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Babbel: "So kenne ich Bayern nicht"

Babbel: "So kenne ich Bayern nicht"

Vor dem Heimspiel des FC Bayern gegen Union Berlin spricht Ex-FCB-Profi Markus Babbel über die Krise beim Rekordmeister, Niko Kovac und Thomas Müller.
In der Video-Kolumne "Auf den Punkt" erklärt SPORT1 Experte Marcel Reif, weshalb das Verhalten der Bayern-Bosse den Trainer schwächt und was bei den Münchenern momentan fehlt.
Reinhard Franke
Reinhard Franke
von Reinhard Franke

Markus Babbel ist ein echter Münchner: Mit neun Jahren kam er zum FC Bayern, durchlief alle Jugendmannschaften und spielte in den 1990ern anschließend jahrelang für den Rekordmeister in der Bundesliga, bevor er unter anderem auch für den FC Liverpool in der Premier League auf dem Platz stand.

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Spain's retired midfielder Xabi Alonso arrives to attend a court hearing for tax evasion in Madrid on January 22, 2019. (Photo by PIERRE-PHILIPPE MARCOU / AFP)        (Photo credit should read PIERRE-PHILIPPE MARCOU/AFP/Getty Images)
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Als Trainer arbeitete Babbel in Deutschland später für den VfB Stuttgart, Hertha BSC und die TSG Hoffenheim, ehe es ihn 2014 ins Ausland zog: Gut drei Jahre war er erfolgreich beim Schweizer Erstligisten FC Luzern tätig, im Mai 2018 unterschrieb er einen Vertrag in Australien bei den Western Sydney Wanderers.

Dort ist der 47-Jährige nach eigener Aussage "super-happy" - den FC Bayern hat er aber auch von Down Under natürlich weiterhin genau im Blick.

Vor dem Heimspiel des Rekordmeisters am Samstag gegen Union Berlin (Bundesliga: FC Bayern München - Union Berlin ab 15.30 Uhr im LIVETICKER) spricht Babbel im SPORT1-Interview über die Krise bei den Münchnern, Trainer Niko Kovac und Thomas Müller.

SPORT1: Herr Babbel, verfolgen Sie die Bundesliga noch regelmäßig?

Markus Babbel: Natürlich! Ich bin immer informiert und kann alles sehen. Die Bundesliga, Serie A, die französische Liga, die spanische Liga, die Premier League. Das einzige Problem ist, dass viele Spiele mitten in der Nacht übertragen werden. Aber bei aller Liebe, dann muss es schon ein echter Kracher sein, damit ich mir das Spiel dann auch anschaue. Da ist mir mein Schlaf wichtiger. Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, aber Augsburg gegen Bayern schaue ich mir da nicht live an.

Babbel: "So kenne ich die Bayern nicht"

SPORT1: Wie bewerten Sie die Bayern? Nach der Herbstkrise 2018 rumort es auch in diesem Herbst wieder.

Babbel: Irgendwie werde ich nicht ganz schlau aus der ganzen Nummer. Im vergangenen Jahr haben sie fußballerisch nicht so gut gewirkt, jetzt wirken sie fußballerisch gut, sie dominieren die Gegner, und kreieren wahnsinnig viele hochkarätige Chancen. Warum sie die Dinger nicht reinhauen, ist mir ein Rätsel. So kenne ich die Bayern nicht. Ich kenne meinen Ex-Klub eigentlich so, dass er die Gegner platt macht. Sie sind nicht mehr so kaltblütig wie früher. Die Gegentore basieren auf absoluten Leichtsinnsfehlern. Das sind keine technischen Fehler, wo sie auseinandergespielt werden oder ein Gegenspieler den Ball aus 30 Metern in den Giebel haut. Es sind dumme Leichtsinnsfehler, sowohl vorne wie auch hinten, die ich mir nur schwer erklären kann. Sie wirken jetzt auch nicht so, als wenn sie keine Lust hätten oder gegen den Trainer spielen würden.

SPORT1: In Niklas Süle und Lucas Hernández fehlen die nächsten Monate nun auch noch zwei eminent wichtige Spieler.

Babbel: Für beide Spieler ist das natürlich ganz bitter. Süle war in einer hervorragenden Form - und er war absolut gesetzt. Auch für Hernández kommt die Verletzung zur Unzeit. Aber des einen Leid kann des anderen Freund sein, also die Chance für einen Kollegen. Und das ist die spannende Frage, wer in den kommenden Wochen Süle und Hernandez vertreten wird: Ist es Benjamin Pavard, der vielleicht noch etwas unerfahren ist und das Bayern-Gen noch verinnerlichen muss? Vielleicht ist es auch Jérôme Boateng, der die Erfahrung mitbringt und die Qualität definitiv hat.

