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DFB: Nagelsmann? "Die Spieler sind doch nicht blöd"

„Die Spieler sind doch nicht blöd“

Im SPORT1-Interview geht Torwart-Legende Sepp Maier mit Julian Nagelsmann hart ins Gericht. Maier spricht Klartext und erklärt die Auswirkungen der Torhüter-Debatte im DFB-Kasten.
Manuel Neuer zurück im Tor der Nationalmannschaft? Torwart-Legende Sepp Maier kann das auf der Meisterfeier des FC Bayern noch nicht so recht glauben - und redet sich wegen der Torwartfrage im DFB-Team in Rage.
Im SPORT1-Interview geht Torwart-Legende Sepp Maier mit Julian Nagelsmann hart ins Gericht. Maier spricht Klartext und erklärt die Auswirkungen der Torhüter-Debatte im DFB-Kasten.

Die Rückkehr von Manuel Neuer als Nummer eins im Tor der deutschen Nationalmannschaft steht fest.

Nach einer Phase voller öffentlicher Debatten, unterschiedlicher Signale und vieler Interpretationen ist damit eine zentrale Personalfrage vor der WM entschieden – die Debatten aber noch lange nicht beendet.

Während die Entscheidung sportlich für viele nachvollziehbar ist, bleibt die Diskussion um Kommunikation, Timing und die Rolle von Julian Nagelsmann bestehen.

„Eine Ohrfeige für Oliver Baumann“

Im exklusiven SPORT1-Interview ordnet Torwart-Legende Sepp Maier die Situation ein und spricht Klartext über die Auswirkungen auf Mannschaft und Hierarchie.

SPORT1: Servus Herr Maier, die Spatzen haben es bereits von den Dächern gepfiffen: Manuel Neuer wird bei der WM die Nummer 1 sein. Was sagen Sie dazu?

Sepp Maier: Das ist natürlich ein Hammer und irgendwo auch eine Ohrfeige für Oliver Baumann. Sportlich ist es aber nachvollziehbar, weil Manu immer noch der beste deutsche Torhüter ist. Das hat man in der abgelaufenen Saison gesehen. Und dieses Rumgeeier war nicht mehr auszuhalten. Wir reden hier schließlich nicht von irgendeinem Torwart. Der Manu ist für mich immer noch einer der besten der Welt, wenn er fit ist. Das vergessen manche viel zu schnell. Sobald irgendwo einer zwei gute Spiele macht, heißt es gleich: „Neue Generation!“ Ja mei – aber Neuer ist Neuer! Der hat Titel gewonnen und das Torwartspiel revolutioniert.

Nagelsmann? „Keine saubere Linie“

SPORT1: Sie sprechen das Rumgeeier an. Hat Julian Nagelsmann die ganze Torwartfrage unnötig kompliziert gemacht?

Maier: Also eines verstehe ich bis heute nicht ganz: Wenn der Nagelsmann am Ende sowieso wieder auf Neuer setzt – warum macht man dann wochenlang dieses Theater? Für mich war das unnötiges Rumgeeier. Erst wirkt es so, als wäre Baumann die klare Nummer eins, und plötzlich dreht sich wieder alles. Das ist doch keine saubere Linie.

Und ganz ehrlich: Ein Bundestrainer sollte doch ein paar Wochen vor einer WM längst wissen, wie sein Kader aussieht. Zumindest zu 90 Prozent. Sonst wird’s schwierig. Dieses ganze Hin und Her zuletzt hat eher Unruhe reingebracht als Klarheit geschaffen.

Und der Auftritt von Nagelsmann im Aktuellen Sportstudio? Also bitte. Das war mir viel zu viel Drumherum und zu wenig klare Ansagen. Nagelsmann hat vieles mit Humor gelöst, aber da stand längst alles fest. Trotzdem wurde herumgeredet, statt einfach zu sagen, was Sache ist. Da fragt man sich irgendwann schon: Wollte er wirklich offen sein – oder eher alle ein bisschen hinhalten? Da wurden alle getäuscht. Und da sollte sich Nagelsmann hinterfragen.

SPORT1: Tut Ihnen Baumann leid?

Maier: Ja, natürlich. Er hat eine starke Qualifikation gespielt und ist jetzt trotzdem wieder der zweite Mann. Natürlich ist er enttäuscht, alles andere wäre doch unnormal. Aber Baumann soll nicht geknickt sein – er zeigt Größe, dass er die Rolle als zweiter Mann akzeptiert. Und er kann trotzdem bei einer WM dabei sein. Und sollte beim Manu mit der Wade wieder etwas sein, dann hast du mit Baumann einen verlässlichen Vertreter.

SPORT1: Und was glauben Sie: Wie hat Baumann reagiert?

Maier: Der wird geschluckt haben. Jeder würde das. Aber der Oliver ist Profi genug. Trotzdem denkst du dir innerlich natürlich: „Super. Ich mache die ganze Drecksarbeit – und zur WM kommt der Superstar zurück.“ Das kann mir keiner erzählen. Aber so war Fußball schon immer. Die Großen kriegen am Ende halt oft die Bühne.

