„Danke für die Erinnerungen, Raheem Sterling“, schrieb ein Fan des FC Chelsea süffisant bei X und veröffentlichte dazu ein Video des Flügelspielers, wie dieser einen Freistoß beinahe in die Londoner Innenstadt schoss.
Premier League: Er galt als Wunderkind - jetzt ist er vereinslos
Einst Wunderkind, jetzt vereinslos
Viel mehr bleibt am Ende der Zeit von Sterling an der Stamford Bridge nicht im Gedächtnis. Einst als Wunderkind gefeiert, wechselte der Engländer 2022 für rund 56 Millionen Euro als erster namhafter Transfer des Klubbesitzers Todd Boehly zu Chelsea – jetzt ist er mit nur 31 Jahren vereinslos.
Es war der Abschied eines Stars, der am Mittwoch einvernehmlich und ohne viel Trubel verkündet wurde. Dabei galt der Vertrag von Sterling eigentlich noch bis 2027, mit einem kolportierten Wochengehalt von 375.000 Euro, das ihn zu einem der bestbezahlten Spieler in England machte.
Der finanzielle Aspekt war wohl auch der entscheidende, warum ein Spieler, der insgesamt 577 Spiele für Manchester City, den FC Liverpool, den FC Chelsea und den FC Arsenal absolvierte, letztlich vom Hof gejagt wurde.
Sterling blieb seit Mai 2024 ohne Einsatz für Chelsea
„Sterling erhält eine Abfindung von Chelsea, während der Verein Geld spart, da die Abfindung geringer ausfällt als die Summe von über 20 Millionen Euro, die er erhalten hätte, wenn er die verbleibende Vertragslaufzeit von anderthalb Jahren erfüllt hätte“, schrieb die BBC.
Eine Unsumme, wenn man bedenkt, dass Sterling letztmals im Mai 2024 für den Klub auflief. Spätestens seit dem Amtsantritt des ehemaligen Chelsea-Trainers Enzo Maresca im darauffolgenden Sommer spielte der 82-malige Nationalspieler keine Rolle mehr und wurde am Deadline Day zum Stadtrivalen Arsenal verliehen.
Nach mehr oder weniger erfolglosen 28 Einsätzen, zumeist als Einwechselspieler, wo ihm nur ein Treffer gelang, kehrte Sterling in dieser Saison zurück zu den Blues. Dort kam er aber nicht mehr zum Einsatz und trainierte als letztes Mitglied des sogenannten „Bomb-Squads“ nicht mehr mit der Mannschaft.
Neben Sterling gehörten auch Spieler wie der zuletzt rehabilitierte Axel Disasi zu dieser Gruppe, die in sämtlichen Bereichen von der Mannschaft getrennt wurde. Sei es in Form einer separaten Kabine, Toilette oder ähnlichen Aspekten des alltäglichen Daseins als Profifußballer.
„Wir danken Raheem für den Beitrag, den er als Chelsea-Spieler geleistet hat, und wünschen ihm alles Gute für die nächste Phase seiner Karriere“, schrieb der Klub kurz und knapp nach der Veröffentlichung der „einvernehmlichen“ Trennung. Sterling hingegen zeigte sich optimistisch und bekundete in einer Instagram-Story: „Alle Augen sind auf die Zukunft gerichtet. Gott ist groß.“
Der Aufstieg eines Wunderkinds
Dass ein Spieler von seinem Format mit nur 31 Jahren quasi verschenkt wird, schien noch vor wenigen Jahren ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Als Star der Generation, die die Lampards und Gerrards beerben sollte, schlug Sterling einst als Wunderkind in der Premier League auf.
Keine vier Monate nach seinem 17. Geburtstag feierte Sterling in der Saison 2011/12 sein Profidebüt für den FC Liverpool, wo er schnell Schlagzeilen schrieb. Rund ein halbes Jahr später folgte sein erster Einsatz für die englische Nationalmannschaft.
Nachdem er 2014 den Golden-Boy-Award als bester U21-Spieler Europas erhielt, folgte ein Jahr später der Wechsel für über 60 Millionen Euro zu Manchester City. Bei den Cityzens feierte der Flügelspieler die erfolgreichste Zeit seiner Karriere und schraubte auch seine persönliche Torausbeute deutlich nach oben. Elf Titel, darunter vier Meisterschaften und individuell herausragende Saisons mit insgesamt 131 Toren und 86 Vorlagen, verbuchte Sterling unter Pep Guardiola.
Es war ein deutliches Empfehlungsschreiben, das Chelsea von einer Transferoffensive überzeugen sollte, letztlich aber in einem eklatanten Missverständnis für alle Beteiligten endete. Sterlings ehemaliger Mitspieler Jamie Carragher forderte in seiner Kolumne für The Telegraph dennoch: „Während für Raheem Sterling ein neues Kapitel beginnt, sollte sein unspektakulärer Abschied vom FC Chelsea nicht die großartigen Erfolge überschatten, die seine bisherige Karriere geprägt haben.“
Carragher schwärmt von Sterling: „Zugleich gesegnet und belastet“
Sterling sei „zugleich gesegnet und belastet von der Erinnerung an seinen kometenhaften Durchbruch als jugendlicher Superstar, ehe er Mitte 20 seinen sportlichen Zenit erreichte. Er setzte die Messlatte so hoch, dass sich diese Phase seiner Laufbahn zwangsläufig wie ein Antiklimax anfühlt“, führte der ehemalige Nationalspieler weiter aus und meinte: „Nach allen Maßstäben zählt Sterling zu den besten englischen Spielern seiner Generation.“
Dass diese Qualitäten weiter in ihm stecken, will Sterling in Zukunft bei einem anderen Klub beweisen. „Der 31-Jährige ist optimistisch, als vereinsloser Profi noch einmal aufblühen zu können, und glaubt, dass ihm noch ein erfolgreiches Kapitel von zwei oder drei Jahren auf höchstem Niveau bevorsteht“, beschrieb die Daily Mail die Ambitionen des Engländers.
