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Ein Sündenfall, den Real nicht mehr loswird

Wie toxisch ist Real Madrid?

Der nach eigenem Selbstverständnis beste Klub der Welt gibt dieser Tage ein unrühmliches Bild ab. Die Entlassung von Xabi Alonso ist nur die Spitze des Eisbergs.
Nur acht Monate hielt Xabi Alonso bei Real Madrid durch. Er kam als heißeste Trainer-Aktie Europas, doch der Kulturschock in Madrid im Vergleich zu seinem Vorgänger war offenbar zu groß.
Der nach eigenem Selbstverständnis beste Klub der Welt gibt dieser Tage ein unrühmliches Bild ab. Die Entlassung von Xabi Alonso ist nur die Spitze des Eisbergs.

Dieser Schuss ging mächtig nach hinten los! Aufbruchstimmung war bei Real Madrid angesagt nach der Entlassung von Trainer Xabi Alonso, Katerstimmung herrscht jedoch nach dem ersten Spiel unter Nachfolger Álvaro Arbeloa: Pokal-Aus im Achtelfinale nach einer desaströsen 2:3-Pleite am Mittwoch bei Zweitligist Albacete. Die Königlichen geben dieser Tage ein unrühmliches Bild ab. Mal wieder.

Am 1. Juni 2024 war die Welt von Real Madrid noch in bester Ordnung. Seinerzeit feierten Los Blancos im Wembley-Stadion mit einem 2:0-Erfolg gegen Borussia Dortmund ihren 15. Champions-League-Triumph, doch seitdem ist – gelinde gesagt – der Wurm drin. Der nach eigenem Selbstverständnis beste Klub der Welt versinkt zunehmend im Chaos und macht kaum mehr sportlich von sich reden.

Sei es der Boykott der Ballon-d‘Or-Verleihung in Paris im Herbst 2024, da Vinicius Júnior nur auf dem zweiten Platz landete, ständige Scharmützel mit Verband und Schiedsrichtern, da man sich benachteiligt fühlt, garniert mit Brandbriefen und Boykottandrohungen, oder nun das unwürdige Schauspiel bei der Entlassung von Alonso – die Außendarstellung der Königlichen gleicht einem toxischen Gebilde, Stars mit großem Ego und persönliche Eitelkeiten stehen zu häufig vor gemeinsamen Interessen.

Real Madrid: Unwürdiges Schauspiel um Alonso

Nach einer titellosen Saison 2024/25 sollte unter Alonso als Nachfolger des langjährigen Erfolgstrainers Carlo Ancelotti eine neue Zeitrechnung anbrechen, doch nach nur 226 Tagen war die Amtszeit des Basken schon wieder beendet – fast schon eine Befreiung nach einer „qualvollen Zeit für fast alle Beteiligten“, wie die spanische Zeitung As schrieb, schließlich schien eine Entlassung schon seit Wochen nur eine Frage der Zeit zu sein.

Offiziell ist von einer einvernehmlichen Entscheidung die Rede, tatsächlich aber – so berichtet unter anderem die Marca – sei der Impuls vom Verein ausgegangen. Wirklich überraschend kam der Schritt bei genauerem Hinschauen keinesfalls. Unruhe und Spannungen hatten sich seit Längerem aufgebaut, weshalb Präsident Florentino Pérez letztendlich seinen Daumen gesenkt hat.

Für den mächtigen Klubpatron, im Amt zwischen 2000 und 2006 sowie wieder seit 2009, zählen vor allem Erfolge und seine Superstars. Trainer sind jederzeit austauschbar, wie auch die italienische Trainerlegende Arrigo Sacchi einst in drastischen Worten konstatierte, nachdem er im Dezember 2005 seinen Vertrag als Sportdirektor von Real Madrid aufgelöst hatte: „Wenn in Kolumbien ein Flugzeug abstürzt, ist für Florentino Pérez der Trainer von Real Madrid schuld.“

Die Kritik an Alonso lässt sich vor allem an zwei Punkten festmachen: Weder gelang es ihm, der Mannschaft eine erkennbare spielerische Identität zu verleihen, noch entwickelte er die nötige Autorität in der Kabine – vor allem verlor er den Machtkampf mit dem brasilianischen Superstar Vini Júnior, der seinen Trainer Ende Oktober beim 2:1-Sieg im Liga-Clásico öffentlich demontierte, als er bei seiner Auswechslung wutentbrannt vom Platz stapfte und sich wüst beschwerte.

