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München - Die "Attitude Era" galt als Zauberformel, mit der WWE den "Monday Night War" gegen WCW gewann. Die Geschichte einer Boom-Ära - und was zu ihrem Ende führte.

Viele Fans sehnen sich bis heute nach ihr zurück. Die neue Wrestling-Liga AEW will sie "töten". WWE dagegen scheint sie nach dem jüngsten Machtwechsel im Kreativteam wieder für sich zu entdecken.

Die "Attitude Era" der früheren WWF ist ein Mythos, ein Erfolgsrezept, eine Zauberformel, die als entscheidend im "Monday Night War" galt, in dem WWE Ende der neunziger Jahre mit Stars wie "Stone Cold" Steve Austin und The Rock die Showkampf-Marktführerschaft dauerhaft eroberte.

Mit einer neuen, erwachsenen und kontroversen Ausrichtung (ein Gegenpol zur späteren "PG Era") sorgte die damalige WWF für den zweiten großen globalen Wrestling-Boom nach dem Aufstieg von Hulk Hogan eineinhalb Jahrzehnte vorher.

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Was machte die Attitude Era aus, wie entstand sie und warum kam WWE-Boss Vince McMahon trotz allem von ihr ab? SPORT1 wirft einen genaueren Blick auf den prägenden Faktor des letzten großen Ligenkriegs.

1993 - 1996: WWE vor Attitude Ära in prekärer Lage

Der Attitude Era waren aus Sicht der WWF schwierige Jahre vorausgegangen: Ein großer Steroid-Prozess hatte die Liga ebenso erschüttert wie der Angriff der Konkurrenzliga World Championship Wrestling (WCW).

Hulk Hogan und andere Stars wie der "Macho Man" Randy Savage, Lex Luger, Kevin Nash und Scott Hall (Diesel und Razor Ramon) waren zwischen 1993 und 1996 zum von Medien-Mogul Ted Turner finanzierten Mitbewerber gewechselt, mit der Story um den böse gewordenen Hogan und seine New World Order (nWo) strickte WCW auch eine große Erfolgsgeschichte mit den Überläufern.

Die personell gebeutelte WWF stürzte ab, die Quoten der Flaggschiff-Show Monday Night RAW sanken. Auf dem Höhepunkt der Krise konnte die WWF zum ersten und einzigen Mal in ihrer Geschichte nicht mal ihre wichtigste Show WrestleMania ausverkaufen.

McMahons Reaktion? Er experimentierte mehr und mehr mit einem kreativen Richtungswechsel und kontroversen Ideen.

"Stone Cold" Steve Austin als Antiheld

Schon 1995 etwa führte er den homoerotischen Bösewicht Goldust ins Programm ein (gespielt von Dustin Rhodes, den großen Bruder von AEW-Gründer Cody). Im Jahr darauf kreierte die WWF den Charakter des Antihelden "Stone Cold" Steve Austin, der Bier trank, Stinkefinger zeigte und Schimpfwörter benutzte, die vorher tabu waren.

Vorboten der Attitude Era: Goldust und Marlena
Vorboten der Attitude Era: Goldust und Marlena © WWE

Auch andere Wrestler taten plötzlich Dinge, die sie vorher nicht taten: Der einst jugendfreie Held Bret Hart wurde in einer Fehde mit Austin zum verbitterten Wüterich, Brian Pillman (Teil der von Bret angeführten Hart Foundation) in einem Video-Segment mit einer Pistole inszeniert, auch die Gruppierung D-Generation X mit Shawn Michaels und Triple H tat sich durch Provokationen hervor.

Am Ende des Jahres 1997, kurz nachdem die WWF durch den spektakulären Abgang von Bret Hart eine weitere Schwächung erfuhr, entschloss McMahon sich endgültig zur Flucht nach vorn.

