Das desaströse Ausscheiden der deutschen Nationalelf bei der WM wirft viele Fragen auf – und eine Legende des deutschen Fußballs glaubt, dass es nicht ohne Folgen bleiben wird.
Nagelsmann? "Die Botschaft ist: Es ist alles nicht meine Schuld"
„Wir müssen alles überdenken“
Im großen Interview bei WM Aktuell auf SPORT1 kommt Thomas Helmer, früheres Abwehr-Ass bei Borussia Dortmund und dem FC Bayern Europameister von 1996 mit dem DFB-Team, zum Schluss, dass Julian Nagelsmanns Tage als Bundestrainer gezählt sein dürften. Der frühere Doppelpass-Moderator sieht darüber hinaus viel Grundsätzliches im Argen liegen.
SPORT1: Herr Helmer, mit etwas Abstand: Konnten Sie das Debakel schon verarbeiten?
Thomas Helmer: So richtig noch nicht. Wir alle haben gesagt: Wir kommen ganz klar weiter. Das hat man im Interview mit Julian Nagelsmann auch nochmal gehört. Die haben schon an das mögliche Achtelfinale gegen Frankreich gedacht. Gar nicht an das Spiel gegen Paraguay, gar nicht daran, dass wieder eine körperlich sehr robuste Mannschaft auf uns zukommt. Sehr an die spielerischen Franzosen. Bei der WM 1994 haben wir vor unserem Viertelfinal-Aus ähnlich gedacht. Wir haben schon ans Halbfinale gegen Italien gedacht und nicht an Bulgarien. Das hat sich damals gerächt – und so ähnlich lief es nun.
SPORT1: Auch gegen Ecuador hatte das DFB-Team zuvor einen körperlich starken Gegner. Wieso hat man aus diesem Spiel nichts gelernt?
Helmer: Es wurde immer gesagt: Es kommt jetzt anders als gegen Curacao, aber ich habe keine Reaktion der Mannschaft gesehen, in allen drei Spielen nicht. Gestern hat sich Jamal Musiala einmal gewehrt. Ausgerechnet Musiala, unser Zehner. Es regt sich auch keiner auf, es macht keiner mal ein böses Foul oder ein böses Tackling. Wir sind zu lieb. Wir haben es hingenommen. Wir sind ausgeschieden, das ist zwar doof, aber doch okay.
WM-Aus: Helmer auf Ursachenforschung
SPORT1: Wer hat am Ende versagt?
Helmer: Das kann man nicht an einer Person festmachen. Wir haben gesagt, wir können nur über das Kollektiv kommen. Wir haben gesagt, dass andere Mannschaften – wie die Franzosen, die Spanier oder die Argentinier – spielerisch sicherlich viel besser sind. Es war immer unsere Stärke, als Mannschaft zu überzeugen. Da können wir auch jedem wehtun und jeden ärgern. Aber da sind wir nicht einmal nah herangekommen. Man denke zurück an dieses ganze Harmonie-Gerede, das wir immer gehört haben. Ja, die Mannschaft versteht sich gut, wir haben so eine tolle Stimmung gehabt – und danach wurde vielleicht der ein oder andere Spieler ausgesucht. Aber nun ja, dann müsst ihr auch mal auf dem Platz zeigen, dass ihr zusammenhaltet. Dass ihr dann auch mal zeigt, dass Paraguay – ohne despektierlich zu sein – eine biedere Mannschaft ist. Wenn die Jungs nicht in der Lage sind, die zu schlagen, dann müssen sie sich an die eigene Nase fassen. Auch der Trainerstab.
Das deutsche WM-Debakel „auch eine Qualitätsfrage“
SPORT1: Paraguay ist der schlechteste Dritte, der sich für das Sechzehntelfinale qualifiziert hat. Ein Zeichen, dass beim DFB-Team schlicht Qualität fehlt.
