Völlig ausgepumpt kam Mikaela Shiffrin ins Ziel. Sie schnaufte durch, winkte dem Publikum im Zielhang und konnte schon wieder lächeln. Dabei hatte sie gerade die nächste große Enttäuschung bei den Olympischen Spielen erlebt.
Olympia-Trauma von Mikaela Shiffrin: "Unfassbarer, nicht enden wollender Albtraum!"
Das nächste Desaster
Am Ende reichte es im Riesenslalom in Cortina d’Ampezzo nur zu Platz elf. Mit der Medaillenvergabe hatte Mitfavoritin Shiffrin nichts zu tun. Fast eine Sekunde (92 Hundertstel) fehlte zu Goldmedaillengewinnerin Federica Brignone.
„Ein unfassbarer, nicht enden wollender Albtraum“ bei Olympia
Kommentator Bernd Schmelzer hatte es schon kommen sehen. „Darf das wahr sein? Wenn sie jetzt nicht vorne ist, wäre das eine Riesen-Überraschung. Sie zittert bis in die Bindungsplatte hinein, hat man das Gefühl. Das gibt es doch nicht, das ist doch nicht wahr“, sagte Schmelzer während des 2. Durchgangs im ARD-Stream.
Der Kommentator zeigte aber auch Mitgefühl. „Das ist ein Albtraum, ein unfassbarer, nicht enden wollender Albtraum. Man möchte sie an die Hand nehmen und mit ihr abends mal zwei Bier trinken, damit sie Olympia irgendwie vergisst – und alles, was da vor vier Jahren gewesen war. Meine Güte!“
Was Schmelzer meint: Schon vor vier Jahren in Peking war Shiffrin bei Olympia komplett leer ausgegangen. Und das, obwohl sie praktisch überall Favoritin war. „Ich verstehe die Welt gerade nicht mehr und es tut mir auch im Herzen weh“, sagte Felix Neureuther damals in der ARD. Shiffrin selbst habe sich wie eine „Witzfigur“ gefühlt.
Desaster um Shiffrin in der Team-Kombination
Mit 108 Weltcupsiegen ist Shiffrin die erfolgreichste Ski-Alpin-Fahrerin der Geschichte. Dahinter kommt ihre Landsfrau Lindsey Vonn (85 Siege), die bei der Olympia-Abfahrt in Italien schwer stürzte und mit dem Helikopter abtransportiert werden musste. Gestürzt ist Shiffrin am Sonntag zwar nicht, dennoch wird sich die fünfmalige Gesamtweltcupsiegerin mehr ausgerechnet haben.
Schon in der Team-Kombination erlebte Shiffrin ein Desaster. Abfahrts-Olympiasiegerin Breezy Johnson hatte vorgelegt und das Duo in Führung gebracht. Doch ausgerechnet Superstar Shiffrin fuhr im Slalom viel zu passiv - die 15. Laufzeit. Und so landeten die haushohen Favoritinnen aus den USA letztlich nur auf Platz vier.
„Ich habe mich nicht so wohl gefühlt, um Vollgas zu geben“, sagte sie der Nachrichtenagentur AP. Sie müsse nun Lösungen finden: „Ich suche keine Ausreden, denn ich war perfekt vorbereitet. Ich werde daraus lernen.“
Geht Shiffrin bei Olympia wieder leer aus?
Doch es drängt sich der Verdacht auf, dass Shiffrin der mentalen Belastung nicht standhalten kann - insbesondere bei Olympischen Spielen. Zwar gewann Shiffrin zwei Gold- und eine Silbermedaille (2014 Gold im Slalom, 2018 Gold im Riesenslalom und Silber in der Kombination), aber verglichen mit der Dominanz im Weltcup ist die Ausbeute überschaubar. Leidet Shiffrin also an einer Olympia-Blockade?
Am Mittwoch bietet sich die Gelegenheit, das Gegenteil zu beweisen. In ihrer Paradedisziplin Slalom steht die letzte Ski-alpin-Entscheidung an. Shiffrin siegte in diesem Winter in sieben von acht Weltcupslaloms.
In ihrer Karriere holte die US-Amerikanerin neun kleine Kristallkugeln im Slalom und 71 Weltcupsiege in der wohl technisch anspruchsvollsten Disziplin. Es werden also alle Augen auf Shiffrin gerichtet sein.