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München - Kenny Omega dürfte der Topstar des neuen WWE-Rivalen AEW werden. Den Marktführer hatte er mit Anfang 20 verlassen, weil er sich dort verschwendet sah.

Als der Mann, der heute vielen als bester Wrestler der Welt gilt, den Marktführer WWE verließ, schlug die Nachricht keine großen Wellen.

Kenny Omega hatte im Jahr 2005 beim Showkampf-Imperium von Vince McMahon unterschrieben, 21 Jahre alt, ein junges Independent-Talent aus Kanada.

Bei Deep South Wrestling in Georgia, einer der früheren Farmligen der Promotion, sollte er sich für eine Karriere bei RAW oder SmackDown vorbereiten. Nach weniger als einem Jahr reichte er die Kündigung ein. Er fühlte sich unwohl, schlecht trainiert, in seiner Entfaltung eingeschränkt.

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Omega ging sehr erfolgreich eigene Wege - und wird nun zur Schlüsselfigur des neuen Konkurrenten AEW.

Wissenswertes zum Thema Wrestling

Kenny Omega wird als Meister-Wrestler gefeiert

Die "Best Bout Machine" ist in den vergangenen Jahren zum am meisten umjubelten nordamerikanischen Showkämpfer außerhalb von WWE geworden: Der 35-Jährige verbindet Athletik, Technik und die Härte des japanischen "Strong Style" mit Charisma, Ideenreichtum und einer in jedem Moment spürbaren Hingabe.

Bei der japanischen Liga NJPW, der qualitativ stärksten Promotion der Welt, stieg er zum Champion und internationalen Aushängeschild auf, der 104-Kilo-Mann verstand sich vor allem darauf, mitreißende "Big Matches" auf die Beine zu stellen.

Seine Kämpfe mit Kazuchika Okada wurden von Fans und Kritik als Meisterwerke gefeiert. Mit seinem künftigen AEW-Kollegen Chris Jericho legte er ebenfalls ein Topduell hin, das dem 48-Jährigen Jericho so nicht mehr jeder zugetraut hätte - und das Omega wegen Jerichos WWE-Fanbase noch mal einen enormen Popularitätsschub gab.

Ob er diesen Status je erreicht hätte, wäre er bei WWE geblieben? Fraglich.

Von WWE-Trainer vergrault

In diversen Interviews blickte er kritisch auf seine Erfahrungen bei WWE zurück. Die Methoden seines damaligen Cheftrainer Bill DeMott, der als allzu altmodischer Schleifer verschrien war, fand er stupide und visionslos, hatte das Gefühl, sich unter ihm als Wrestler zurück statt nach vorn zu entwickeln.

"Es nur zu schaffen ist mir nicht genug", sagte er damals. Er wolle "in einem positiven Umfeld sein, in dem ich wachsen und mich entwickeln kann".

DeMott wurde ironischerweise wenige Monate nach seinem Abgang gefeuert, das Nachwuchstraining bei WWE gilt mittlerweile als moderner und besser, Omega wäre aber dort wohl auch unter anderen Umständen nicht glücklich geworden.

Omega will kein "Rädchen in der Maschine" sein

Der Sohn eines Transportbeamten aus Winnipeg (bürgerlich: Tyson Smith) ist ein Freigeist, der gern sein eigener Herr ist und sich ungern der Kontrolle unterwirft, die WWE über seine Athleten ausübt.

Er wolle kein bloßes "Rädchen in der Maschine" sein, hielt Omega 2017 in einem Interview mit Sports Illustrated fest: "Ich will lieber die Legende sein, die nie einen Fuß in einen WWE-Ring gesetzt hat - aber besser war als alle, die es getan haben."

Mehrere Angebote zu WWE zurückzukehren schlug er aus, wobei er nach seinem AEW-Deal in einem Gespräch mit dem Wrestling Observer hervorhob, dass er von der angenehmen Atmosphäre der jüngsten Verhandlungen positiv überrascht war.

Dennoch hatte er am Ende eine klare Antwort auf die für ihn entscheidende Frage: "Will ich zu den Leuten gehen, die zwar mein Bestes wollen, aber mir diktieren wollen, was ich tue - was in Ordnung ist - oder dorthin, wo sie den entfesselten Kenny Omega wollen, wo ich freie Hand bekomme?"

Im Geist von Schwarzenegger und Final Fantasy

Die Freiheiten, die er bei WWE nie in dem Ausmaß bekommen hätte, haben Omega zu dem gemacht, was er ist: Nach seinem WWE-Aus zog er, um seine Kunst zu perfektionieren, jahrelang durch die Independent-Ligen in Nordamerika und Japan, das Land, für das er auch kulturell ein großes Faible hat.

Er legte sich einen individuellen Retro-Look und ein innovatives Aktionsset zu, ließ sich dabei auch von seiner Liebe zu Science-Fiction-Filmen und Videospielen inspirieren, in deren Geiste er sich auch seine Hype-Videos und spektakulären Einmärsche bei großen Shows auf den Leib schrieb. Der Künstlername Omega spielt auf die "Omega Weapon" aus der Final-Fantasy-Reihe an, seine Einzugsmusik und sein Finisher "The One-Winged Angel" auf Endgegner Sephiroth.

Ein weiteres Beispiel für eine effektvolle Verbindung seiner Passionen ist seine Spezialaktion "Rise of the Terminator", ein Saltosprung aus dem Ring, bei dem er die Zuschauer anstiftet, ihn mit rhythmischen Trommeln des berühmten Musikmotivs aus dem Schwarzenegger-Klassiker zu unterlegen.

Omegas Leidenschaften für Popkultur, Gaming und eSports sind die einzigen, die er neben dem Wrestling zulässt, er ordnet ansonsten alles seiner Berufung unter: Er raucht nicht, trinkt nicht, erklärte 2017 sogar, dass er keine Liebesbeziehung führe, weil er sie nicht mit seinem Berufsethos vereinbar findet.

Lockt Omegas Vision auch Dean Ambrose?

Bei NJPW etablierte er sich als weltweit beachtetes Phänomen der Szene, entfachte einen immer größeren Hype um sich. Auch auf WWE hat er schon übergegriffen, unter anderem bedient sich Cruiserweight-Champion Buddy Murphy ausgiebig aus Omegas Move-Arsenal.

Omega hat sich bei AEW auch als "Executive Vice President" verpflichtet, seine Kollegen und guten Freunde Cody Rhodes und Nick und Matt Jackson sind Gleichgesinnte, die WWE ebenfalls für ihr striktes Regiment den Wrestlern gegenüber kritisiert haben und ihnen bei ihrem eigenen Projekt mehr kreativen Raum geben wollen. Eine Aussicht, die womöglich auch den ähnlich tickenden Dean Ambrose dazu verlockt hat, WWE bald zu verlassen. Omega deutete an, sich bei AEW vor allem um das Scouting kümmern zu wollen, weltweit Wrestling-Talente aufzustöbern, die auch Experten nicht auf dem Zettel haben.

Omega ist der Standard, an dem sich die neuen Kollegen zu messen haben werden, er drängt sich auf als Topstar und Fixstern der neuen Liga.

Man darf gespannt sein, wohin er AEW leiten wird.

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