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Handball-EM: Knorr? "Dass das nicht jedem guttut, ist klar"

Deutsche Legende mit Klartext zu Knorr

Auch dank der Gala von Juri Knorr steht Deutschland im EM-Halbfinale. Henning Fritz schwärmt bei SPORT1 vom Spielmacher und schildert, wie schwierig der Spagat im Umgang mit dem nachdenklichen Leistungsträger ist.
Juri Knorr wirft die deutsche Handball-Nationalmannschaft nahezu eigenhändig ins EM-Halbfinale. Ein Teamkollege und sein Trainer loben den DHB-Star.
Auch dank der Gala von Juri Knorr steht Deutschland im EM-Halbfinale. Henning Fritz schwärmt bei SPORT1 vom Spielmacher und schildert, wie schwierig der Spagat im Umgang mit dem nachdenklichen Leistungsträger ist.

Zehn Würfe, zehn Tore – Juri Knorr ist einer der Hauptgründe dafür, dass Deutschland im Halbfinale der Handball-EM steht. Erst sein elfter Wurf landete gegen Frankreich nicht im Netz. Als „Durchbruch“ bezeichnet Weltmeister-Torwart Henning Fritz im exklusiven SPORT1-Interview die Leistung des Spielmachers, der nach seinen jüngsten Auftritten hart mit sich ins Gericht ging.

Fritz erklärt, wie viel er der deutschen Mannschaft zutraut, die bisher noch kein perfektes Spiel bei der EM erwischt hat. Zudem stärkt er Trainer Alfred Gislason, über dessen Zukunft nach der überraschenden Vorrundenniederlage gegen Serbien bereits diskutiert wurde. Der 51 Jahre alte Ex-Torhüter, der zudem 2004 Europameister sowie als Welthandballer ausgezeichnet wurde, hofft auf ein deutsches Final-Rematch gegen Dänemark – und sieht Deutschland ganz und gar nicht chancenlos.

Deutschland-Legende mit eindeutigem Urteil zu Knorr

SPORT1: Henning Fritz, wie blicken Sie mit ein wenig Abstand auf den deutschen EM-Sieg gegen Frankreich?

Henning Fritz: Der Sieg geht absolut in Ordnung. Es lief so, wie ich es mir erhofft habe: Dass wir in der Breite des Kaders besser sind als die Franzosen, auf der Torwartposition besser sind. Es ist für keinen Gegner einfach, die deutsche Mannschaft in irgendeiner Form zu beurteilen. Mal funktioniert der eine Spieler besser, mal der andere. Das macht es auch für die eigene Mannschaft und den eigenen Trainer nicht einfach, in welcher Konstellation er die Mannschaft spielen lässt.

SPORT1: Gislason rotierte insbesondere im Angriff viel…

Fritz: Im Endeffekt ist es so, wie es Gislason im Interview gesagt hat: Als Trainer musst du die Entscheidung treffen. Und mal liegst du richtig, mal liegst du falsch. Wenn die guten Entscheidungen überwiegen, dann ist alles gut. Und am Ende ist es nun einmal ein Ergebnissport und da hat er viele gute und richtige Entscheidungen getroffen. Nehmen wir mal Juri Knorr, der bisher jetzt vielleicht nicht das Turnier spielt, wie er sich das vorstellt und wie wir die Erwartungshaltung an ihn haben.

SPORT1: Gegen Frankreich machte er sein bestes Turnierspiel.

Fritz: Auf einmal hat er so einen Durchbruch. Er stand in so einem wichtigen Spiel bei 10/10 Würfen. Das war ein wichtiger Fakt. Aber auch in der Schlussphase, in der ja jede kleine Entscheidung umso wichtiger ist, kommen Spieler wie Marko Grgic oder Franz Semper von der Bank und erzielen wichtige Tore. Das zeichnet eine Mannschaft aus, die bereits so weit gekommen ist und diesen Weg noch weiter gehen kann, dass du dich nicht auf ein, zwei Offensivkräfte verlassen musst.

SPORT1: Wie nehmen Sie Juri Knorr wahr? Man merkt, dass er sehr an sich zweifelte und viele Dinge mit sich selbst ausmacht. Ist jetzt der Knoten geplatzt?

