Die zweiwöchige Olympia-Pause im Biathlon ist beendet, am vergangenen Freitag legten beim Weltcup im finnischen Kontiolahti auch die Herren mit der Staffel wieder los. (BERICHT: Lesser & Co. verpassen Podest haarscharf)
Biathlon vom Krieg überschattet - Olympiasieger Rösch stellt die Sinnfrage
Hat Biathlon jetzt keinen Wert mehr?
Michael Rösch, deutscher Staffel-Olympiasieger 2006, würde sich eigentlich gern darüber freuen und mitfiebern - unter anderem auch, weil es die Abschiedstournee von Erik Lesser sein wird. Aber es passiert gerade doch zu viel, was Rösch ins Grübeln bringt.
„Ganz grundsätzlich gefragt: Ist es überhaupt vonnöten, dass jetzt Sport stattfindet?“, sagte der 38-Jährige im Gespräch mit SPORT1: „Wir bekommen jeden Tag krasse Nachrichten aus der Ukraine. Da ist alles andere eigentlich nebensächlich.“ (DATEN: Alle Biathlon-Rennen im LIVETICKER)
Und die Nachrichten aus der Ukraine beschäftigen die Biathlon-Szene in ihrem laufenden Betrieb auch gerade mehr als manch andere Sportarten.
Biathlon vom Krieg in besonderem Maße eingeholt
Dmytro Pidruchnyi, Verfolgungs-Weltmeister von 2019 und aktuell bester Biathlet der Ukraine, ist in den Kriegsdienst eingetreten und verteidigt nun sein Land, statt um Weltcup-Punkte zu kämpfen.
Yevhen Malyshev, ein Athlet aus dem Junioren-Nationalkader, tat es ebenfalls - und ist dabei getötet worden. (NEWS: Biathlet stirbt im Ukraine-Krieg)
Wie überall beschäftigt zudem auch der Umgang mit den russischen und belarussischen Athletinnen und Athleten den Sport: Die beiden Verbände boykottieren die letzten drei Weltcups, da der Weltverband IBU beschlossen hatte, dass Belarus und Russland nur unter neutraler Flagge starten dürfen. Damit ist nun unter anderem auch die belarussische Top-Athletin Dzinara Alimbekava aus dem Spiel.
Rösch hat ein zwiespältiges Verhältnis zu den Strafen.
Strafen und Boykotte: Rösch ist zwiegespalten
„Sie mussten etwas machen. Man sieht es in der Sportwelt, dass alle Sportler aus Russland ausgeladen werden, selbst die FIFA und UEFA haben es getan“, erklärt er. (TICKER: Russland-Ukraine-Konflikt: Auswirkungen auf die Sportwelt)
Rösch findet aber: „Es trifft die Falschen und verfälscht das Ergebnis. Der Sport soll nämlich verbinden und andere Werte in die Welt bringen.“
Ist das aber möglich in der Situation, wie sie jetzt ist? Letztlich versteht Rösch alle Perspektiven. „Es hart für die Sportler, aber ein richtiges Zeichen der Verbände“, resümiert er.
Verständnis für Ausstieg von Bö
Aus unpolitischen Gründen fehlt Johannes Thingnes Bö bei den letzten Weltcups: Der Norweger, der bei den Olympischen Winterspielen in Peking viermal Gold gewann, hat sich entschieden, für den restlichen Winter auszusetzen und Zeit mit seiner Familie zu verbringen. (DATEN: Weltcup-Stände im Biathlon)
„Ich glaube, dass er ein bisschen leer und ausgebrannt ist. Schließlich hast du im Sport jeden Tag Druck im Kopf. Er hat jetzt sein Maximum herausgeholt und braucht halt jetzt eine Pause. Ich finde das eine gute und konsequente Entscheidung“, meint Rösch.
Somit steigen die Chancen für den Franzosen Quentin Fillon Maillet auf den Gesamtweltcup - den er aber womöglich ohnehin gewonnen hätte: „Bö war zwar etwas weg, aber hätte ihm durchaus noch gefährlich werden können. Dennoch glaube ich, dass Fillon Maillet im Normalfall auch gewonnen hätte“, sagt Rösch. (DATEN: Weltcup-Kalender der Biathlon-Saison)