriosität denn als Skandal gesehen. Nicht zuletzt wegen Bielsas legendär ausführlicher Erklär-PK und weil er die fällige Geldstrafe selbst zahlte.

Sportlich brachte Bielsa Leeds in die Spur, beflügelte auch vorher wenig erfolgreiche Spieler wie den früher bei Kaiserslautern und Wolfsburg aktiven Polen Mateusz Klich - und formte ein so schlagkräftiges Kollektiv, dass sich auch unterlegene Gegner in der Championship mit Lobeshymnen überboten.

"Wenn man schon ausgecoacht wird, dann wird man doch am liebsten von einem Genie ausgecoacht", meinte etwa Danny Cowley von Huddersfield Town nach der Niederlage gegen Leeds: "Ich bin sehr gespannt, wie die Premier League mit ihm fertig wird, wenn Leeds aufsteigt."

Nächste Artikel
previous article imagenext article image