AUGSBURG, GERMANY - OCTOBER 19: Alfred Finnbogason of FC Augsburg scores his team's second goal during the Bundesliga match between FC Augsburg and FC Bayern Muenchen at WWK-Arena on October 19, 2019 in Augsburg, Germany. (Photo by Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)
PIRAEUS, GREECE - OCTOBER 21: Niko Kovac, head coach of FC Bayern Muenchen talks to the media during a press conference at Karaiskakis Stadium on October 21, 2019 in Piraeus, Greece. FC Bayern Muenchen will face Olympiacos FC during the UEFA Champions League group B match on October 22, 2019. (Photo by Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)
PIRAEUS, GREECE - OCTOBER 21: David Alaba of FC Bayern Muenchen talks to the media during a press conference at Karaiskakis Stadium on October 21, 2019 in Piraeus, Greece. FC Bayern Muenchen will face Olympiacos FC during the UEFA Champions League group B match on October 22, 2019. (Photo by Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)
Bayern Munich's Austrian defender David Alaba arrives to address a press conference in Athens on October 21, 2019, on the eve of the UEFA Champions League Group B football match against Olympiakos FC at the Karaiskaki Stadium. (Photo by ARIS MESSINIS / AFP) (Photo by ARIS MESSINIS/AFP via Getty Images)
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SPORT1: Der aber zuletzt unter Niko Kovac nicht mehr gefragt war...

Babbel: Vor einigen Jahren war Jérôme in Weltklasse-Form und deswegen wurde er auch Weltmeister und Champions-League-Sieger. An den Erfolgen war er maßgeblich beteiligt. Natürlich ist er älter geworden, hat aber dadurch auch wertvolle Erfahrung dazugewonnen. Also: Kriegt er es mental nochmal hin, sich mit dem Verein hundertprozentig zu identifizieren und alles drumherum, auch Privates, auszublenden? Ich bin nach wie vor von ihm überzeugt, aber er muss im Kopf bereit sein, Opfer zu bringen. Damit er dann am Ende sagen kann: "Jetzt habe ich noch mal etwas erreicht, jetzt ziehe ich einen Schlussstrich, komme aus meiner Komfortzone raus, und will dann noch mal etwas Neues machen."

Rückendeckung für Kovac? Babbel übt Kritik

SPORT1:Friedhelm Funkel sagte zuletzt, dass es bei den Bayern seit zwei Jahren nicht mehr stimmen würde. Was meinen Sie dazu?

Babbel: Die Frage ist, ob sich Friedhelm Funkel überhaupt anmaßen darf, solche Urteile abzugeben. Ich bin immer ein Fan davon, die ganze Woche ein Training anzuschauen, um zu sehen, was auf dem Platz umgesetzt wird. Von Ferndiagnosen halte ich gar nichts. Ich stimme den Kritikern zu, die sagen, dass es im Herbst 2018 nicht so gestimmt hat, wie man sich das vorgestellt hat. Jetzt spielen die Bayern einen ansehnlichen Fußball. Die Leichtsinnsfehler sind kein Fitness-Problem, denn Niko Kovac legt sehr viel Wert darauf, dass die Jungs topfit sind.

SPORT1: Was muss noch diskutiert werden?

Babbel: Man kann natürlich über die Balance diskutieren. Muss jetzt mit Martínez ein klassischer Sechser rein - oder ein Thiago, der mehr über das Spielerische kommt? Das muss man einem Trainer zugestehen, wie er je nach Gegner sein Team aufstellt. Aber natürlich kann man diskutieren: Wenn du keinen richtigen Sechser vor der Tür hast, dann wird es für die Innenverteidiger schwer, wenn ich die Konter sehe, die der FC Bayern ab und zu kriegt. Da frage ich mich schon, wo die Innenverteidiger stehen und was sie gemacht haben. Sie waren da im höchsten Tiefschlaf. Da nutzt dann auch der beste Sechser nichts. Gerade in der Defensive muss wieder mehr Gewissenhaftigkeit rein.

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SPORT1: Muss sich Kovac ernsthaft Sorgen machen? Gerade Karl-Heinz Rummenigge gilt als Kovac-Skeptiker...

Babbel: Man hat auf jeden Fall das Gefühl, dass alles dafür getan wird, dass Niko demnächst gehen muss. Das ist mein Eindruck von außen. Es wird permanent von vorne, von links, von rechts und von hinten geschossen. Die Bosse stellen sich zwar oft schützend vor die Spieler, aber nicht schützend vor den Trainer. Aber dem FC Bayern muss klar sein, dass der Trainer die wichtigste Position in dem Laden ist. Und wenn man Kovac schon öfter öffentlich an den Pranger gestellt hat, dann frage ich mich, wo die Rückendeckung ist. Die Spieler beklagen sich, verdienen unfassbar viel Geld, und heulen nur rum. Und dann muss man sie auch noch schützen, wenn Kritik aufkommt. Aber beim Trainer ist es eben nicht der Fall. Und er verdient weit weniger als die Spieler. Da frage ich mich schon, ob das der richtige Ansatz ist. Für mich sind die Anzeichen ganz klar, dass Niko weiter einen sehr schweren Stand im Verein hat. Das sind weiß Gott keine guten Voraussetzungen, um erfolgreich Fußball spielen zu können.

