Klopps heimlicher Gewinner in der Kimmich-Debatte
"Meine Schuhe stinken eigentlich nicht so"
Während über Joshua Kimmichs Rolle in der Nationalmannschaft beinahe zwangsläufig diskutiert wird, spielt sich Aleksandar Pavlovic bemerkenswert unaufgeregt durchs deutsche Mittelfeld. Der Bayern-Profi hat dabei einen entscheidenden Vorteil.
Aleksandar Pavlovic saß am Samstagabend in Thessaloniki eigentlich dort, wo sich Fußballer gewöhnlich ins Zentrum der Aufmerksamkeit bringen können. Auf dem Podium bei der Pressekonferenz, direkt neben Bundestrainer Jürgen Klopp. Und trotzdem ging der 22-Jährige beinahe ein wenig unter.
Klopp redete viel, die meisten Fragen gingen schließlich an den Bundestrainer und Pavlovic verfolgte das Geschehen mit jener Gelassenheit, die ohnehin ganz gut zu seiner derzeitigen Rolle passt. Es ist durchaus denkbar, dass ihm diese Aufteilung sogar ganz recht war. Denn er muss derzeit nicht laut sein. Seine Leistungen sprechen ausreichend für ihn.
Was Pavlovic so spannend macht
Bei der WM spielte er im zentralen Mittelfeld gemeinsam mit Felix Nmecha, beim FC Bayern kennt er die Rolle an der Seite von Joshua Kimmich und zuletzt beim 2:0 gegen Serbien überzeugte er zusammen mit Tom Bischof. Unterschiedliche Partner, unterschiedliche Anforderungen – Pavlovic funktionierte bislang nicht immer, aber oft in fast jeder personellen Kombination. Genau das macht ihn momentan zu einem der spannendsten Spieler im deutschen Mittelfeld.
Während rund um Kimmich inzwischen beinahe jede personelle Konstellation zur Grundsatzfrage wird, kann der 22-Jährige weiter vergleichsweise unbelastet wachsen. Kimmich ist Kapitän, Führungsspieler und seit Jahren eine der zentralen Figuren der Nationalmannschaft. Entsprechend groß ist auch der Erwartungsdruck. Sein Kollege besitzt dagegen noch den Luxus der Jugend und hat das, was dem Kapitän aktuell fehlt: Ruhe.
Von ihm wird nicht verlangt, die deutsche Nationalmannschaft zu führen. Niemand interpretiert jede Positionierung, jede Auswechslung oder jeden neuen Nebenmann als Richtungsentscheidung. Pavlovic darf zunächst einmal das tun, was ihm offensichtlich am meisten liegt: Fußball spielen. Und seine Vorstellungen davon sind durchaus ambitioniert.
DFB-Team: Pavlovic schwärmt von Bischof und Wirtz
„Ich möchte einfach meine Qualitäten, wenn ich spiele, dem Team geben und jedes Mal den Ball haben“, sagte er in Thessaloniki. Pavlovic will „das ganze Spiel vor mir haben und kontrollieren“, gleichzeitig aber auch defensiv pressen und in die Zweikämpfe kommen. Das ist ambitioniert. Wer ein Spiel kontrollieren will, beansprucht Verantwortung. Pavlovic formuliert diesen Anspruch nur sehr leise.
Wie wohl er sich momentan fühlt, zeigte auch das Zusammenspiel mit Bischof und Florian Wirtz gegen Serbien. „Es hat unglaublich viel Spaß gemacht, mit den beiden zu zocken“, schwärmte Pavlovic und verwies darauf, dass sich das Trio sowohl mit als auch gegen den Ball gut ergänzt habe. Gerade diese Partie hat allerdings eine Diskussion befeuert, die Pavlovic nicht betrifft, sondern seinen prominenten Kollegen.
Was passiert also mit Kimmich? Klopp wurde nach dem überzeugenden Auftritt des neu formierten Mittelfelds von SPORT1 gefragt, ob er inzwischen das Gefühl habe, seinen Kapitän vor Debatten schützen zu müssen. Die Antwort geriet bemerkenswert ausführlich.
Der Bundestrainer betonte, wie froh er darüber sei, mehrere Optionen zu besitzen. „Warum soll in der Zukunft ein Spieler immer spielen?“, fragte Klopp und stellte klar: „Man muss auch gut drauf sein, um zu spielen.“ Soll heißen: Wenn Kimmich nicht spielt, ist das kein Drama und nichts Ungewöhnliches.
Klopp will unterschiedliche Strukturen
Der Coach bereitet alle darauf vor, dass Namen allein künftig womöglich nicht reichen werden. Klopp will unterschiedliche Strukturen, kreative Spieler, Laufstärke und Führung. Je nach Gegner und Form können deshalb auch Härtefälle entstehen.
Der Bundestrainer offenbarte aber gleichzeitig, dass er die Diskussion um Kimmich ohnehin nicht komplett steuern kann: „Ich habe keine Chance, die Frage so zu beantworten, dass ihr es nicht schafft, daraus trotzdem euer Ding zu machen. […] Also, ich gebe auf, offiziell. Mache ich jetzt schon. Zu dem Thema gebe ich jetzt auf. Macht, was ihr wollt.“
Für Kimmich macht das die Lage komplizierter. Für Pavlovic macht es sie interessant. Denn kaum ein anderer deutscher Mittelfeldspieler hat in den vergangenen Monaten in so unterschiedlichen Konstellationen gezeigt, dass er funktionieren kann. Vielleicht liegt darin momentan seine größte Stärke. Während andere ihre Rolle verteidigen müssen, darf Pavlovic seine erst noch definieren. Genau deshalb steht der stille Jungspund derzeit erstaunlich souverän über einer Debatte, die immer lauter wird.