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München - World Championship Wrestling (WCW) nahm WWE im "Monday Night War" die Marktführerschaft ab - der dann folgende Verfall war jedoch genauso atemberaubend.

Sie war die Heimat von Wrestling-Superstars wie Ric Flair, Bill Goldberg und Sting.

Die Liga, der in den neunziger Jahren gelang, was in den beiden folgenden Jahrzehnten undenkbar erschien: Sie forderte den Marktführer WWE heraus und verdrängte ihn von der Spitze.

World Championship Wrestling - kurz: WCW - ermöglichte die für Fans spannendste Ära der Wrestling-Geschichte, den "Monday Night War" zwischen der WWE-Flaggschiffshow RAW und ihrer eigenen Montagssendung Monday Nitro.

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Das von Multi-Milliardär Ted Turner geförderte Projekt machte der damaligen WWF Hulk Hogan und zahlreiche andere prominente Gesichter abspenstig und schuf mit der Kult-Gruppierung New World Order (nWo) einen Mythos, der sie zwischenzeitlich zur unumstrittenen Nummer 1 der Showkampf-Nation machte.

WCW ist gerade aus zwei Gründen wieder in aller Munde. Zum einen, weil ihr früherer Chef Eric Bischoff soeben überraschend wieder von WWE engagiert wurde. Zum anderen, weil die Liga von Vince McMahon nun nach langer Alleinherrschaft von der neuen, auch wieder mit dem Turner-Imperium kooperierenden Liga AEW herausgefordert wird.

SPORT1 blickt zurück auf den atemberaubenden Aufstieg von WCW - und den bitteren Niedergang, der 2001 im Aufkauf der Liga durch den Erzrivalen McMahon endete.

1988: Aus Jim Crockett Promotions wird WCW

World Championship Wrestling war ursprünglich keine eigenständige Liga, sondern der Name einer wöchentlichen TV-Show der regionalen Liga Georgia Championship Wrestling (GCW) - die im Juli 1984 am berühmten "Black Saturday" von der national expandierenden WWF übernommen wurde.

Wissenswertes zum Thema Wrestling

Vince McMahon wollte sich World Championship Wrestling schon in dessen damaliger Form dauerhaft einverleiben und zum Monopolisten aufsteigen, was aber schief ging: Die an der US-Ostküste beheimatete WWF traf den Geschmack des Südstaaten-Publikums nicht, machte mit der Show Verluste - und verkaufte den Sendeplatz deshalb wieder.

Den Zuschlag bekam Jim Crockett, Präsident des nationalen Ligenverbunds NWA, aus dem die WWF zuvor ausgetreten war. Der NWA-Boss wollte aus den verbliebenen regionalen Promotions ein Gegengewicht schaffen, ein erbitterter und mit eiskalten Methoden geführter Zermürbungskampf zwischen Jim Crockett und Vince McMahon war die Folge.

Crockett verlor ihn und gab seine Liga 1988 zum Verkauf frei. Fernsehmogul Ted Turner, dessen TV-Stationen die Crockett-Sendungen ausstrahlten, griff zu: Wrestling war für ihn immer ein probates Mittel, um Zuschauer an seine Sender zu binden. World Championship Wrestling, die Liga, war geboren.

Ted Turner im Jahr 1990 mit seiner damaligen Frau Jane Fonda
Ted Turner im Jahr 1990 mit seiner damaligen Frau Jane Fonda © Getty Images

1989-1993: Ric Flair und Co. glänzen - sonst viel Schatten

Die frühe WCW (anfänglich noch NWA World Championship Wrestling) legte einen vielversprechenden Start hin, lieferte den Fans die Jahrhundert-Fehde zwischen dem damaligen Heavyweight Champion Ric Flair und Ricky Steamboat und setzte auch andere Stars wie Terry Funk, die Road Warriors und die jungen Sting und Lex Luger gekonnt in Szene. Fans und Kritikern gefiel, dass WCW puristischer war als die damalige WWF, weniger comicbunte Unterhaltung, mehr gutes Wrestling.

Wrestling-Duell der Gegensätze: Ric Flair (l.) und Ricky Steamboat
Wrestling-Duell der Gegensätze: Ric Flair (l.) und Ricky Steamboat © WWE Network

Die erste Krise folgt, als sich der damals auch hinter den Kulissen verantwortliche Flair mit seinen Kollegen zerstritt und abgesetzt wurde. In den Jahren darauf fanden verschiedene Verantwortliche keine überzeugende kreative Linie. Die einen gingen es zu altmodisch an (Ole Anderson, Dusty Rhodes, Bill Watts), anderen (Jim Herd, Kip Frey) ging jedes Verständnis für die Branche ab: Herd etwa vergraulte seinen Superstar Flair mit seltsamen Ideen wie dem Vorschlag, sich ohne Haare und einem Gladiatoren-Charakter neu zu erfinden.

Auch sonst blieb die WCW der früheren Neunziger für skurrile Ideen in Erinnerung, etwa einen Crosspromo-Auftritt von Filmheld Robocop oder das legendär missglückte Debüt des maskierten Shockmaster.