Helmer: Wir waren in jedem Fall viel zu harmlos, viel zu bieder. Sicherlich hat Paraguays Torwart super gehalten, aber so richtig Unhaltbare hat er auch nicht aufs Tor bekommen. Ich hätte den gerne mehr unter Beschuss gehabt, aber alles das haben wir vermissen lassen. Auf Deniz Undav haben wir viel gehofft, er hat in dem Spiel aber überhaupt keine Rolle gespielt. Dann wird Nick Woltemade mehr oder weniger zur tragischen Figur. Es kommt keiner annähernd an seine Leistung ran. Auch die taktischen Umstellungen sind verpufft.
SPORT1: Aber wie kann das sein? Das sind Top-Spieler, die bei Real Madrid, Liverpool, Arsenal oder Bayern spielen.
Helmer: Ich kann mir das auch nicht erklären. Wir sind das ganze Turnier sehr lethargisch angegangen. Wir haben immer ein Gegentor bekommen. Auch gegen Paraguay war das Gegentor symptomatisch für das ganze Turnier. Wir gehen nicht richtig raus, gehen nicht richtig in den Zweikampf. Paraguay ist energischer. Da kommt eine Flanke und der Stürmer steht völlig frei und kann sich die Ecke aussuchen. Das ist bei einer Weltmeisterschaft, bei einem K.-o.-Spiel, dann einfach auch eine Qualitätsfrage.
SPORT1: Wo steht der deutsche Fußball aktuell? Gehört er noch zur Weltspitze?
Helmer: Nein, natürlich nicht. Das wäre vermessen, aus der Erinnerung an vergangene Zeiten diesen Anspruch immer noch zu erheben. Wir haben nun bei drei Weltmeisterschaften in Folge nicht gut gespielt. Bei der Heim-EM haben wir uns auch ein bisschen blenden lassen. Da war die Hand des Spaniers schuld. Jetzt ist der VAR schuld. Ich hoffe nicht, dass wir das jetzt nur darauf schieben.
Ich glaube, wir müssen grundlegend alles überdenken, im Verband, in der Nachwuchsförderung, in der Trainerausbildung. Ich finde, dass individuell vieles nicht mehr trainiert wird. Die sogenannten Basics. Wir versuchen alles, den Fußball fast wissenschaftlich zu erklären. Auch den Jungs. Es geht nur darum, dass sie schnell sind, dass sie die richtige Passkombination finden. So werden sie zur Unselbstständigkeit erzogen und treffen auch keine eigenen Entscheidungen mehr auf dem Feld. Das ist ganz entscheidend bei solchen Situationen, wo es mal brenzlig ist. Wenn du dann nicht in der Lage bist umzuschalten und selbst das auf dem Platz zu entscheiden, dann kann auch der Trainer draußen nicht mehr viel machen. Dann wirst du nie wieder da hinkommen, wo wir mal waren.
Helmer kritisiert Nagelsmann scharf
SPORT1: Sollte Julian Nagelsmann weitermachen?
Helmer: Einerseits ist es so: Er hat dafür gesorgt, dass unsere Nationalmannschaft bis zur EM wieder sehr positiv wahrgenommen wurde, dass die Fans wieder hinter der Mannschaft standen, dass alle ihr die Daumen gedrückt haben. Dann aber hat er es wieder eingerissen. Gerade jetzt vor dieser Weltmeisterschaft. Die Kommunikation, die er da betrieben hat, die Respektlosigkeit gegenüber den eigenen Spielern, die es da teilweise gab. Undav und Baumann nenne ich da mal. Jetzt wieder: Er wirkt in den Interviews ein bisschen bockig, angegriffen und lässt sich auch sofort immer zu irgendwelchen Gegenattacken hinreißen. Also, es wird sehr, sehr schwierig für ihn. Ich glaube, dass die Stimmung ihm gegenüber nicht mehr besonders positiv ist in Deutschland.
SPORT1: Wirkt er auf Sie zu unsouverän?
