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Wintersport-Rücktritte: Droht der deutsche Super-GAU? Wer holt jetzt noch Medaillen?

Droht der deutsche Super-GAU?

Natalie Geisenberger war der jüngste der prominenten Abgänge im deutschen Wintersport. Nicht nur im Rodeln, auch im Biathlon, der Nordischen Kombination und dem Shorttrack haben deutsche Stars die Bühne verlassen.
Zahlreiche mit Olympia-Medaillen und WM-Titeln dekorierte Biathlon-Stars haben 2023 ihren Rücktritt verkündet. SPORT1 zeigt, wer in der neuen Saison nicht mehr an den Start geht.
Natalie Geisenberger war der jüngste der prominenten Abgänge im deutschen Wintersport. Nicht nur im Rodeln, auch im Biathlon, der Nordischen Kombination und dem Shorttrack haben deutsche Stars die Bühne verlassen.

Wer vertritt nach dem Star-Exodus in diesem Jahr noch die deutschen Farben im Wintersport? Jüngst zog sich mit Natalie Geisenberger die beste deutsche Wintersportlerin der Geschichte zurück.

Die sechsmalige Rodel-Olympiasiegerin ist bei Weitem nicht die Einzige, die sich vor dem Start der neuen Saison aus dem Leistungssport verabschiedet.

SPORT1 gibt einen Überblick, welche Disziplinen besonders hart von den Rücktritten der vergangenen Monate betroffen sind.

Biathlon

Nirgends war der Aderlass am Ende der Saison so groß wie im Biathlon. Im Mittelpunkt stand selbstverständlich der Abgang von Denise Herrmann-Wick.

Die erfolgreichste und konstanteste Biathletin der vergangenen Jahre hinterlässt eine große Lücke, die es wieder zu füllen gilt. Vanessa Hinz wird diese Rolle definitiv nicht ausfüllen, denn die 31-Jährige war ebenfalls im vergangenen Winter zur Überraschung vieler zurückgetreten.

Noch unerwarteter war das Karriereende von DSV-Talent Luise Müller, die mit nur 22 Jahren ihren Abschied verkündete und im gleichen Atemzug heftig gegen ihre ehemaligen Trainer schoss.

„Ich habe leider auch Menschen kennengelernt, für die nur die sportliche Leistung zählt statt der Mensch als Persönlichkeit. Oder Trainer, die ein völlig verzerrtes Bild haben von Trainingsmethoden und der Individualität von Sportlern“, erklärte diese.

Die Kritik an der Ausbildung künftiger Talente ist nicht neu. Auch deshalb wurde personell beim DSV nach dem Saisonende einiges verändert. Männer-Bundestrainer Mark Kirchner räumte seinen Posten ebenfalls und ist künftig in der Nachwuchsförderung tätig.

Rodeln

Wie im Biathlon haben auch die Rodler den Rücktritt ihrer besten Athletin zu verkraften. Natalie Geisenberger gewann sechsmal Olympia-Gold, dazu kommen neun WM- und sieben EM-Titel sowie 52 Weltcup-Erfolge. Kein deutscher Wintertsportler war erfolgreicher als sie.

Der Verlust der 35-Jährigen als Aushängeschild ist jedoch für die Eispiloten weniger schwerwiegend als bei den Biathleten. Die Rodler sind von Haus aus bei Männern, Frauen, Doppel und der Teamstaffel weltweite Spitze. Bei Olympia in Peking gewann nicht nur Natalie Geisenberger Gold, auch in den anderen drei Disziplinen jubelte am Ende Schwarz-Rot-Gold.

Silber ging hinter Geisenberger an Anna Berreiter. Die 24-Jährige gilt als prädestinierte Nachfolgerin der Rodelkönigin, dazu stehen mit Julia Taubitz bei den Frauen und bei den Männern mit den Olympiasiegern Johannes Ludwig und Felix Loch sowie Max Langenhan zahlreiche Top-Fahrer dem deutschen Kader zur Verfügung.