Der Grundstein für bessere Zeiten wurde 1993 gelegt, als ein neuer Chef mit glücklicherem Händchen übernahm: Eric Bischoff.

1994-1995: Neue Ära mit Hulk Hogan und Eric Bischoff

Der neue "Executive Vice President" dachte in großen Maßstäben und nahm Turners Geld in die Hand, um diverse WWF-Topstars mit fürstlich dotierten Deals nach Atlanta zu locken, allen voran Hulk Hogan, aber zum Beispiel auch den "Macho Man" Randy Savage.

Das Traumduell zwischen dem ebenfalls von der WWF zurückgekehrten Flair und Hogan beim Bash at the Beach 1994 (mit Shaquille O'Neal und Mister T als Stargästen) wurde zum bis dahin größten kommerziellen Erfolg der WCW-Geschichte. Im Jahr darauf überredete Bischoff Turner, aufs Ganze zu gehen: WCW forderte die wichtigste WWF-Show Monday Night RAW mit einer eigenen, parallel laufenden Montagabend-Livesendung heraus: WCW Monday Nitro.

Bei der Debütshow am 4. September 1995 präsentierte Bischoff auch gleich einen weiteren Seitenwechsler, den von der WWF zurückgekehrten Lex Luger. Der "Monday Night War" war eröffnet.

1996-1998: nWo 4 Life

Trotz aller Star-Power, die WCW schon in den Vorjahren angesammelt hatte: Mit trashigen Storys wie Hogans Fehde gegen den unfreiwillig komischen Dungeon of Doom ließ sich nicht jeder locken.

Der große Wurf gelang dann aber 1996 mit einer mutigen und kreativ einschneidenden Entscheidung: der Formation der Kult-Gruppierung New World Order (nWo) um die von der WWF verpflichteten Kevin Nash (Diesel) und Scott Hall (Razor Ramon) sowie Hogan, der vom Publikumsliebling zum bösen "Hollywood Hogan" wurde und sich nochmal völlig neu erfand.

"Hollywood" Hulk Hogan (l.) holte auch NBA-Bad-Boy Dennis Rodman in nWo
"Hollywood" Hulk Hogan (l.) holte auch NBA-Bad-Boy Dennis Rodman in nWo © Getty Images

Die wendungsreiche Rivalität der bösen Invasoren gegen die WCW-Lieblinge wurde zum Mega-Erfolg und half auch neue, populäre Stars und Charaktere als Gegenpole zu kreieren: Sting blühte in neuer Rolle als dunkler, an den Film "The Crow" angelehnter Rächer ebenso auf wie Diamond Dallas Page und der aufstrebende Dominator Bill Goldberg. Auch die Mutter aller Wrestling-Bündnisse, die damals neu aufgelegten Four Horsemen um Ric Flair, Arn Anderson und den jungen Chris Benoit erlebten als Rivalen der nWo einen zweiten Frühling.

Hochkarätige Promi-Gastspiele, etwa ein Match mit den NBA-Superstars Dennis Rodman und Karl Malone verschafften WCW zusätzliche Publicity. In der zweiten Reihe begeisterte derweil die Cruiserweight-Division mit jungen Begabungen wie Chris Jericho, Eddie Guerrero und Rey Mysterio Jr. die eingefleischten Fans.

Nitro fuhr in den USA 84 Wochen lang bessere Quoten als RAW ein, WCW war auf dem Gipfel. Und als Ende 1997 dann auch noch WWF-Liebling Bret "The Hitman" Hart hinzukam, schien WCW auf Jahre hinaus unschlagbar. Welch ein Irrtum.

1998-1999 WWE schlägt zurück

Während die WWF sich 1997 mit dem Beginn der Attitude Era aus der kreativen Krise manövrierte, begann WCW das Fortune zu verlieren: Sie ließ die Mega-Fehde Sting vs. Hogan verworren statt mit einem klaren Sieg Stings enden, fand keinen rechten Weg, Neuzugang Hart sinnvoll einzusetzen und Erfolgsprojekte wie die nWo und Goldberg gerieten vom Gleis.

Goldbergs Titelgewinn gegen Hogan vor 40.000 Fans im Georgia Dome (im Free-TV an die Fans verschenkt) und seine anschließende Regentschaft gelten als letzter echter Glanzpunkt von WCW. Der unwiderrufliche Absturz setzte ein, als Nash Ende 1998 Goldbergs Regentschaft und Siegesserie beendete (was die eigene Idee des einflussreichen Nash gewesen sein soll) und den Titel mit dem berüchtigten "Fingerpoke of Doom" wieder an Hogan weitergab.

Während die WWF sich mit den neuen Stars Stone Cold Steve Austin und The Rock erfolgreich neu erfand, gingen WCW die Ideen aus: Sie verlor sich in immer neuen nWo-Revivals und verpasste den Übergang zur neuen Generation, wobei auch Platzhirsch-Verhalten und "Backstage-Politik" alternder Stars wie Hogan eine Rolle spielten.