Helmer: Ich glaube, dass ihm – und das wird er nicht gerne hören – die Erfahrung in so einer Situation fehlt. Rudi Völler versucht immer wieder, die Löcher zu stopfen und ihm zu helfen, aber irgendwie fruchtet das nicht so richtig. Julian hat da seinen eigenen Kopf. Ich will damit nicht das, was er als Trainer kann, aburteilen. Er ist fachlich ein sehr guter Trainer – aber es gibt da ein Problem in der Außendarstellung, in dem, was von einem Bundestrainer verlangt wird, auf den nun mal in ganz Deutschland geschaut wird. Er ist in der deutschen Öffentlichkeit mit der wichtigste Mann nach dem Bundeskanzler – oder sogar noch vor ihm, während so eines Turniers zumindest. Da gibt es gewisse Spielregeln und Dinge, die man beachten sollte. Die hat er einfach nicht eingehalten. Wie er seine Worte, die er Monate zuvor gesagt hat – von wegen: Es geht nach Leistung – selbst karikiert hat, ist ganz, ganz schwierig. Das macht ihn einfach unglaubwürdig, auch innerhalb der Mannschaft.
SPORT1: Ist er für dich verbrannt als Trainer?
Helmer: Das liegt viel an ihm selbst, wie er das alles jetzt mal aufnimmt. Wenn er wieder bockig ist und sagt: Nee, ich kann das und ich mache das auf meine Art und Weise, könnte es extrem schwierig werden. Er sollte sich mehr helfen lassen. Ich habe das Gefühl, dass er das nicht macht. Er hat so viele Leute um sich, vertrauenswürdige Leute, auf die er vielleicht einfach mehr hören sollte. Und auch, wie er sich jetzt nach dem Aus verteidigt, sein Verweis zum Beispiel, dass wir seit Jahren keinen richtigen rechten Verteidiger mehr haben. Die Botschaft ist: Es ist alles nicht meine Schuld. Es kommt nicht gut an, wenn du immer alles von dir weist und auf andere Baustellen verweist. In dieser Hinsicht hat er noch viel zu lernen.
Helmer sieht Klopp als Nagelsmann-Nachfolger
SPORT1: Sollte es für Nagelsmann tatsächlich vorbei sein: Wäre Jürgen Klopp der richtige Nachfolger?
Helmer: Es gibt ja nur einen Kandidaten und der scheint auch nicht abgeneigt zu sein. Also ja.
SPORT1: Was würde er besser machen als Nagelsmann, Ihrer Einschätzung nach?
Helmer: Jürgen ist ja schlau genug. Er hat einen guten Überblick und weiß natürlich auch, dass es keine einfache Aufgabe ist und dass der ganze Fokus erstmal auf ihm gerichtet sein wird. Ich glaube, dass er um die Aufgaben weiß, die von einem Bundestrainer erwartet werden. Zum Beispiel, dass er etwas mehr Präsenz in den Stadien zeigen, seine Spieler angucken sollte – was ich bei Julian auch öfter vermisst habe. Jürgen kann sehr motivierend sein, ist ein Menschenfänger. Ich glaube, bei Themen wie dem Umgang mit den Spielern und den Medien fängt Jürgen eine ganze Menge auf. Das kann er einfach.
SPORT1: Nach der ganzen brisanten „Noch“- Debatte: Würde der DFB überhaupt den Schritt auf Klopp zugehen?
Helmer: Das glaube ich schon. Wenn Jürgen Klopp signalisiert, dass er es gerne machen würde, und Julian Nagelsmann nicht mehr weitermacht, dann geht das sofort.
SPORT1: Ihre Prognose? Wer steht im September an der Seitenlinie?
Helmer: Mein Gefühl sagt mir: Das bestimmt allein Jürgen Klopp. Wenn er signalisiert, dass er das machen würde, dann wird er im ersten Spiel gegen die Niederlande (24. September, 20.45 Uhr, live im SPORT1-Ticker) als Bundestrainer an der Seitenlinie stehen. Aber es ist natürlich auch eine große Erwartungslast, die er sich damit aufbürden würde. Ob er es tut, ist eine Frage, die nur er beantworten kann.