Fritz: Auf der einen Seite schätze ich diese selbstkritische Art. Auf der anderen Seite weiß ich aber auch, dass man sich damit oftmals im Wege steht. Das ist der Prozess, den er jetzt durchleben darf. Er ist im besten Handballeralter. Dass er die Fähigkeiten hat, hat er oft genug bewiesen. Deswegen wird er medial auch als ein gewisser Hoffnungsträger positioniert. Dass das nicht jedem guttut, ist auch klar. Gerade für jemanden, der sehr viel hinterfragt, ist sowas nicht gut. Deswegen ist es gut, wenn man ihn so ein bisschen aus dem medialen Feuer nimmt. Das ist der Prozess, den er durchgehen muss und an dem er arbeiten muss. Sich kritisch zu hinterfragen, ist eine gute Eigenschaft, aber man darf sich emotional nicht zu sehr davon runterziehen lassen. Das sagt sich so leicht, aber das ist ein Prozess, den man annehmen muss, wenn man sich weiterentwickeln möchte. Ich wünsche mir für ihn einfach, dass er daran wächst, um die Qualität, die er in vielen Spielen gezeigt hat, einzubringen. Er ist ein Schlüsselfaktor für einfache Tore, die wir auch gegen Kroatien brauchen werden. Das wird nicht einfacher, die spielen ein sehr unangenehmes Abwehrsystem. Da sind seine Fähigkeiten gefragt.“

Torwart-Duo Wolff & Späth im EM-Fokus

SPORT1: Wie kann man auf ihn einwirken?

Fritz: Das kann man nur mannschaftsintern machen. Der Impuls muss auch von ihm ausgehen. Er muss für sich wissen, was er braucht und was nicht. Es ist enorm wichtig, im Mannschaftsumfeld zu verstehen, wie jeder Spieler tickt, wie er funktioniert, was er braucht, ob er mehr oder weniger Aufmerksamkeit benötigt und wer eine geeignete Bezugsperson ist. Das sind viele weiche Faktoren, die man oftmals in der Öffentlichkeit nicht sieht, aber die ihren Teil dazu beitragen, ob ein Spieler in diesem System funktioniert und ob dann auch eine Mannschaft erfolgreich ist.

SPORT1: Wie blicken Sie auf die Torwartrochade gegen Dänemark? Andreas Wolff konnte nun gegen Frankreich nicht an seine Gala gegen Norwegen anknüpfen.

Fritz: Man kann nicht erwarten, dass ein Andy Wolff in jedem Spiel 22 Paraden hat. Wichtig war, dass er in den wichtigen Phasen voll da war. Das gilt auch für David Späth. Das hat dafür gesorgt, dass die Mannschaft immer in Führung war, was für den Kopf wichtig ist.

SPORT1: Was, glauben Sie, ging Andreas Wolff durch den Kopf, als er nach seiner Pause dann gegen Frankreich nicht gut ins Spiel kam?

Fritz: Ich kann nur die Dinge beurteilen, die ich auch aus den Medien höre. Und Alfred Gislason meinte ja, dass ihm eigentlich schon vor dem Norwegen-Spiel geraten wurde, ihn draußen zu lassen. Dann stellt sich für mich die Frage, ob er angeschlagen war oder sich nicht gut gefühlt hat. Natürlich möchtest du immer spielen, aber wir reden immer von der Breite des Kaders. Wir reden davon, dass wir zwei gute Torhüter brauchen und David Späth, der von seiner Leistungsfähigkeit her nicht groß abfällt gegenüber Andreas Wolff, muss auch Spielanteile bekommen, um im Turnier drin zu sein. Das ist absolut nachvollziehbar.

SPORT1: Also birgt die Entscheidung Ihrer Meinung nach keine Gefahren?

Fritz: Ich weiß nicht, inwiefern es hier interne Gespräche zwischen dem Trainer und Andy Wolff gab und man sich abgestimmt hat. Was man klar sagen muss: Der Weg ist in der Mitte der Hauptrunde ja nicht zu Ende. Man muss auch taktische Entscheidungen treffen. Mit jedem weiteren gewonnenen Spiel gehen die Ziele weiter hoch. Und wenn man im Halbfinale ist, will man natürlich auch ins Finale oder die Europameisterschaft gewinnen. Also musst du taktieren und Spielanteile verteilen, um keine Ausfälle zu riskieren, die dann einen möglichen Finaleinzug oder sogar den Gewinn der Europameisterschaft verhindern.

Fritz: „Er ist Garant und die Grundlage für den Erfolg“

SPORT1: Wie war das in Ihrer aktiven Zeit?

Fritz: Das waren andere Zeiten, aber wir haben vielleicht den einen oder anderen Titel vor 20, 25 Jahren nicht gewinnen können, weil im Finale einige Stammkräfte ausgefallen sind. Und das Spiel ist heute nochmal deutlich dynamischer und kräfteraubender. Dass hier vom Trainer taktische Entscheidung getroffen werden, ist mehr als nachvollziehbar - vor allen Dingen, wenn man diese Möglichkeiten und diese Breite im Kader hat.