"Müller wird noch viel leisten für den Klub"

SPORT1: Lassen Sie uns über Thomas Müller sprechen, der nur noch Ersatzspieler ist.

Babbel: Niko stellt nach bestem Wissen und Gewissen auf. Das muss man ihm zugute halten. Die eine Aussage mit der Notlösung über Müller war sehr unglücklich, das hat Niko auch eingesehen. Jetzt liegt es auch ein Stück weit an Thomas. Er ist ein fantastischer Fußballer, der alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gibt. Und er ist die Galionsfigur beim FC Bayern, aber er muss auch in dieser schweren Phase zeigen, dass er unantastbar und unverzichtbar ist. Entweder man liebt ihn oder man mag ihn gar nicht. Da gibt es nichts dazwischen. Entweder man findet ihn sensationell, weil er selbst nicht weiß, was er da gerade Sensationelles macht, oder man mag lieber dieses Elegante von Philippe Coutinho. Ich kann Nikos Handeln nachvollziehen, was aber nicht heißt, dass ich es genauso machen würde. Aber es ist sein gutes Recht, sich so zu entscheiden. Wenn er das Gefühl hat, dass er Thomas braucht, dann wird er ihn bringen. Er hat in der Vergangenheit viel geleistet für den FC Bayern und wird noch viel leisten für den Klub.

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SPORT1: In der Champions League haben die Bayern bisher die Pflicht erfüllt, in der Liga nicht. Es ist der schlechteste Saisonstart seit neun Jahren. 

Babbel: Man hat in diesen Wochen das Gefühl, dass die Champions League etwas über der Meisterschaft steht. Alle Vereine vorne in der Liga tun alles dafür, dass sie sich oben nicht absetzen. Man hätte auch vom BVB mit den vielen Neuzugängen eine dauerhafte Dominanz erwartet, aber auch die Dortmunder haben ihre PS noch nicht richtig auf die Straße bekommen. In der Meisterschaft liegen die Bayern nur einen Punkt hinter dem Ersten, von daher legt man vielleicht den Fokus gerade mehr auf die Königsklasse, was aber nach vielen nationalen Titeln auch nicht ungewöhnlich ist. Und so ein richtiges Brett ist nicht dabei, kein Team schießt den Gegner aus dem Stadion. Auch Barca mit Antoine Griezmann nicht. Von daher rechnet sich Bayern mit der Qualität im Kader international schon etwas aus. Mit der richtigen Motivation kann es auch in der Liga wieder souveräner aussehen.

Babbel: "Bayern wäre etwas Besonderes"

SPORT1: Glauben Sie, dass Kovac im Winter noch Bayern-Trainer sein wird?

Babbel: Ich hoffe, dass Kovac weitermachen darf. Ich finde es schade, wie mit ihm umgegangen wird und es wäre traurig, wenn das zu Ende gehen würde. Niko ist scharf angegangen und kritisiert worden, das hat er nicht verdient. Aber er hat im ersten Bayern-Jahr das Double gewonnen. Das könnte man auch mal anerkennen. Er ist einer, der nicht so viel Erfahrung von großen Stationen mitgebracht hat nach München. Alle reden immer davon, junge Spieler auszubilden, dann sollte auch mal einem Trainer die nötige Zeit gegeben werden. Den Trainer bei Bayern muss man mit allen Mitteln unterstützen. Wenn es am Ende wirklich nicht mehr passt, muss man das offen und ehrlich besprechen. Aber das Gefühl habe ich leider nicht, dass Niko in München bleiben soll.

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SPORT1: Sie haben dreieinhalb Jahre erfolgreich in Luzern gearbeitet, sind jetzt in Sydney. Wie denken Sie über eine Rückkehr in die Bundesliga?

Babbel: Mir macht es in Sydney Riesenspaß. Um das aufzugeben, da müsste schon etwas Besonderes kommen. Natürlich wünsche ich mir, noch mal in der Bundesliga Trainer zu sein, weil ich jetzt einen ganz anderen Erfahrungsschatz habe und ganz andere Qualitäten mitbringe als damals, aber ich bin gerade super happy. Wie gesagt: Es müsste etwas Besonderes kommen. 

SPORT1: Der FC Bayern?

Babbel: Ja. Bayern wäre etwas Besonderes.   

SPORT1: Welchen Bayern-Spieler hätten Sie gerne in Ihrem Team?

Babbel: Thomas Müller würde ich sofort nehmen, aber Joshua Kimmich könnte ich im Moment besser gebrauchen.