Nordische Kombination

Unter den Königen der Wintersportler war er einer der Größten: Erik Frenzel beendete im März 2023 mit einem emotionalen letzten Rennen seine außergewöhnliche Karriere. Dreimal Olympisches Gold, dazu noch zweimal Silber und Bronze und fünf Weltcup-Gesamtsiege sind nur ein Bruchteil seiner Erfolge.

Der 34-Jährige bleibt den deutschen Kombinierern jedoch mit seiner Erfahrung erhalten. Ab der kommenden Saison trainiert er gemeinsam mit Kai Bracht und Heinz Kuttin die Weltcup-Mannschaft und tritt damit in die Fußstapfen seines eigenen Mentors. Denn mit Erfolgstrainer Hermann Weinbuch verlässt eine weitere Ikone den Sport und das deutsche Team. Der Oberbayer hatte 1996 als Bundestrainer der Kombinierer übernommen und eine goldene Ära geprägt.

Ski Alpin

Auch das alpine Team verzeichnet im Vergleich zur Vor-Saison drei Abgänge. Julian Rauchfuss verkündete seinen Abschied mit gerade einmal 28 Jahren. Ein Jahr zuvor hatte er noch den mit Abstand größten Erfolg seiner Karriere gefeiert: Bei den Winterspielen in Peking gewann er im Team-Wettbewerb mit Emma Aicher, Lena Dürr, Alexander Schmid und Linus Straßer die Silbermedaille.

Ebenfalls noch keine 30 Jahre waren Marlene Schmotz (29) und David Ketterer (28) bei ihren Rücktritten im Frühjahr dieses Jahres. „Mein Körper und Geist sind nicht mehr bereit, 100 Prozent zu geben“, begründete Schmotz im April ihre Entscheidung nach knapp zehn Jahren im Weltcup-Zirkus.

Nur wenige Tage später trat Ketterer zurück und führte dabei vor allem familiäre Gründe an. Der dreifache Abgang sorgt im ohnehin dünn besetzten alpinen Weltcup-Kader für weitere Sorgenfalten bei den Bundestrainern Andreas Puelacher und Christian Schwaiger.

Eisschnelllauf & Shorttrack

Sie galt als das größte Talent der kurzen deutschen Shorttrack-Geschichte, doch mit nur 25 Jahren war plötzlich Schluss - zumindest vorübergehend. Anna Seidel verkündete Anfang September, dass sie sich eine Auszeit für mindestens eine Saison nehmen wird.

„Nach über einem Jahrzehnt intensiver Wettkämpfe und täglichem Training (...) ist mir vor einiger Zeit klar geworden, dass ich einen Punkt der körperlichen und vor allem mentalen Erschöpfung erreicht habe“, erklärte Seidel offen bei Instagram, wo ihr über 100.000 Menschen folgen.

Es ist ein neuerlicher Rückschlag für die kriselnde Deutsche Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft. Dessen Präsident Matthias Große, Unternehmer und Lebensgefährte von Claudia Pechstein, gilt als umstritten, unter anderem wegen seines öffentlichen Auftretens. Pechstein selbst, vor Geisenbergers Doppel-Gold in Peking Rekord-Wintersportlerin, geriet im Juni durch eine Rede in Polizei-Uniform bei einer CDU-Veranstaltung in die Kritik.

Seit vielen Jahren laufen die deutschen Eisschnellläufer der internationalen Musik hinterher. In Peking 2022 stand am Ende nur eine einzige Top-8-Platzierung durch Patrick Beckert (Siebter über 10.000m) zu Buche. Mit Nico Ihle beendete im Februar dieses Jahres auch noch einer besten deutschen Sprinter seine Karriere.

Mit 37 Jahren zog der dreimalige Olympiateilnehmer einen Schlussstrich. 2017 gewann er in Pyeongchang WM-Silber, dazu kommen zweimal EM-Bronze und drei Weltcup-Siege.