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Borussia Mönchengladbach - 1. FC Köln: Thomas Broich über Baumgart, Hütter, Modeste, Ginter, Eberl

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Borussia Mönchengladbach - 1. FC Köln: Thomas Broich über Baumgart, Hütter, Modeste, Ginter, Eberl

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Broich: „Da werde ich fast etwas rührselig“

Broich: „Da werde ich fast etwas rührselig“

Vor dem Duell zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln spricht der frühere Profi Thomas Broich bei SPORT1 über das Rheinderby, seine beiden Ex-Klubs und verrät sein schönstes Derby-Erlebnis.
Vor dem Rheinderby zwischen dem 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach spricht Ex-Profi Thomas Broich über seine Zeit bei beiden Vereinen, aber auch über die aktuelle Situation der Klubs.
Reinhard Franke
Reinhard Franke

Thomas Broich galt einst als große Hoff­nung des deut­schen Fuß­balls.

Die große Kar­riere blieb ihm ver­sagt. Er galt als sensibler Feingeist, der etwas andere Profi eben. Broich spielte in der Bundesliga für Borussia Mönchengladbach und den 1. FC Köln.

Heute ist der 41-Jährige aufgrund seiner messerscharfen Analysen als TV-Experte ein gefragter Mann. Zudem arbeitet Broich bei Hertha BSC als Leiter Methodik in der Akademie. Am Samstag empfängt die Borussia den FC (Bundesliga: Borussia Mönchengladbach - 1. FC Köln, ab 18.30 Uhr im LIVETICKER) Vor dem Rheinderby spricht der gebürtige Münchner im SPORT1-Interview.

SPORT1: Herr Broich, wie denken Sie an Ihre Zeit in Gladbach und Köln zurück ?

Thomas Broich: Nur positiv. Ich bin mit jedem Jahr, das vergeht, dankbar für die Karriere, die ich haben durfte. Es hat sich damals nicht immer gut angefühlt, es waren auch turbulente Zeiten. Aber wenn ich heute an die alten Wirkungsstätten zurückkehre und daran denke, dass ich bei diesen zwei Traditionsklubs mal spielen konnte, dann finde ich das fantastisch. Bei Gladbach hat mich total geflasht, als ich mal an das Trainingsgelände zurückkam, wie sich der Verein entwickelt hat. Ich war mal bei ManCity einen beruflichen Termin und kurz darauf hatte ich in Gladbach zu tun und dachte nur ‚Wow, das nimmt sich nichts‘. (DATEN: Die Tabelle der Bundesliga)

Am Wochenende treffen die Traditionsvereine Borussia Mönchengladbach und Köln im Rheinderby aufeinander. Wir haben die wichtigsten Fakten und Stimmen zu dem Kracher.
01:53
Derbytime! Die Fakten zum Rheinderby zwischen Köln und Gladbach

SPORT1: Wie war es in Köln?

Broich: Da war es sportlich unglaublich schwierig. Aber vom Lebensgefühl her mit den Leuten da war es riesig, vor allem wenn es dann mal lief. Beim FC ist das immer eine Gefühlsexplosion in beide Richtungen. Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt ist immer so ausgelutscht, aber wenn es auf eine Stadt zutrifft, dann auf Köln. Und da nimmt man das Beste aus beiden Welten halt mit. Manchmal auch das Schlechteste.

SPORT1: Wo war es schöner?

Broich: Das kann ich gar nicht sagen. Gladbach war für mich wichtig, weil ich da als junger Spieler in die Bundesliga reinschnuppern durfte. Alles war neu für mich und ich habe anfangs viel Vertrauen und Fan-Liebe gespürt. Beim FC war ich etwas reifer und hatte schon ein paar Höhen und Tiefen durchgemacht. Da war diese Naivität nicht mehr da. Ich habe mich aber total in Köln verliebt und bin nach meiner Karriere dort geblieben und habe da auch meine jetzige Frau kennengelernt. Bei Gladbach und Köln ist mächtig was hängengeblieben. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)

Thomas Broich hat sich zu seinem Abschied von Eintracht Frankfurt geäußert
Thomas Broich hat sich zu seinem Abschied von Eintracht Frankfurt geäußert

Broich: „Er war völlig schmerzfrei“

SPORT1: Können Sie eine Anekdote aus der Zeit damals erzählen?

Broich: Es gibt eine Geschichte, die ich klasse finde, weil sie auch mit dem Derby zu tun hat. Ich habe zwei Jahre mit Patrick Helmes beim FC zusammengespielt. Ich erinnere mich an ein Derby, da lagen wir 0:1 hinten. Wir bekamen dann einen Elfer. Bei Paddy (Helmes, d. R.) war das immer so, dass er sich die Kugel hinlegte und erstmal Schiss hatte zu verschießen. Wenn ich mir den Ball genommen habe zum Elfer, dann war ich erstmal recht zuversichtlich und ich dachte ‚Das kann doch nicht so schwer sein‘, aber mit jedem weiteren Schritt wurden meine Knie immer wackeliger und der Torwart immer größer. Ich wusste oft gar nicht, wo ich das Ding hinknallen soll. Und Paddy erzählte mir dann, dass es bei ihm genau andersrum ist. Er legte sich die Kugel hin, war nervös, als er dann aber den in seinen Augen winzigen Keeper und das riesige Tor sah, dachte er‚ Wie soll ich den verschießen?‘, dann hat er das Ding in die Ecke geschnalzt und ließ sich feiern. Er war völlig schmerzfrei.