DFB: „Manu ist zurück und gut ist’s“

SPORT1: Hätten Sie es verstanden, wenn Baumann jetzt gesagt hätte: „Ich fahre nicht mit“?

Maier: Schon. Aber ich hoffe, dass Nagelsmann wenigstens klar mit ihm gesprochen und ihm das ordentlich erklärt hat. Baumann ist so ein guter Junge, der wird das sportlich nehmen. Und wie gesagt: Er ist auf der Zielgeraden seiner Karriere noch mal bei einer WM dabei. Das ist ja auch etwas Besonderes.

SPORT1: Die Torwartfrage war eines der zentralen Themen in den vergangenen Monaten. Kritiker sagten: Irgendwann muss auch mal Schluss sein.

Maier: Ja klar muss irgendwann Schluss sein. Aber doch nicht, weil ein paar Leute nervös werden! Entscheidend war doch die Frage: Ist Manu immer noch besser als die anderen? Und wenn Manuel Neuer bei 100 Prozent ist, dann ist er besser. Punkt. Da brauchen wir gar nicht lang herumdiskutieren. Jetzt hört mir doch endlich auf mit dem Gerede. Manu ist zurück und gut ist’s.

SPORT1: Oliver Baumann hat die Qualifikation gespielt, sich loyal in den Dienst gestellt – und bei der WM sitzt er jetzt auf der Bank.

Maier: Ja, und genau das ist halt brutal im Fußball. Da ist der Baumann am Ende der Depp. So hart muss man das sagen. Der hält die ganze Quali, macht seinen Job ordentlich, dank seiner Leistungen ist Deutschland vielleicht überhaupt erst zur WM dabei – und dann kommt der Manu zurück und steht im Tor. Das tut weh. Aber so läuft es leider im Spitzenfußball. Bitterer geht es nicht. Da wird dann schnell über Fairness diskutiert. Aber am Ende spielt eben der, dem der Trainer am meisten vertraut.

SPORT1: Finden Sie das fair?

Maier: Fair? Seit wann ist Fußball fair? Der Bundestrainer stellt doch nicht nach Nettigkeit auf. Der stellt die Besten auf. Wenn du Weltmeister werden willst, musst du die stärkste Mannschaft bringen. Und wenn Neuer fit ist und in Form, dann diskutierst du doch gar nicht. Dann spielt Neuer.

DFB: „Dieses ganze Theater hätte man sich sparen können“

SPORT1: Also hat Nagelsmann der Mannschaft damit eher geschadet?

Maier: So weit würde ich jetzt nicht gehen. Dafür sind genug erfahrene Spieler dabei. Und wenn der Ball rollt, interessiert am Ende sowieso nur noch, wer liefert. Fußballer sind da oft einfacher gestrickt, als viele denken. Trotzdem: Dieses ganze Theater hätte man sich sparen können. Manchmal ist eine harte, ehrliche Ansage besser als tagelang dieses politische Drumherum.

SPORT1: Mit Jonas Urbig kommt noch ein „Trainingstorhüter“ mit zur WM.

Maier: Was ist denn bitte ein „Trainingstorhüter“? Sind die jetzt alle verrückt geworden? Dann soll der Nagelsmann doch gleich sagen, dass er vier Torhüter mitnimmt. Fehlt nur noch, dass er den Freiburger Noah Atubolu als Elfmeter-Torhüter einpackt (lacht).

SPORT1: Wie schaut es denn nach diesem ganzen Theater jetzt mit dem Vertrauen innerhalb der Mannschaft aus?

Maier: Ja, natürlich bleibt da etwas hängen. Die Spieler sind doch nicht blöd. Die merken doch genau, wenn wochenlang herumgeeiert wird und keiner so richtig Klartext redet. Da fragt sich irgendwann schon der eine oder andere: „Was gilt denn jetzt eigentlich?“

Und gerade bei einer Nationalmannschaft ist Vertrauen brutal wichtig. Da hast du nur ein paar Wochen zusammen. Da brauchst du Klarheit und eine klare Linie. Wenn ständig alles offen klingt, obwohl intern wahrscheinlich längst entschieden wurde, dann sorgt das eher für Unruhe.

Manuel Neuer? „Der hat eine Aura“

SPORT1: Baumann war also nur eine Übergangslösung?

Maier: Das klingt gemein, aber wahrscheinlich ja. Wobei ich sagen muss: Der Oliver macht das hervorragend. Ein sauberer Charakter, ruhig, zuverlässig, kein Lautsprecher. Solche Leute brauchst du auch. Aber ihm fehlt halt dieses Verrückte, dieses Einschüchternde, das Neuer hatte und immer noch hat. Bei Manuel spürt doch jeder Gegner sofort: „Heute wird’s unangenehm.“ Der hat eine Aura.

SPORT1: Es gibt Stimmen, die sagen: Mit einer Neuer-Rückkehr würde man die Entwicklung der jüngeren Torhüter blockieren.

