Schon wieder Deutschland. Die französische Sporttageszeitung L’Équipe sprach unmittelbar nach dem Abpfiff von einem „Déjà-vu“. Wieder greifen die Bleus nicht in den Kampf um die Medaillen ein. Wieder werden sie von einer furios aufspielenden DHB-Auswahl aus dem Turnier gedrängt. Und wieder sitzt die Enttäuschung tief – in einer Nation, die Erfolge gewohnt ist.
Handball-EM: "Wie schon 2024 fließen auch diesmal Tränen!" Ein französisches Déjà-vu
Deutschland reißt eine Großmacht ein
„Mehr als ein Jahr, nachdem Deutschland Frankreich bei den Olympischen Spielen in Paris den Einzug ins Halbfinale verwehrt hatte, wiederholte sich dieses Szenario nun bei der Europameisterschaft“, schrieb L’Équipe. Der Titelverteidiger sei in einem Spiel bezwungen worden, „das alles hatte, was ein Viertelfinale ausmacht – nur dass es diesmal nicht erst in den letzten Sekunden entschieden wurde“.
Der Schmerz sitzt auch deshalb so tief, weil die Erinnerung noch frisch ist. Bei den Olympischen Spielen 2024 scheiterte Frankreich vor heimischem Publikum dramatisch im Viertelfinale von Lille, Deutschland gewann 35:34 nach Verlängerung. Superstar Dika Mem kündigte für die EM offen Revanche an. Doch statt Genugtuung folgte die nächste Ernüchterung: Im entscheidenden Hauptrundenspiel setzte sich die DHB-Auswahl erneut durch, diesmal mit einem verdienten 38:34 (19:15).
Frankreich bedauert Aus bei der Handball-EM
Wieder „fließen auch diesmal Tränen auf französischer Seite: Deutschland hat die Bleus erneut bezwungen, die damit noch vor dem Halbfinale aus der Handball-EM ausscheiden“, schrieb die größte Pariser Tageszeitung Le Parisien. „Ein klägliches Ergebnis für eine Mannschaft, die ihre Fans an Ruhm und Ehre gewöhnt hat.“ Wohl wahr.
Das Aus kam einem Tiefschlag für den französischen Handball gleich. Zum ersten Mal seit 2008 bleibt die Nationalmannschaft der Männer titellos – und übrigens auch die der Frauen. Mit dem Ausscheiden bei der Europameisterschaft geht nun die letzte verbliebene Trophäe abhanden, nachdem zuvor bereits das frühe Olympia-Aus und Platz drei bei der Weltmeisterschaft 2025 hingenommen werden mussten.
Le Parisien sprach von einem „ungewöhnlichen“ Befund – gemessen an einer Mannschaft, die seit drei Jahrzehnten Titel sammelt wie kaum eine andere. „Aber es ist die harte Realität: Frankreich hat seinen Europameistertitel verloren“, stellte die Tageszeitung klar: „Dieses Scheitern bestätigt, dass Frankreich nach Jahren der Dominanz nicht mehr zu den Handball-Großmächten zählt.“
Die Gründe für das Scheitern lieferten die Medien gleich mit: schwächelnde Führungsspieler, ein zunehmend kritisch beäugter Trainer, fehlender Kampfgeist. Nationalcoach Guillaume Gille zeigte sich nach dem Aus entsprechend getroffen. „Es ist hart. Diese Niederlage schmerzt“, sagte der 49-Jährige. Seine Mannschaft habe zu lange gebraucht, um ins Spiel zu finden, zu lange für defensive Anpassungen. „In der ersten Halbzeit wurden wir für unsere Zurückhaltung bestraft. Am Ende fehlten uns außerdem ein paar Paraden.“
Handball-EM: Großes Lob an Deutschland
Auf die Frage nach seiner Zukunft reagierte Gille ausweichend. „Nicht der richtige Ort, um dieses Thema anzusprechen“, zitierte ihn Le Figaro. Zugleich betonte er intern offenbar etwas anderes: dass es weniger die Schwäche seiner Mannschaft gewesen sei als vielmehr die außergewöhnliche Stärke des Gegners, die der DHB-Auswahl. Das verriet der deutsche Sportvorstand Ingo Meckes am Donnerstag ganz offen.
„Ich habe heute Morgen mit Guillaume Gille gesprochen: Es ist nicht etwa so, dass er gesagt hat, dass Frankreich schlecht gespielt hat. Sondern er hat gemeint: ‚Was ihr im Rückraum aufgefahren habt an unterschiedlichen Spielertypen – wir konnten uns gar nicht darauf einstellen. Da kam eine Wucht und wir konnten das nicht kontrollieren. Das war für uns nicht möglich‘“, meinte Meckes. Ein größeres Kompliment könne es von einem Trainer kaum geben.
Für Gille, Mem und die übrigen Franzosen dürfte das dennoch nur ein schwacher Trost sein. Viertelfinal-Aus bei Olympia 2024. Halbfinal-Aus bei der Weltmeisterschaft 2025. Und nun das Aus bei der Europameisterschaft 2026 bereits in der Hauptrunde. Nach den goldenen Jahrzehnten des französischen Handballs sind die Ansprüche andere. Deutlich andere.