Orientieren wird er sich dabei wohl an erfolgreichen Spielern wie Harry Kane (32), Bruno Fernandes (31) oder Mohamed Salah (33), die in ähnlichem Alter alle noch zur Weltspitze gehören.
Wohin es Sterling in Zukunft zieht, bleibt abzuwarten. The Voice vermutete beispielsweise, dass Sterling „vielleicht einfach nur wieder auf den Platz zurückkehren“ wolle. Darüber hinaus stellten englische Medien übereinstimmend seinen Wunsch nach „Sicherheit, Stabilität und Fußball“ heraus.
Sterlings Zukunft: Fulham, Everton, Neapel oder doch ein ganz anderer Klub?
Laut der Daily Mail sollen bereits zahlreiche Klubs auf Champions-League-Niveau bei Sterling angefragt haben – kann er sich also seinen zukünftigen Klub sogar aussuchen? Fest steht dem Bericht zufolge, dass Sterling weiter auf europäischem Top-Niveau spielen möchte und nicht etwa in Saudi-Arabien oder der MLS.
Sterling liebäugele zudem weiter mit einem Verein in London, auch wenn er eine Neuorientierung nicht mehr kategorisch ausschließe. Aus diesem Grund führt die Boulevardzeitung den FC Fulham als interessante Option für Sterling an, zumal der Klub bereits im Sommer an einer Leihe gearbeitet haben soll.
Auch ein brisanter Wechsel zum FC Everton, dem Erzrivalen seines Jugendklubs Liverpool, könne „reizvoll“ sein, da auch sein ehemaliger Mitspieler Jack Grealish unter Trainer David Moyes bei den Toffees wieder aufblühte. Als spannendste Option im Ausland gelte hingegen der SSC Neapel, „nicht zuletzt wegen der engen Freundschaft zwischen seiner Familie und der von Kevin De Bruyne aus gemeinsamen City-Zeiten“.
Besonders überraschend waren jedoch die Berichte, dass Sterling offenbar auch Bundesligist Union Berlin angeboten wurde. „Manchmal muss man sich die Augen reiben. In diesem Fall schien es nicht wirklich ernst zu sein. Wir haben es nicht weiter verfolgt“, gab Horst Heldt, Geschäftsführer Profifußball bei den Eisernen, am Deadline Day bei Sky bekannt.
Ein Wechsel in die Bundesliga wird nun zumindest in der Rückrunde nicht mehr zustande kommen, da in Deutschland keine vereinslosen Spieler nach dem Ende der Wintertransferperiode verpflichtet werden können. In Italien, England oder Spanien sind die Vorschriften hingegen deutlich lockerer.
Die bewegte Vergangenheit des Premier-League-Stars
Es wäre nicht das erste Mal, dass sich Sterling trotz aller Widrigkeiten an die Spitze kämpft. Bereits auf seinem Weg zum Profi musste er einige Hürden überwinden. Sterling wurde in einem Problemviertel der jamaikanischen Hauptstadt Kingston geboren und wuchs dort auf; sein Vater wurde ermordet, als er gerade einmal zwei Jahre alt war.
Seine Mutter suchte anschließend in England ein besseres Leben, um der Familie auszuhelfen. Auch Sterling kam einige Jahre später ebenfalls nach London. Wie er bei Players‘ Tribune einst erzählte, wurde er auch dort Zeuge von Verbrechen und Gewalt. Er landete in einer Schule für verhaltensauffällige Kinder. Einer seiner Lehrer soll einst über Sterling gesagt haben: „Wenn er so weitermacht, spielt er entweder für England oder landet im Gefängnis.“
Kann Sterling noch auf den WM-Zug aufspringen?
Sterling spielte für England und will auch in Zukunft wieder erfolgreiche Zeiten feiern – vielleicht sogar bis zum Sommer noch auf den WM-Zug aufspringen. Letztmals spielte er bei der WM 2022 für England. Trainiert werden die Three Lions derzeit von Thomas Tuchel, dem Trainer, unter dem Sterling einst einen vielversprechenden Start bei Chelsea hinlegte.
Doch auch wenn seine Karriere keinen zweiten Frühling mehr erleben sollte, sind die Erfolge Sterling nicht mehr zu nehmen.
„Wäre Raheem Sterlings Karriere mit seinem Abschied von Manchester City vor vier Jahren zu Ende gegangen, hätte er bereits im Alter von 27 Jahren mehr erreicht, als es den meisten in einem ganzen Leben gelingt“, behauptete Carragher und schrieb: „Eine gewisse ungerechtfertigte Kritik hat ihn über Jahre begleitet und könnte erklären, warum sich zuletzt nur wenige Chelsea-Fans über sein Exil sorgten und viele seinen Abschied begrüßten.“