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1997: Vince McMahon verkündet Gründungsmanifest

Am 15. Dezember 1997 - dem Tag, an dem Hart sein Debüt bei der WCW-TV-Show Monday Nitro feierte - wandte McMahon sich bei RAW mit einer zweiminütigen Ansprache an sein Publikum und versprach, es künftig "auf eine zeitgemäßere Weise zu unterhalten".

McMahon grenzte sich ab von "Superhelden, die euch erzählen, eure Gebete zu sprechen und Vitamine zu essen" (der Standardspruch Hogans) und von "dem immergleichen, alten und einfachen Gut-gegen-Böse-Schema". Die WWF hätte verstanden, dass "die Zuschauer es satt haben, ihre Intelligenz beleidigt zu sehen" und gelobte eine "weit kreativere und innovativere" neue Ausrichtung seines Produkts.

Noch mehr als bisher wollte er die Einflüsse aus anderen Unterhaltungssparten aufnehmen. Er nannte konkret unter anderem "Seifenopern wie 'The Days of our Lives', Musikvideos auf MTV, Talkshows wie Jerry Springer, Cartoons wie 'King of the Hill' und Sitcoms wie 'Seinfeld'" als Vorbilder.

Vor allem aber verkündete McMahon: Seine Flaggschiff-Show RAW werde nun bewusst nicht mehr jugendfrei gehalten. Das neue Leitmotiv: "Attitude" (auf Deutsch übersetzt: Haltung, Einstellung, Standpunkt).

Pornostars, Zuhälter, sexy Divas

McMahon setzte von nun an in aller Konsequenz darauf, Reizpunkte zu schaffen: Er setzte "Hardcore-Matches", bei denen die Wrestler mit Gegenständen aufeinander eindroschen und oft Blut vergossen. Er inszenierte weibliche Stars wie Sunny, Sable und Goldusts Managerin Marlena zunehmend freizügig und sexualisiert. Auch einige Männer wurden mit frivolen Charakteren in Szene gesetzt, als Pornostars (Val Venis) oder als Zuhälter (The Godfather).

Ein wichtiger Ideengeber des Richtungswechsels war der relative Erfolg der Nischenliga ECW (Extreme Championship Wrestling) von Paul Heyman, die der Attitude Era in fast allen Punkten vorgriff - nicht umsonst wurde Heyman in der Krise 2019 wieder als Retter gerufen.

Innerhalb der damaligen WWF galt vor allem der Autor Vince Russo als wichtiger Antreiber der Attitude Era. Russo hatte viele neuartige Ideen, einen Sinn für Schockeffekte und keinerlei Scheu mit Traditionen und Tabus zu brechen.

2001: Sieg im Monday Night War gegen WCW

Vor der Kamera war es neben Austin vor allem Vince McMahon selbst, der sein neues Konzept zum Funktionieren brachte. Geschickt nutzte er den Umstand, dass er es sich bei Bret Harts Abgang auch mit vielen eigenen Fans verscherzt hatte (McMahon ließ Bret sein letztes Match entgegen der vorherigen Absprache verlieren): Er machte sich selbst zum neuen Oberbösewicht der Liga und großen Rivalen von "Stone Cold".

"Stone Cold" Steve Austin (l.) und Vince McMahon waren die großen Gegenspieler der Attitude Era © WWE

Austin stieg bei WrestleMania XIV im Frühjahr 1998 - mit Hilfe eines clever inszenierten Gastauftritts von Box-Legende Mike Tyson - zum neuen Champion auf. Die anschließende Rivalität zwischen dem bösen Boss McMahon und seinem rebellischen Angestellten wurde ein Sensationserfolg, der der WWF Traumquoten bescherte und das Ruder im "Monday Night War" herumriss.

Sie war die Keimzelle eines neuen Booms, aus der zahlreiche weitere Erfolgsprojekte entstanden: der Aufstieg von The Rock als zweiter großer Liebling, der fortlaufende Kult um die DX, die Neuerfindung des Undertaker als düsterer Hohepriester, der unwahrscheinliche Popularitätsschub des verwegenen Jedermanns Mick Foley, die Etablierung von Triple H als Mega-Bösewicht, die Wiedergeburt der Tag-Team-Division mit fantastischen Matches von Matt und Jeff Hardy, Edge und Christian und den von ECW verpflichteten Dudley Boyz.