SPORT1: Kommen wir zur Aktualität. Trauen Sie Steffen Baumgart auch längerfristig Erfolg beim FC zu oder nutzt sich seine Art ab?

Broich: Ich glaube es nicht, weil das Ganze Substanz hat. Baumgart ist kein Showman. Er hat zwei Sachen da rein gebracht, die für mich essenziell sind. Zum einen scheint er die Qualität zu haben, Leute stark zu reden und ehrlich mitzunehmen. Bei manchen Trainern sind es nur Lippenbekenntnisse, wenn sie das Team stark reden, Baumgart aber lebt das ohne Ende vor. Egal, wer beim FC ins Spiel kommt, sie performen alle.

Baumgart hat jeden Einzelnen dahin gebracht, dass er in der Lage ist, geilen Bundesliga-Fußball zu spielen. Auch die, die abgeschrieben waren. Und nicht nur bei sieben, acht Spielern, sondern gefühlt bei 16, 17. Das genau ist sensationelle Trainerarbeit. Das zweite ist die Komponente Mut. Baumgart geht auch offen auf die Fans zu und sagt ‚Tragt unsere Idee mit‘, selbst wenn beim mitunter riskanten Spielaufbau mal was schief geht. Durch ihn gibt es Powerfußball, der jeden mitnimmt. Was willst du Besseres über einen Trainer sagen? (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

SPORT1: Er passt also wie Ar*** auf Eimer zum FC.

Broich: Nicht nur zum FC: Diese Art von Trainer steht jedem Verein gut zu Gesicht. Du willst als Spieler geilen Fußball zocken mit Mut und Risiko und willst einen Trainer, der immer hinter dir steht.

SPORT1: Anthony Modeste ist einer der Spieler, der unter Baumgart aufgeblüht ist.

Broich: Seine Kopfballstärke ist unverschämt. Auch, wie er Bälle festmachen kann. Es ist nicht immer einfach, gute, ältere Spieler zu managen in Bezug auf Einsatzzeiten und Vertragslaufzeiten. Bei mir war das zum Ende der Karriere auch nicht mehr einfach. Ich war in Brisbane (Brisbane Roar in Australien, d. Red.) mit 36 auch nicht mehr der Spieler, der ich mit 30 war. Da gab es auch jüngere und bessere Jungs. Obwohl es in Köln selbst dann keinen besseren Kopfballspieler geben wird, wenn Modeste 40 Jahre alt ist. Aber wenn ich einem zutraue, das zu moderieren, dann ist es Baumgart.

Baumgart wünscht sich einen neuen Vertrag für Modeste
Baumgart wünscht sich einen neuen Vertrag für Modeste

Broich: „Eine krasse Herausforderung“

SPORT1: Kann der FC den Gladbachern den Rang ablaufen?

Broich: Ich würde das aus Kölner Sicht genießen, glaube jedoch, dass es nur eine Momentaufnahme ist, weil die Borussia in dieser Runde unerwarteterweise geschwächelt hat. Eigentlich sind sie vom Personal her besser geworden. Einen Koné oder einen Scally hatte man zu Saisonbeginn noch gar nicht auf dem Schirm. Von den Leistungsträgern war auch jeder noch da. Gladbach war mit dem neuen Trainer Adi Hütter in einer Findungsphase. Da das richtige Rezept zu finden, war eine krasse Herausforderung. Diese Phase, die allen etwas Geduld abverlangt, dauert noch an.

SPORT1: Was macht Ihnen Hoffnung?

Broich: In Gladbach ist in den vergangenen Jahren zu viel aufgebaut worden, das hat eine enorme Nachhaltigkeit. Die Altersstruktur in der Truppe ist sehr gut und es gibt viele gute, talentierte Spieler, die für gutes Geld verkauft werden können. Sie haben sich eine Ausgangsposition verschafft, die trotz der aktuellen Krise formidabel ist. Natürlich war es hart, den Abgang von Max Eberl zu verkraften, aber das Gesamtkunstwerk Borussia Mönchengladbach wurde in den vergangenen Jahren schon sehr nachhaltig aufgebaut.

SPORT1: Glauben Sie, dass Adi Hütter die Kurve noch kriegt?

Broich: Ich traue ihm das schon zu. Er hatte ausnahmslos bei all seinen Vereinen Erfolg und von daher ist es für ihn sicher ungewohnt, dass es jetzt bei Borussia über einen längeren Zeitraum so knarzt. Aber die Chemie wird über Ergebnisse besser. Wenn neue Dinge probiert werden und es klappt nicht, dann gibt es immer viele Zweifler, da liegt in der Beharrlichkeit die Antwort.