SPORT1: Die Hackordnung ist für Sie aber klar? Wolff wird auch gegen Kroatien beginnen?

Fritz: Die Konstellation ist doch perfekt. Wir haben den Erfahrenen und den Jungen, der weiß, dass ihm die Zukunft gehört. Andy ist von der gebrachten Leistung her natürlich die Nummer 1. Da wird es auch intern keine Diskussion geben. Es ist aber trotzdem so, dass der Trainer die Entscheidung treffen muss. Er ist jeden Tag mit allen zusammen und spürt, wie die Befindlichkeiten sind. Aber ich gehe klar davon aus, dass Andy Wolff gegen die Kroaten starten wird.

SPORT1: Was zeichnet ihn besonders aus?

Fritz: Er hat in den letzten Jahren sein Spiel optimiert, ist ruhiger geworden, gerade bei Würfen vom Kreis und von außen, wo er seine Größe und sein Stellungsspiel, diese besondere Technik mit hohem Bein und armübergreifend perfektioniert hat. Diese Ruhe und diese Nuancen, noch einen Tick länger zu warten, sind für jeden Spieler tödlich. Irgendwann muss er werfen und jeder, der mal in Natura vor Wolff gestanden hat, kann sich vorstellen, wie klein das Tor dann wird. Es ist wirklich sehr außergewöhnlich, wie sich Andy entwickelt hat. Er ist Garant und die Grundlage für den Erfolg.

Fritz glaubt an DHB-Chance gegen Dänemark

SPORT1: Nach der Niederlage gegen Serbien wurde über die Zukunft von Alfred Gislason diskutiert, diese Stimmen sind nun wieder verstummt. Wie nehmen Sie die Debatte wahr?

Fritz: Diese Diskussionen kommen ja viel von außen. Da spielen auch die Medien eine Rolle - heute den Trainern infrage stellen und ihn dann morgen hochjubeln. Uns war vorher bewusst, dass das ein maximal schwieriges Turnier wird, als wir die Vorrunden- und Hauptrundengruppe gesehen haben. Wir haben in diesem Turnier vielleicht noch nicht das perfekte Spiel der deutschen Mannschaft gesehen, aber ich kann es nur immer wieder wiederholen: Es ist ein Ergebnissport! Und Deutschland steht im Halbfinale, egal ob das spielerisch immer toll war oder nicht.

SPORT1: Sie sehen also noch Luft nach oben?

Fritz: Wir haben viele gute Torwartleistungen gesehen, wir haben oftmals eine sehr stabile und gute Abwehr gesehen, wir haben punktuell gut im Angriff gespielt. Deswegen stehen wir auch im Halbfinale. Daran sieht man aber auch, welches Potenzial in dieser Mannschaft steckt, dass es dennoch bisher nicht gelungen ist, ein perfektes Spiel abzuliefern, in dem jeder am Limit war und du keinen rausnehmen kannst. Und deshalb kommen die Hoffnungen, Europameister zu werden, nicht zu Unrecht. Auch gegen Dänemark haben wir kein perfektes Spiel gehabt, aber das basiert häufig auf Wirkung und Wechselwirkung. Vielleicht haben die Dänen durch ihren Druck auch dafür gesorgt, dass es den Deutschen nicht gelungen ist, in der zweiten Halbzeit an ihr Limit zu kommen. Für jeden Einzelnen geht es in einem Turnier darum, zu wachsen.

SPORT1: Denken Sie, dass das dänische Niederlagenkonto schon aufgebraucht ist und keine mehr dazukommt?

Fritz: Für mich spricht vieles für das deutsche Team. Sie (die Dänen, Anm.) haben den Druck und wollen unbedingt mit dieser erfolgreichen Generation des letzten Jahrzehnts auch den Europameistertitel holen. Auf diesen Titel warten sie seit 2012. Der Druck ist bei ihnen. Sie spielen zuhause, das kann beflügeln, aber auch Druck ausüben. Die deutsche Mannschaft ist in einer besonderen Konstellation, was den Altersdurchschnitt und die Unberechenbarkeit angeht – und das perfekte Spiel ist noch nicht gelungen. Warum soll ihnen das nicht gegen Dänemark gelingen? Aber erstmal muss Kroatien geschlagen werden. Das wird unabhängig von den erfolgreichen Vorbereitungsspielen kompliziert genug. Sie spielen die offensive Abwehr nahezu in Perfektion. Da müssen erstmal Lösungen gefunden werden, bevor wir über ein mögliches Finale reden.

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