Besser hätte es für den FC Bayern zuletzt kaum laufen können: Ein knapper, aber hochverdienter 1:0-Sieg in Köln, 32 Punkte nach zwölf Spielen, Harry Kane trifft weiter nach Belieben und fühlt sich bei den Bayern wie „zu Hause“.
Brisante Strategie von Bayern-Coach Tuchel - wie passt das mit seinen Worten zusammen?
Tuchels brisante Wechsel-Strategie
Thomas Tuchel konnte mit seinem Team am Freitagabend durchweg zufrieden sein - und war das offensichtlich auch: So verzichtete er bei dem Auswärtsspiel gänzlich auf Auswechslungen.
Nach dem Spiel begründete der Bayern-Coach, er habe nicht die Dynamik und den Rhythmus stören wollen, habe keine Veranlassung gesehen, die Souveränität zu gefährden: „Ich habe es einfach nicht gefühlt heute.“
Tuchel kritisiert große Belastung der Top-Spieler
Bemerkenswert ist seine Entscheidung dennoch.
Tuchel hatte noch tags zuvor auf der Pressekonferenz vor dem Spiel zu einer Generalkritik darüber ausgeholt, dass insbesondere die Nationalspieler einer zu großen Belastung ausgesetzt seien. „Das Feedback von allen Nationaltrainern ist, dass die Top-Spieler müde sind. Die Jungs sind mental, emotional, physisch müde“, sagte der 50-Jährige.
Es gehe nicht nur um die Arbeit auf dem Platz, sondern auch um den oft unterschätzten Reisestress: „Sie verbringen so viele Stunden in Hotels, Bussen, Flugzeugen. Das ist belastend. Minjae Kim kommt aus China. Phonzy (Davies, Anm. d. Red.) aus Kanada. Die haben weiß Gott wie viel Zeitverschiebung. Kim steht morgen wahrscheinlich nach seinem Mittagsschlaf auf und weiß nicht genau, wo er aufgewacht ist. Es ist einfach an der Grenze.“
Dass der Bayern-Coach auch seinen Top-Spielern, die in den Tagen zuvor - wie Kim und Harry Kane - zwei Mal für ihre Nationalmannschaften aufgelaufen waren, keinen frühen Feierabend gönnte, kommt deshalb überraschend. Wie passt das zusammen?
Müller, Gnabry, Guerreiro, Tel nur auf der Bank
Die Bayern hätten noch viel Klasse von außen einwechseln können. So schmorten etwa die Bayern-Stars Thomas Müller, Serge Gnabry und Raphael Guerreiro 90 Minuten auf der Bank, ebenso wie die viel gelobten Nachwuchs-Talente Mathys Tel, Frans Krätzig und Aleksandar Pavlovic.
Dass Alphonso Davies nicht zum Einsatz kam, hatte einen anderen Hintergrund. So verriet Tuchel bei DAZN, Davies habe „muskuläre Probleme. Das Risiko können wir nicht eingehen bei seiner Spielweise.“
Ein Spiel gänzlich ohne Wechsel hatte es bei den Bayern zuletzt unter dem damaligen Trainer Louis van Gaal im Jahr 2010 gegeben. In der Bundesliga war Tuchel in dieser Saison der erste Trainer, der in einer Partie nicht von seinen Einwechslungen Gebrauch machte.
FC Bayern: Tuchel kritisiert „glorreichen Spielplan“
Noch zuvor hatte der Trainer die Ansetzung der Partie ironisch „sensationell“ genannt und von einem „glorreichen Spielplan“ gesprochen.
Fast alle Spieler seiner ersten Elf bestritten ihre letzten Nationalmannschafts-Einsätze am Montag und Dienstag, reisten erst kurzfristig wieder beim FC Bayern an. Einzig Manuel Neuer, der nach seiner Langzeit-Verletzung nicht zum DFB-Team stieß, und Eric Maxim Choupo-Moting, waren nicht mit ihren Ländern unterwegs.
Durchspielen mussten sie dann jedoch alle.
Leon Goretzka: „Wir waren platt“
Die Spieler des deutschen Rekordmeisters zeigten nach dem Spiel jedenfalls Verständnis für Tuchels Taktik.