Als Kardinalproblem galt zum Beispiel die "Creative Control", die Hogan gewährt wurde: Er durfte über den Ausgang jedes Matches mit seiner Beteiligung mitbestimmen - und dem Hulkster wurde immer wieder vorgeworfen, diese Klausel mehr zum Erhalt des eigenen Nimbus als zum Wohle der Liga eingesetzt zu haben. Bestes Beispiel: Das große Match gegen Sting Ende 1997, als er seinem Gegner zwar einen Sieg über sich zugestand, aber gegen jede Logik nur einen kontroversen und keinen eindeutigen.

Die Vorherrschaft ging zurück an die McMahon-Company. Und es kam noch schlimmer.

1999-2000: Vince Russo und der Verfall

Im Herbst 1999 wurde Bischoff vom Mutterkonzern Time Warner gefeuert, weil der ihm die Wende nicht mehr zutraute (während Bischoff selbst zunehmende Einmischungen der Oberen für den Misserfolg verantwortlich machte).

Nachfolger Bill Busch setzte im Kreativbereich zwei neue starke Männer ein: die früheren WWF-Autoren Vince Russo und Ed Ferrara, die den Niedergang mit ihren sehr eigenwilligen Einfällen und fehlendem Gespür für die Bedürfnisse der WCW-Fans jedoch nur beschleunigten.

Busch suspendiert Russo und Ferrara nach wenigen Monaten, angeblich weil sie aus unerfindlichen Gründen erwogen, den unerfahrenen Ex-Shootfighter Tank Abbott zum Champion zu machen. Das Führungschaos verprellte unter anderem Chris Benoit und Eddie Guerrero, die zusammen mit Dean Malenko und Perry Saturn zur WWF überliefen - was auch Busch den Kopf kostete.

Vince Russo und Eric Bischoff sollten WCW 2000 gemeinsam retten - und scheiterten
Vince Russo und Eric Bischoff sollten WCW 2000 gemeinsam retten - und scheiterten © WWE Network

Im April 2000 wurden Bischoff und Russo in einem weiteren vergeblichen Wendemanöver als gemeinsames Führungsduo zurückgeholt. In einem einmaligen Schritt entthronten sie alle Champions und stoppten alle laufenden Storylines, um einen kompletten Neustart zu versuchen. Der versuchte Befreiungsschlag, eine neue Gruppenfehde der Altstars um Hogan gegen Vertreter der jüngeren Generation wie Jeff Jarrett, Booker T und Billy Kidman (Millionaire's Club vs. New Blood) geriet jedoch  auch wieder nur zum nWo-vs.-WCW-Aufguss.

Neue kreative Missgriffe (Schauspieler David Arquette als World Champion!) und der öffentliche Ausbruch giftiger Machtkämpfe beendeten die Hoffnungen auf einen Kurswechsel: Als Russo Hogan, den er nur noch als Belastung empfand, im Juli 2000 vor laufender Kamera real feuerte und als "piece of shit" beschimpfte, kündigte auch Hogan-Kumpel Bischoff. Russo (der sich zwischendurch auch mal selbst zum Champion machte) war bald darauf auch entmachtet - und die WCW kurz vor dem letzten Akt.

2001: WWE-Boss Vince McMahon kauft WCW auf

In den Krisenjahren 1999 und 2000 hatte WCW nicht nur den Großteil ihrer Zuschauer verloren, sondern auch Mutterkonzern Time Warner gegen sich aufgebracht: Die Liga machte 2000 satte 60 Millionen Dollar Minus und war dem Untergang geweiht, als der persönlich loyale Ted Turner bei der Fusion mit dem Internet-Riesen AOL an Einfluss verlor.

Die neuen Verantwortlichen stellten WCW nicht nur zum Verkauf, sondern verbannten sie auch aus ihrem TV-Programm - womit sich die Pläne von Eric Bischoff zerschlugen, die Liga mit einem Investoren-Konsortium namens Fusient Media zu kaufen und auf neue Füße zu stellen.

Am 23. März packte WWF-Boss Vince McMahon die historische Gelegenheit beim Schopf: Er kaufte und zerschlug WCW.

Das letzte Nitro am 26. März (mit einer emotionalen Abschiedsrede von Ric Flair und einem letzten Match gegen Sting) wurde zum Vehikel für eine Story, in der Sohn Shane seinem Vater die Liga vor der Nase wegschnappte. Es folgte eine wenig erfolgreiche und bald beerdigte Invasions-Story der WCW-Stars bei der WWF, an einem Erhalt von WCW als eigenständige Liga hatte McMahon ohnehin nie Interesse.

Unglaublich: Das teure Mega-Projekt WCW - das für Time Warner auch wegen der vielen dicken Langzeitverträge für die Stars zur Belastung wurde - hatte am Ende so drastisch an Wert verloren, dass McMahon es zum Spottpreis bekam.

Für die Marken- und Videorechte an Nitro, Thunder und Co. (heute zu sehen im Streaming-Portal WWE Network) zahlte McMahon insgesamt nur 4,2 Millionen - nicht mal 1 Prozent des aktuellen WWE-Jahresumsatzes.

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