Der Anblick verhieß nicht Gutes. Mit der Kapuze über den Kopf gezogen und mit gesenktem Blick bewegte sich Emre Can, auf Gehhilfen gestützt, aus dem Kabineninnenraum in Richtung seines Autos. Dort verweilte er noch für eine knappe halbe Stunde und wartete, bis sie endlich das Stadion verlassen durften.
Bundesliga: Die Folgen des Can-Schocks
Can vor ungewisser Zukunft
Das Stadion, in dem er sich rund zwei Stunden zuvor das Kreuzband gerissen hatte. Nun blickt er in eine ungewisse Zukunft. Darüber diskutieren BVB-Reporter Oliver Müller und SPORT1-Reporter Manfred Sedlbauer in einer neuen Ausgabe des SPORT1-Podcasts „Die Dortmund-Woche“.
Die Verantwortlichen gingen schon direkt nach Spielende vom Schlimmsten aus. Am Montagnachmittag wurde die Diagnose Kreuzbandriss dann offiziell. Von einer Ausfallzeit von „mehreren Monaten“ ist die Rede, für gewöhnlich nimmt man bei einer derartigen Knieverletzung sechs Monate als Richtwert.
Can-Verletzung bringt Kovac in Not
„Die Saison ist für ihn auf jeden Fall gelaufen. Auch seine WM-Hoffnungen sind damit dahin. Selbst danach ist es nicht sicher, ob er jemals wieder seine volle Leistungsfähigkeit erreichen kann, gerade mit 32 Jahren“, erklärt Sedlbauer.
Die Verletzung des Kapitäns hat auch negative Folgen für die Mannschaft und bringt Trainer Niko Kovac wieder einmal in große Not. Denn angesichts des abgewanderten Aaron Anselmino sowie der verletzten Niklas Süle und Filippo Mané gehen dem 54-Jährigen wieder einmal die Optionen in der Innenverteidigung aus.
„Dass Bensebaini nach Cans Auswechslung als Linksfuß auf die rechte Position rutschte, zeigt die große Not. Mit ihm, Anton und Schlotterbeck hast du gerade nur noch drei gelernte Innenverteidiger für drei Positionen. Luca Reggiani ist zwar nach wie vor eine Alternative, doch ihm darf man nicht zu viel auflasten“, so Müller.
Endet Cans Zeit beim BVB im Sommer?
So viel steht fest: Cans Verletzung kommt sowohl für den Spieler als auch für den Verein zur Unzeit. Der Vertrag des Kapitäns läuft im Sommer aus, Gespräche über eine Verlängerung dürften erstmal auf Eis gelegt werden. „Bitter, denn die Verhandlungen über ein neues Arbeitspapier liefen bereits“, weiß Müller.
Der BVB wäre für eine einjährige Verlängerung offen gewesen. Auch wenn Can gerne für zwei weitere Jahre verlängert hätte. „Der Vertrag wäre deutlich leistungsorientierter gewesen“, erklärt Sedlbauer mit Blick auf Cans üppiges Jahresgehalt, womit er zu den Spitzenverdienern in der Mannschaft gehört.
Ist es möglich, dass der BVB komplett von seinem Plan abrückt und Cans Vertrag auslaufen lässt? „Ausgeschlossen ist es nicht. Allerdings haben die beiden Seiten schon ein enormes Vertrauensverhältnis zueinander. Und auch die Worte von Kehl klingen nicht nach Abschied“, so Sedlbauer.
Der Sportdirektor stärkte seinem Kapitän den Rücken: „Emre wird von uns in den nächsten Monaten jede Unterstützung bekommen, damit er wieder vollständig gesund wird.“
BVB muss Transferpläne umwerfen
Doch selbst wenn der BVB mit Can verlängert, beeinflusst das direkt die Transferplanungen für den Sommer. Bei Süle und möglicherweise auch bei Nico Schlotterbeck könnte die Zusammenarbeit zu Ende gehen.
Umso dringender sind die Dortmunder auf Verstärkung angewiesen. Sedlbauer ist sich sicher: „Wenn du jemanden holst, der die Qualität von Can mitbringt, kommt dir das mit Sicherheit deutlich teurer.“ Auch die fehlenden Einnahmen durch das Aus in der Champions League sieht Müller dabei als problematisch an.
„Es kann natürlich auch eine günstige Gelegenheit sein, um der Mannschaft durch die auslaufenden Verträge von Can, Brandt und auch Süle ein völlig neues Gesicht zu geben“, so Müller. Nicht wenige Fans würden sich genau das sogar wünschen. Doch auch das birgt ein Risiko.
Für Müller ist die Situation eine „Grundsatzentscheidung“: Will ich den Verein komplett neu aufstellen oder versuche ich doch ein „weiter so“ fortzuführen? Fakt ist: Die Verletzung von Emre Can wirbelt die Pläne des BVB ordentlich durcheinander.