Canizares: „Man hat sich Vinicius ausgeliefert“

Vom Klub gab es keine Strafe, ein Unding für den früheren spanischen Nationaltorhüter Santiago Canizares, der seine Karriere einst bei Real Madrid gestartet hatte. „Man hat sich Vinicius ausgeliefert an dem Tag 2024, als Perez entschied, keine Delegation zur Ballon-d’Or-Gala nach Paris zu schicken, weil Vinicius nicht gewonnen hatte. Dass Mannschaft und Trainer ausgezeichnet wurden, war Perez egal“, sagte der 56-Jährige im kicker.

„Doch die Außenwirkung war fatal, marketingtechnisch, organisatorisch war dies ein Riesenfehler“, fügte der langjährige Keeper vom FC Valencia hinzu. „Man stellte die Interessen von Vinicius über die des Vereins, das war eine ganz, ganz schlechte Entscheidung. Seitdem ist im Verein der Zusammenhalt nicht wie früher, es gibt mehr Egos, mehr Hahnenkämpfe, mehr Uneinigkeit. Ohne sich in dem Moment dessen bewusst zu werden, gingen durch diese verhängnisvolle Entscheidung wesentliche Lassos verloren wie Disziplin und Zusammenhalt.“

Mit der 2:3-Pleite im Finale der Supercopa gegen den FC Barcelona und dem Pokal-Aus gegen Albacete verspielte Real innerhalb von drei Tagen zwei Titelchancen. Angesichts der derzeitigen Verfassung droht eine weitere titellose Saison – für Canizares wäre es keine Überraschung: „Gewinnen wollen alle, Real Madrid hat die Verpflichtung dazu. Weil es der größte Klub der Welt ist. Um zu gewinnen, muss man aber eine sehr gute Arbeit machen, alle: Spieler, Trainer, medizinische Abteilung, Fitness, und da gab es Schwächen, auch in der Klubspitze mit Blick auf die Zusammenstellung des Kaders.“

„Unglücklicher“ Start für Alonso

Alonso habe „den Klub um einen Organisator für das Mittelfeld gebeten, einen Regisseur, den bekam er nicht“, präzisierte Canizares die Versäumnisse der Königlichen. „Schlimmer noch, er wurde vom Klub gar nicht erst gesucht. Das Ergebnis sah man oft auf dem Platz. Das ist schon lange Zeit ein Problem. Ja, Toni Kroos und Luka Modric sind weg, es gab keinen Generationswechsel auf dieser Schlüsselposition, nicht mal den Versuch eines solchen.“

Auch der ehemalige Real-Profi Álvaro Benito sieht ein Qualitätsproblem, bezieht es aber nicht nur auf das Mittelfeld. „Es ist wahrscheinlich das schlechteste Real Madrid seit vielen Jahren“, wird der heute 49-Jährige in spanischen Medien zitiert. In dem Zusammenhang sei es beunruhigend, wenn der Trainer sage, die Spieler hätten alles gegeben, so Benito.

Laut Canizares tat die strapaziöse Klub-WM in den USA im vergangenen Sommer ihr Übriges: „Physisch ist die Mannschaft nicht auf der Höhe, es fehlte im Sommer die Vorbereitung. Es gab interne Schuldzuweisungen, jeder zeigte auf den anderen. Wichtige Profis übernahmen nicht die Verantwortung, machten es sich einfach mit dem Verweis auf den Trainer oder die Gegebenheiten. Es war kein gutes Ambiente.“

Obwohl Real Spiel eins nach Alonso gründlich in den Sand gesetzt hat, rechnet der frühere Torhüter mit einer Leistungssteigerung unter Arbeloa: „Kurzfristig wird es wohl besser werden. Die Mannschaft dürfte nun bereitwillig einen Gang höherschalten, sich konzentrieren, keine Ausreden suchen. Nur: Die grundlegenden Probleme sind nicht gelöst, Arbeloa muss auf mittlere Frist zeigen, dass er die besseren Rezepte hat für dieses Team. Sollte da nicht genügend kommen, kann es schnell umschlagen.“

Wichtig, so Canizares, sei „das Vertrauen des Präsidenten. Das hat etwa ein Raúl nicht. Pérez hingegen mag Arbeloa, sie sind Freunde, die Entscheidung verwundert nicht. Er muss zeigen, dass er Disziplin und Ordnung herstellen kann, im besten Fall mit einem Neuzugang für die Organisation im Mittelfeld. Das geht aber nicht von einem Tag auf den anderen, weil eben die Herausforderung so groß ist. Dennoch sollte es ganz schnell gehen, das Problem dabei: Real Madrid hat nie Zeit.“