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München - Rey Mysterio schockte WWE-Fans mit einer Beinahe-Demaskierung - die er eigentlich längst vollzogen hatte. SPORT1 erklärt den mexikanischen Masken-Mythos.

Eigentlich ist es kein Geheimnis, wie Rey Mysterio wirklich aussieht.

Der frühere WWE-Champion trat einst für längere Zeit ohne sein Markenzeichen an, ohne die Maske, die ihn seit seinem Wechsel zur weltgrößten Wrestling-Liga im Jahr 2002 wieder verhüllt.

Umso faszinierender eigentlich, dass das Mysterium noch immer funktioniert. Dass zahlreiche Fans am vergangenen Montag heftig erschraken, als er bei Monday Night RAW andeutete, seine Maske abzulegen und seine Karriere zu beenden.

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Er tat es dann doch nicht, weil der ebenfalls für eine WWE-Karriere trainierende Sohn Dominic ihn abhielt. Und doch erinnerte die Wirkung der kleinen Szene daran, wie groß der Moment sein wird, wenn der 44-Jährige die Andeutung doch einmal wahr machen sollte.

Warum die Maske mit so viel Bedeutung aufgeladen ist? SPORT1 erklärt es.

Maske ist im "Lucha Libre" ein Heiligtum

In der Wrestling-Hochburg Mexiko, der Heimat von Mysterios Vorfahren, ist die Maske mehr als nur ein Fanartikel, sie ist ein kulturelles Phänomen, das bis in die Zeit der Azteken zurückreicht, wo Masken Teil religiöser Zeremonien waren.

Im "Lucha Libre" (übersetzt: freier Kampf), wie der Showkampf in Mexiko heißt, sind die Masken seit Beginn des 20. Jahrhundert ein traditionelles Artefakt. Es ist nicht übertrieben, von einem Heiligtum zu sprechen.

Fast jeder mexikanische Performer beginnt seine Karriere mit einer Maske, einige nehmen sie bis ans Ende ihrer Laufbahn niemals ab - weder im Ring noch bei anderen öffentlichen Auftritten. Der respektvolle Ernst, mit dem das Thema dort behandelt wird, hat die oft schillernd dekorierten Masken zu einem weltweiten Erkennungszeichen für das mexikanische Wrestling und das Wrestling an sich gemacht.

Der legendäre El Santo (Rodolfo Guzmán Huerta), der in Mexiko übers Wrestling hinaus ein größerer Star war als Hulk Hogan in den USA, ließ sich sogar in seiner Maske begraben. Wenige Tage vor seinem Tod im Jahr 1984 lüftete er sie bei einem Fernsehauftritt zum ersten und einzigen Mal.

Auch Eddie Guerrero war einst maskiert

El Santo hatte seine Maske zuvor in zahlreichen "Mask-vs.-Mask-" und "Mask-vs.-Hair"-Matches gegen seine Widersacher verteidigt. Die Kämpfe, in denen die Luchadores ihre Masken aufs Spiel setzen (unmaskierte Gegner riskieren im Gegenzug meist ihre Haare), sind in Mexiko meist wichtiger als Titelmatches.

Ein Verlust der Maske ist entweder gleichbedeutend mit dem Karriere-Ende oder ein tiefer Einschnitt, nach dem der Demaskierte ein neues Kapitel seiner Laufbahn aufschlägt. Auch Eddie Guerrero, Mysterios früh verstorbener WWE-Weggefährte, trug in Mexiko eine Maske, ehe er 1992 mit seinem Charakter als "Mascara Magica" brach und sie selbst ablegte - was damals als großer Tabubruch inszeniert wurde.

Auch Mysterio, der seine Karriere in Mexiko schon mit 14 Jahren begann, hat mit der Tradition gebrochen, denn eigentlich ist es im "Lucha Libre" ein Unding, eine bereits verlorene Maske wieder aufzusetzen.

Rey Mysterio verlor Maske 1998 bei WCW

Mysterio hatte sie 1998 abgelegt, als er noch für den WWE-Rivalen World Championship Wrestling (WCW) antrat und ein "Hair-vs.-Mask"-Match mit Partner Konnan gegen Kevin Nash und Scott Hall verlor.

Glücklich war er damals nicht damit, wie er später mitteilte. "Ich glaube nicht, dass WCW verstanden hat, was die Maske mir, meinen Fans und meiner Familie bedeutet hat", kritisierte er in der englischen Sun den damaligen WCW-Boss Eric Bischoff: "Frustrierend war auch, dass es nicht der Höhepunkt einer Fehde mit einem anderen maskierten Wrestler war, sondern ein Lückenfüller."

WWE
WWE © Der demaskierte Rey Mysterio (mit Managerin Tygress) war bei WCW Teil der Gruppierung "Filthy Animals"

Während Bischoff auf Mysterios Demaskierung bestand, um ihn dem US-Publikum besser vermarkten zu können, bestand WWE-Boss Vince McMahon darauf, dass Mysterio seine Maske wieder aufsetzte - er verstand, dass er so wesentlich erfolgreicher war.

Mysterio musste sich diesen Schritt von einer dafür zuständigen Kommission in Mexiko genehmigen lassen. Traditionalisten sehen ihn bis heute kritisch - bei den meisten Fans überwiegt dennoch die Sympathie für den Publikumsliebling.

WWE-Star verbirgt Gesicht auch bei Instagram

Mysterios Maske war auch bei WWE Gegenstand mehrerer Fehden, er verteidigte sie unter anderem gegen Chris Jericho und CM Punk und hielt den reparierten Mythos so intakt. Auch WWE schützt ihn, zeigt Mysterios WCW-Auftritte ohne Maske deshalb zum Beispiel nicht in ihrem umfangreichem YouTube-Archiv - obwohl sie mittlerweile die Rechte daran hat.

Erinnerungswürdig sind auch die Spezial-Masken, die Mysterio zu besonderen Anlässen trägt, der Comic- und Fantasy-Fan erwies mit speziellen Designs schon Heath Ledgers Joker, Captain America, Daredevil und dem Film Avatar Tribut. Bei WrestleMania 35 war sein Auftritt - passenderweise - von Marvel-Schurke Mysterio inspiriert.

Seltenes Foto ganz ohne Maske: Rey Mysterio mit Sohn Dominic
Seltenes Foto ganz ohne Maske: Rey Mysterio mit Sohn Dominic © instagram.com/dominik_35/

Außerhalb des Rings interpretiert Mysterio die Tradition etwas lockerer als einst El Santo, er ist öfters auch ohne Maske an öffentlichen Orten unterwegs.

Für Instagram-Selfies hält er sich in der Regel aber die Hand vors Gesicht.

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