Maier: Das ist wieder dieses moderne Gerede. Eine Nationalmannschaft ist kein Ausbildungszentrum. Da geht’s ums Gewinnen. Wenn du eine WM spielst, fragst du doch nicht: „Wen fördern wir heute?“ Du fragst: „Wer hält uns den Laden sauber?“ Und da ist Neuer eben immer noch eine Macht. Außerdem sollen die jungen Torhüter halt Druck machen. Wenn du gut genug bist, spielst du. So einfach ist das.

SPORT1: Aber birgt das nicht auch Risiko? Neuer ist verletzungsanfällig geworden.

Maier: Natürlich ist das ein Risiko. Aber alle tun ja so, als wäre der Mann 57. Der hat Erfahrung ohne Ende. Und ich sag Ihnen eins: Ein Manuel Neuer mit 80 Prozent Präsenz ist für viele Gegner immer noch schlimmer als andere mit 100 Prozent. Der strahlt halt etwas aus. Da kommt nicht einfach irgendein Torwart aus der Kabine. Da kommt Manuel Neuer. Das macht was mit Gegnern – und übrigens auch mit der eigenen Mannschaft.

„Das tut weh“

SPORT1: Lothar Matthäus hat die Verschiebung der Kader-Bekanntgabe kritisiert. Er sagte: „Wir haben zwei Tage später ein Pokalendspiel, da spielt Stuttgart gegen Bayern. Wie kann ich diese Kadernominierung zwei Tage davor machen, wo ich ganz sicher zwei, drei Spielern wehtun muss, die sich Hoffnungen auf diese Weltmeisterschaft machen?“ Wie sehen Sie das?

Maier: Also ich verstehe schon, was der Lothar meint. Natürlich ist das kein Kindergeburtstag für die Spieler. Da sitzt vielleicht einer daheim, wartet wie ein Schulbub aufs Christkind und hofft auf die WM – und dann heißt’s plötzlich: „Danke, reicht nicht.“ Das tut weh. Gar keine Frage.

SPORT1: Gleichzeitig sagen viele: Der Bundestrainer muss irgendwann einfach entscheiden, egal, wie ungemütlich das Timing ist.

Maier: Ja, das stimmt schon. Aber auf der anderen Seite wird auch aus allem sofort ein Riesendrama gemacht. Wenn einer zwei Tage vor einem Pokalfinale komplett auseinanderfällt, weil er nicht nominiert wurde, dann frage ich mich schon, wie der bei einer WM mit Druck umgehen will. Da geht’s schließlich um Spitzenfußball. Trotzdem hätte man’s sicher geschickter legen können. Warum man das unbedingt direkt vorm Finale macht, verstehe ich auch nicht ganz. Da laufen dann womöglich zwei, drei Spieler mit einer Krawatte im Kopf herum, statt sich aufs Spiel zu konzentrieren. Optimal ist das nicht.

Aber eins sage ich auch: Der Bundestrainer kann nicht ständig Rücksicht auf Gefühle nehmen. Der muss Entscheidungen treffen. Und egal, wann du den Kader bekannt gibst – irgendeiner ist danach beleidigt. Das gehört halt dazu.

SPORT1: Auch Philipp Lahm äußerte sich in dieser Sache. Er sagte, es sei gut denkbar, „dass da Enttäuschte sind, und die sollen dann ein paar Tage später Pokalfinale spielen“. Stimmen Sie ihm zu?

Maier: Ja, natürlich macht das was mit den Spielern. Der Philipp hat da schon recht. Du kannst doch keinem erzählen, dass einer völlig locker bleibt, wenn der Traum von der WM plötzlich platzt. Das nimmt jeder mit. Aber trotzdem musst du als Profi damit umgehen können. Gerade bei großen Vereinen hast du ständig Druck, Konkurrenz und Enttäuschungen. Das gehört zum Geschäft dazu.

„Das weißt du wenigstens, was du bekommst“

SPORT1: Was würden Sie Julian Nagelsmann raten?

Maier: Ganz einfach: ehrlich sein. Nicht dieses politische Drumherum mit zehn Pressekonferenzen und irgendwelchen weichgespülten Formulierungen. Wenn Neuer zurückkommen will und sportlich top ist, dann musst du ihn nehmen. Aber dann musst du auch dem Baumann klipp und klar sagen: „Pass auf, Oliver – du hast uns geholfen, aber Manuel ist Manuel.“ Das tut weh, klar. Aber wenigstens weiß er dann, woran er ist. Dieses moderne Manager-Gerede kann doch keiner mehr hören.

SPORT1: Letzte Frage: Trauen Sie Neuer wirklich noch eine WM zu?

Maier: Aber hallo! Wenn der gesund bleibt, kann der bei einer WM noch Spiele entscheiden. Vielleicht nicht mehr zehn Jahre lang. Aber für ein Turnier? Jederzeit. Und ich sag’s ganz ehrlich: Bevor ich bei einer WM irgendein Experiment veranstalte oder irgendeine Lösung für die Zukunft suche, nehme ich lieber einen Manuel Neuer mit riesiger Erfahrung. Da weißt du wenigstens, was du bekommst. Und wenn’s richtig brennt, vertraue ich lieber einem alten Löwen als irgendeinem jungen Kätzchen, das auf Instagram gut ausschaut.