RAW lockte zwischen 1998 und 2000 mehr Zuschauer an als je zuvor, der Hype wurde so groß, dass die WWF im Jahr 2000 die zweite große Wochenshow SmackDown etablieren konnte. WCW hatte bald nichts mehr entgegen zu setzen, sie rutschte selbst in eine Kreativkrise, verlor aufstrebende Stars wie Chris Jericho, Chris Benoit und Eddie Guerrero an die WWF. Ein Großteil der Fans wandte sich ab, Mutterkonzern und TV-Partner Time Warner ließ die Promotion 2001 fallen und verkaufte sie - an McMahon.

Der WWF-Boss hatte sein langgehegtes Ziel erreicht, er war unumstrittener Herrscher der Wrestling-Nation. Ironischer-, aber vielleicht auch folgerichtigerweise schritt auch seine Liga danach wieder in ein Tal.

2002: Übergang in "Ruthless Aggression" und "PG Era"

Nach dem Ende des "Monday Night War" sank das allgemeine Zuschauerinteresse, die WWF trug mit eigenen Fehlentscheidungen dazu bei, unter anderem die missglückte Eingliederung der WCW-Stars oder die Verwässerung Austins durch mehrere unentschlossene Wechsel zwischen Gut und Böse. Als Austin zwei Jahre später seine Karriere verletzungsbedingt beendete und The Rock nach Hollywood abwanderte, war die goldene Zeit endgültig vorbei.

Von diversen Grundideen der Attitude Era hatte WWE (2002 umbenannt) da schon länger Abstand genommen. Nach der Übergangszeit der "Ruthless Aggression Era" 2002 bis 2008 mit neuen Stars wie John Cena um Batista kam dann ein radikalerer Schnitt: WWE sah es zur Zielgruppenerweiterung geboten, ihr komplettes Programm wieder kinder- und jugendfreundlich zu machen, um das entsprechende "PG Rating" zu bekommen.

Blut, Sex und andere Schockeffekte waren wieder tabu.

AEW grenzt sich ab - zu Recht?

Aus Sicht vieler Fans ist die PG-Wende ein Sündenfall und die "Attitude Era" bis heute ein Leitbild, dabei wird oft übersehen, dass sie auch Schwächen hatte.

Als Dauerkonzept lief der Tabubruch sich zwangsläufig tot, die provokanten Ideen nutzten sich ab. Attitude-Autor Russo wurde vorgehalten, dass sein Konzept des "Crash TV", in dem viele Matches eher Vehikel für seine Story-Ideen waren als umgekehrt, auf Dauer den athletischen Kern des Produkts schwächte. Russo ging später zu WCW und war dort durch viele missglückte Schachzüge mitverantwortlich für den Untergang.

Umstritten: der frühere WWE-Chefautor Vince Russo
Umstritten: der frühere WWE-Chefautor Vince Russo © WWE

Dass die Fangemeinde von "Crash TV" ermüdet war, zeigte sich auch daran, dass das erfolgreichste Independent-Projekt der Nuller-Jahre einen völlig anderen Schwerpunkt hatte. Ring of Honor (ROH) - die Liga, die CM Punk, Daniel Bryan und Seth Rollins zum Durchbruch verhalf - rückte konsequent gutes Wrestling statt Effekthascherei in den Mittelpunkt, traf damit den Nerv der Community - und wurde so auch für WWE zur Inspiration der nächsten Entwicklungsstufe.

AEW will diese Entwicklung weiterführen und grenzt sich bewusst von der Attitude Era ab. WWE scheint derweil gerade wieder einen Schwenk zurück zu den Attitude-Rezepten zu machen. Welcher Weg erfolgreicher sein wird? Die Zeit wird es zeigen.

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