So sagte Leon Goretzka bei DAZN, das Team habe „einen sehr guten Rhythmus, Kontrolle und eine gute Positionierung“ gehabt. „Unsere Spieler vorne haben auch gut gearbeitet. Das zeigt sich ja auch ein bisschen darin, dass wir heute gar nicht gewechselt haben, weil es einfach gestimmt hat. Dann haben wir es bis zum Ende durchgezogen.“
Manuel Neuer kommentierte: „Es hat mich nicht überrascht aufgrund des Spiels. Ich glaube, es war wichtig, weil wir so eine gute Struktur hatten.“ So hätte ein Wechsel „vielleicht Unruhe gebracht“, meinte der Keeper.
Dass die vielen Spiele dennoch ihren Tribut zollen, daraus machten sie keinen Hehl. „Die Bedingungen waren extrem schwierig. Wir waren platt nach der Länderspielpause und dann noch das Freitagsspiel“, gab Goretzka zu.
Neuer bezeichnete es als eine „große Leistung“ von Minjae Kim, nach seiner weiten Anreise 90 Minuten durchzuspielen und ergänzte: „Es ist jetzt wichtig für den ein oder anderen, dass er mal frei hat.“
Keine Wechsel überrascht Fans und Experten
In der Tat: Nicht nur wegen Tuchels jüngsten Aussagen sind Fans und Experten teils von den ausbleibenden Wechseln irritiert. „Ich habe überhaupt keine Ahnung“, zeigte sich auch DAZN-Experte Sami Khedira - von Moderatorin Laura Wontorra auf die ungewöhnliche Trainer-Maßnahme angesprochen - ratlos.
„Dass er (Thomas Müller; Anm. d. Red.) dann auch nicht für die letzten 20 bis 25 Minuten reingekommen ist“, wunderte zudem Lothar Matthäus- insbesondere vor dem Hintergrund der zuvor thematisierten Belastungssteuerung. „Da sieht man auch, wie Thomas Tuchel und der FC Bayern unter Druck sind“, sagte der ehemalige Bayern-Spieler.
Es überrascht auch, weil für den FC Bayern eine englische Woche ansteht. Am Mittwoch wartet in der Champions League der FC Kopenhagen - und Tuchel hatte zum Saisonbeginn selbst mehrfach darauf hingewiesen, dass der Kader des Rekordmeisters auf einigen Positionen nur dünn besetzt sei.
Bis Weihnachten bestreiten die Münchner praktisch nur noch englische Wochen.
Tuchel: „Es hat sich so gut angefühlt“
Tuchel zeigte sich am Freitagabend aber durch den Verlauf des Spiels bestätigt: „Es hat sich so gut angefühlt. Keiner hatte muskuläre Probleme oder Probleme mit der Luft. Dadurch, dass wir die zweite Halbzeit auch so kontrolliert spielen konnten, hat uns das geholfen, mit den Kräften hauszuhalten.“
Er gab jedoch zu: „Ich war nie entschieden, hatte keine ganz zündende Idee, wie wir jetzt nochmal Thomas (Müller, Anm. d. Red.) oder Rapha (Guerreiro) aufs Feld kriegen und für wen, weil die beiden waren natürlich prädestiniert für ein paar Minuten, auch Mathys Tel, aber ich habe es den Spielern gerade gesagt: Es ist eine große Ausnahme und ich hoffe, sie nehmen es mir nicht übel. Es gab heute einfach keinen Anlass dazu.“
Trotz seiner Nicht-Wechsel präzisierte er auch noch einmal seine Kritik an der hohen Belastung für die Spieler. „Ich habe nicht von meiner Mannschaft gesprochen, sondern von den internationalen Topspielern. Das ist das Feedback der Nationaltrainer.“
Tuchel wie City-Startrainer Guardiola?
Für sein Team resümierte er: „Wir haben im Spiel nicht müde gewirkt - auch, wenn die Thematik bleibt“.
So warnte er mit Blick auf vielen Spiele, die anstehende EM nach Saisonende und die Reform der Champions League, die zwei bis vier zusätzliche Spiele bedeute: „Wir müssen sehr klug sein bei der Kaderplanung.“
Mit seiner Taktik der Nicht-Wechsel ist der Trainer im internationalen Spitzenfußball jedoch nicht alleine. So verzichtete auch Ex-Bayern- und jetzt ManCity-Coach Pep Guardiola, der wie Tuchel als Perfektionist gilt, bereits das eine oder andere Mal auf Wechsel, wenn er sein Team nicht aus dem Rhythmus bringen wollte.
In der Vergangenheit brachte ihm das auch Kritik ein. Nur einen Tag nach Tuchel wechselte Guardiola im Spitzenspiel beim 1:1 gegen Jürgen Klopps FC Liverpool ebenfalls nicht aus.