SPORT1: So eine Saison in Gladbach hätte keiner erwartet. Wie kann das passieren?

Broich: Da bin ich auch ratlos. Es gab bisher zwei Extreme. Allein gegen die Bayern haben die Gladbacher in dieser Saison dreimal herausragend verformt. Da zeigte sich, dass Borussia mit den Topteams mithalten kann. Das ist eine Mannschaft, die gerade keine Konstanz aufweist, aber unglaubliches Potenzial hat. Doch dieses wurde oft nur sporadisch abgerufen. Von außen ist es nicht zu erklären.

Fußball 1. Bundesliga 22. Spieltag Borussia Mönchengladbach - FC Augsburg am 12.02.2022 im Borussia-Park in Mönchengladbach Christoph Kramer ( Mönchengladbach ) DFL regulations prohibit any use of photographs as image sequences and or quasi-video. xHDx
Fußball 1. Bundesliga 22. Spieltag Borussia Mönchengladbach - FC Augsburg am 12.02.2022 im Borussia-Park in Mönchengladbach Christoph Kramer ( Mönchengladbach ) DFL regulations prohibit any use of photographs as image sequences and or quasi-video. xHDx

Broich: „Das war immer die große Kunst bei Borussia“

SPORT1: Zakaria ist schon weg, Matthias Ginter wird im Sommer gehen. Wie schwer wiegen diese beiden Abgänge?

Broich: Ich glaube, man kriegt es wieder aufgefangen. Das war immer die große Kunst bei Borussia durch intelligentes Scouting und die Entwicklung von Spielern. Koné ist da ein super Beispiel. Wenn ich ihn kicken sehe, muss ich sagen, dass er unfassbare Anlagen hat und Zakaria vergessen machen kann. Borussia ist kein Verein, der in seiner personellen Struktur zu sehr abhängig ist von einem oder zwei Spielern.

SPORT1: Wo sehen Sie Ginter in Zukunft?

Broich: Ich glaube, dass sich ein Spieler von seiner Qualität auch verschiedenen Stilen anpassen würde. Es gibt natürlich immer besondere Herausforderungen bei bestimmten Vereinen. Man merkt das bei den Verteidigern des FC Bayern. Es ist etwas anderes, ob du für Leipzig verteidigst oder für die Münchner. Ginter wird oft mit Italien und weniger mit der Premier League in Verbindung gebracht, weil er taktisch sehr versiert ist, aber auf den ersten Blick kein Athlet à la Antonio Rüdiger. Es ist immer schwer zu sagen, dass ein Spieler nur dahin passt. Es muss im Gesamtgefüge passen. Ich traue Ginter verschiedene Ligen zu.

Broich sieht „keine Unwucht“

SPORT1: Muss Gladbach seinen Kader im Sommer umbauen?

Broich: Eigentlich besteht keine Notwendigkeit. Es kann sein, dass frisches Blut guttut. Aber eine Fern-Diagnose ist da schwierig. Eigentlich gab es ja massiv neuen Input durch Hütter. Von der Balance im Kader von Jung und Alt passt es eigentlich. Ich sehe keine Unwucht im Kader.

SPORT1: Was halten Sie vom neuen Sportvorstand Roland Virkus?

Broich: Wenn da jemand kommt, der diese Philosophie verinnerlicht hat und über Jahre hinweg verstanden hat, was diesen Verein auszeichnet, kann das eine sehr elegante Lösung sein. Nachdem viele kompetente Leute bei Borussia arbeiten, die zu dem Entschluss gekommen sind, dann kann man ihnen trauen. Oft ist nicht der große Name entscheidend, sondern Konstanz.

Roland Virkus tritt die Nachfolge von Max Eberl an
Roland Virkus tritt die Nachfolge von Max Eberl an

Broich: „Derjenige ist der Verein“

SPORT1: Hat sich Gladbach zu sehr von Max Eberl abhängig gemacht?

Broich: Ich glaube nicht. Es ist einfach schwierig, wenn du so prägende Figuren hast, sich dann die Zeit ohne sie vorzustellen. So war es bei Hoeneß und Rummenigge bei den Bayern auch. Wenn diese Personen durch ihre Arbeit solch eine Aura entfalten und so sehr für den Klub stehen, dann denkt man von außen ‚Derjenige ist der Verein‘. Aber in Gladbach hat es nicht gewirkt wie eine One-Man-Show. Auch wenn nach außen in Max unheimlich präsent war und sinnbildlich stand für die ganze Entwicklung.

SPORT1: Letzte Frage: Gibt es ein schönstes Derby-Erlebnis?

Broich: Mein erstes Bundesligaspiel auf der Bank. Wir spielten damals mit Gladbach in Köln und haben 0:1 verloren. Das Tor machte Lukas Podolski. Aber ich saß zum ersten Mal in einem Bundesligastadion und dann gleich bei einem Derby. Wenn ich heute noch daran denke, kann ich sagen, dass ich das innerlich noch spüre. Da werde ich fast etwas rührselig. Es war für mich so besonders, dass es mich immer noch anpackt.

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