Einen Tag nach dem herben EM-Dämpfer war Bundestrainer Alfred Gislason vor allem um eines bemüht: seine geknickten Spieler aus der Schussbahn zu nehmen und sich in den rauen Wind zu stellen. Der Tenor: Ich bin der Trainer, ich treffe die Entscheidungen, die Kritik sollte mir gelten – und nicht den deutschen Handball-Stars.
Handball-EM: Der Gegenwind für Gislason nimmt kräftig zu
Der Rückhalt bröckelt gewaltig
Doch ebenjene Nationalspieler hatten – mal mehr, mal weniger deutlich – in ihren Aussagen nach dem 27:30 gegen Underdog Serbien anklingen lassen, dass sie die Entscheidungen des Trainerroutiniers nicht immer nachvollziehen konnten. Ließ sich seine völlig skurrile Auszeit, als ein Wurf von Juri Knorr gerade dabei war, die Linie zu überqueren, in gewisser Weise noch mit Pech abtun, gilt dies für andere Maßnahmen nicht.
„Das war meine Entscheidung und die war halt entweder richtig oder falsch“, reagierte Gislason lapidar, als er darauf angesprochen wurde, warum Knorr nach der Halbzeitpause kaum noch eingesetzt wurde. Dieser hatte am späten Abend nach dem Spiel am klarsten offenbart, wie es um seine Gemütslage bestellt ist. „Natürlich brodelt es in einem auf der Bank, wenn man da draußen sitzt und nicht helfen kann.“
Hatte Knorr in der ersten Halbzeit noch einen beträchtlichen Anteil daran, dass Deutschland mit einer Vier-Tore-Führung in die Kabine ging, so startete Miro Schluroff an seiner Stelle in den zweiten Durchgang. Es sollte lange dauern, ehe Knorr – mit fünf Treffern am Ende drittbester DHB-Torschütze – wieder Spielminuten sah.
Gislason beschrieb die Entscheidung als „Abwehrsache“, dem deutschen Spiel fehlten in vielen Phasen von Halbzeit zwei sichtbar die offensive Struktur und kreative Lösungen.
Deutsche Ratlosigkeit bei der Handball-EM
Auf der Suche nach Erklärungsansätzen machte sich bei den Spielern eine bemerkenswerte Ratlosigkeit breit.
„Wir haben die Kontrolle im Spiel verloren, ich weiß nicht, wie das passieren konnte“, erklärte David Späth. Serbien habe das deutsche Team mit zunehmender Spieldauer „überrollt und wir konnten nicht dagegenhalten“. Torwartkollege Andreas Wolff sah eine Mannschaft, der die „Butter vom Brot genommen“ wurde. „Wir haben das Angriffskonzept komplett verloren.“
In einem Team, das zahlreiche talentierte Spieler beinhaltet, die noch nicht am Ende ihrer Entwicklung stehen, und das mit EM-Debütanten wie Schluroff und Defensivspezialist Tom Kiesler ergänzt wurde, muss sich von solchen Aussagen Gislason zwingend angesprochen fühlen.
Wenig überraschend blies diesem im Handball-Talk um Ex-Nationalspieler Stefan Kretzschmar, der gemeinsam mit Pascal Hens und Michael Kraus das Spiel besprach, ein besonderer Gegenwind entgegen. Wenige Minuten nach Ende der Partie stand dem Trio die Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben.
„Wir verlieren die zweite Halbzeit 17:10“, brach es aus Kretzschmar heraus, der neben „Katastrophe“ weitaus deftigere Begriffe für das gerade Gesehene fand. „Ich will überhaupt nicht sagen, Rückfall in alte Zeiten. Aber ich sehe mir das Spiel an und denke: ‚Was wollen wir jetzt? Wohin wollen wir jetzt?‘“
Deutschland vor EM-Aus: „Unnötig, dumm, kein Plan“
Hierfür liege es an Gislason, Antworten zu finden. Doch zu personell fragwürdigen Entscheidungen gesellten sich stattdessen weitere Szenen, die letztlich insbesondere auf den Trainer zurückfallen.
In der letzten Aktion des Spiels - Serbien führte mit zwei Toren - deckte die deutsche Mannschaft offensiv und kassierte einen weiteren Treffer. Die Konsequenz: Das Weiterkommen ist nur durch einen Drei-Tore-Sieg gegen Spanien garantiert, ansonsten hätte ein Erfolg mit zwei Toren Vorsprung gereicht. „Unnötig“ und „dumm“ waren die Worte, die Hens hierzu fand.
Und was ist mit Marko Grgic? Der junge Rückraumspieler mit dem gewaltigen Wurf spielt bei der SG Flensburg-Handewitt eine herausragende Bundesliga-Saison, eine klare Rolle im DHB-Team scheint es für ihn derzeit nicht zu geben. Nach rund 40 Minuten kam er ins Spiel, einige unglückliche Szenen später durfte er bereits wieder auf der Bank Platz nehmen.
„Ich kann das nicht nach drei Minuten korrigieren. Damit helfe ich dem Jungen nicht und habe keinen klaren Plan hinter der Nominierung“, polterte Kretzschmar. „Schau dir den Grgic im Verein an! Macht zwei Aktionen und sitzt wieder. So viel hin und her, keine richtige Struktur“, schloss sich Hens an.
Der Weltmeister von 2007 merkte zudem sarkastisch an, wie „wichtig“ es gewesen sei, vier Außen im Spieltagskader zu haben. Schließlich sei Youngster Mathis Häseler sowieso erneut nicht zum Einsatz gekommen – und diejenigen, die auf dem Feld standen, waren nicht ins Spiel integriert.
Kretzschmars Einordnung? „Auf den Außen hätten auch der Busfahrer und der Physiotherapeut stehen können.“
Rückendeckung für Gislason - noch
„Das ist natürlich ein Thema, was wir ansprechen werden“, wählte mit Lukas Mertens auch eines der „Opfer“ verhältnismäßig deutliche Worte. Der Linksaußen warf kein einziges Mal aufs Tor. Rune Dahmke, der auf seiner Position startete, warf einmal. „Das ist immer das Leid des Außen, auf die Bälle zu warten. Ich werde gleich sagen: ‚Ich hätte auch gerne nochmal ein paar Bälle.‘“
Der Deutsche Handballbund versucht zumindest für den Moment, Kritik an Gislason möglichst ruhig wegzumoderieren und den Fokus auf das „Endspiel“ gegen Spanien zu richten.
Teammanager Benjamin Chatton stellte klar, dass Knorr die Trainerentscheidungen zu akzeptieren habe und dieser das Gesagte „heute vielleicht anders formulieren würde“. Ähnliche Worte fand DHB-Präsident Andreas Michelmann, der es „vollkommen in Ordnung“ findet, dass mündige Spieler auch einmal ihre Meinung sagen.
Doch Michelmann, der bereits vor dem Turnier für Aufsehen gesorgt hatte, als er eine vorzeitige Trennung von Gislason (Vertrag bis 2027) nicht ausschloss, beschränkte sein „volles Vertrauen“ in den Trainer lediglich auf das „nächste Spiel“.
Sollte das aktuell wahrscheinlichere Szenario eintreten und das Turnier für die deutsche Mannschaft erstmals im aktuellen EM-Modus schon nach der Vorrunde enden, könnte sich die Sache mit dem „Vertrauen“ schnell ändern.