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Hamburg - Dirk Nowitzki hat eine Sportart revolutioniert, Meilensteine erreicht und ist doch bescheiden geblieben. SPORT1 blickt auf eine einzigarte Karriere zurück.

Das Drehbuch hätte man kaum besser schreiben können.

Dirk Nowitzki beendet seine Karriere mit einem Spiel beim größten Rivalen, dem "großen Bruder", den San Antonio Spurs. Mit 20 Punkten und zehn Rebounds gelingt ihm ein letztes Double-Double.

Sein finaler Wurf? Ein verwandelter Fadeaway. Begleitet von MVP-Rufen der Heim-Fans verlässt Nowitzki endgültig das NBA-Parkett.

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Der Fadeaway, die Huldigungen der Zuschauer des Rivalen - sinnbildlich für eine einzigartige Karriere, die nach 1521 Saisonspielen ihr Ende findet.

Die unglaublichen Zahlen

Dirk Nowitzki, der blonde Schlaks aus Würzburg, ist zum sechstbesten Scorer in der Geschichte der besten Basketball-Liga der Welt geworden.

Mit 31.540 Zählern steht er vor einer Legende wie Wilt Chamberlain. "In seiner Ära war Wilt der dominanteste Spieler, den die Liga jemals gesehen hat. Kein anderer hat 100 Punkte erzielt (in einem Spiel, Anm. d. Red.). Dass man in einer Liste mit solchen Namen steht, ist surreal", sagt Nowitzki.

Dirk Nowitzki mit Meilenstein: Wilt Chamberlain in NBA-Scorerliste überholt
Dirk Nowitzki mit Meilenstein: Wilt Chamberlain in NBA-Scorerliste überholt © Getty Images

Der einst als eindimensionale Werfer verschriene Nowitzki ist der einzige Spieler der Geschichte mit 31.000 Punkten, 10.000 Rebounds, 3.000 Assists, 1.000 Steals und 1.000 Blocks.

Insgesamt 14 Mal darf Nowitzki am All-Star Game teilnehmen, zwölf Mal wird er in ein All-NBA-Team gewählt. 2007 wird er als erster Europäer MVP, 2011 folgt die ersehnte Meistertrophäe. 21 Jahre steht der 40-Jährige am Ende beim selben Team unter Vertrag - einzigartig.

Dazu kommen die Erfolge mit dem Nationalteam, für das er trotz kräftezehrenden Saisons immer wieder die Knochen hinhält. Nowitzki gewinnt mit dem DBB-Team WM-Bronze 2002 und EM-Silber 2005 und erfüllt sich mit der Olympia-Qualifikation 2008 seinen ersten Traum. In Peking darf er sogar die Fahne tragen.

Die Entscheidung für Basketball

Dabei hätte nicht viel gefehlt, und Dirk Nowitzki wäre kein Basketball-Profi geworden. Jahrelang spielt er in der Jugend Tennis, bis heute eine seiner Leidenschaften, und Handball wie sein Vater Jörg.

"Eine ganze Weile dachte ich, dass es auf eine dieser beiden Sportarten hinauslaufen wird", schildert Nowitzki der Berliner Morgenpost.

Doch als ihn ein Cousin zum Basketball-Training mitschleppt, ist Nowitzki infiziert – und entscheidet sich für die Sportart, die einst seine Mutter ausübte.

Mit 15 Jahren spielt er in der Jugend der DJK Würzburg und lernt nach einem Spiel den Mann kennen, der sein Leben verändert: Holger Geschwindner.

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Der Mentor

Der frühere Nationalspieler erkennt Nowitzkis Talent und nimmt ihn unter seine Fittiche. Denn "wenn er einer der weltbesten Spieler werden soll, müssen wir systematisch trainieren", erklärt Geschwindner Nowitzkis Eltern.

Holger Geschwindner und Dirk Nowitzki
Holger Geschwindner und Dirk Nowitzki © imago

Geschwinders Methoden wirken überaus unorthodox. Handstände, Froschsprünge und einbeinige Würfe mit einer Technik, die Geschwindner physikalisch berechnet, stehen auf dem Programm. Dazu bringt er Nowitzki dazu, ein Musikinstrument zu lernen und viel zu lesen. Die als verrückt angesehenen Praktiken fruchten.

In der Saison 1997/98 erlebt Nowitzki seine ersten Sternstunden.

Die ersten Sternstunden

Bei einem inzwischen legendären Show-Spiel im September 1997 düpiert Nowitzki US-Stars wie Charles Barkley. Im März 1998 steckt er dann mit Würzburg mitten im Aufstiegskampf. Doch Geschwindner hat ein anderes Event im Blick: Das Nike Hoop Summit, bei dem sich jährlich die besten Talente der Welt messen.

Nowitzki blickt bei ESPN zurück: "Ich nur so: 'Bist du verrückt? Davon (Aufstieg mit Würzburg, Anm. d. Red.) haben wir geträumt, dafür haben wir die letzten Jahre gespielt.'"

Geschwinder gibt zu: "Wir haben ein riskantes Spiel gespielt." Doch das Risiko, ohne Bescheid zu sagen in die USA zu fliegen und ein Playoff-Spiel zu verpassen, zahlt sich aus.

Denn Nowitzki macht sich mit 33 Punkten und 14 Rebounds beim überraschenden Sieg des Team World gegen das Team USA in Amerika einen Namen.

"Da war dieser große, schlaksige weiße Typ, von dem du noch nie gehört hattest und hatte solche Sachen drauf", erinnert sich der spätere NBA-Profi Al Harrington.

Im Rahmes des Drafts 1999 akquirieren die Mavs in einem der im Nachhinein einseitigsten Trades der NBA-Geschichte Nowitzki für den 2011 verstorbenen Robert "Tractor" Traylor von den Milwaukee Bucks.

Am selben Abend wird auch Steve Nash nach Dallas transferiert, der sich zu einem wichtigen Bezugspunkt und Freund entwickelt (Die NBA LIVE im TV auf SPORT1+ und im LIVESTREAM).

Der schwierige Start

Im ersten Spiel seiner durch einen Lockout verkürzten NBA-Saison trifft Nowitzki am 5. Februar 1999 auf die Seattle SuperSonics mit Detlef Schrempf. Die Partie wird symptomatisch für die schwere Anfangszeit in den USA. Nowitzki gelingen gerade einmal zwei Punkte von der Freiwurflinie.

Die Karriere von Dirk Nowitzki
Die Karriere von Dirk Nowitzki © Getty Images

Der Würzburger ist vor allem körperlich überfordert, aufgrund seiner defensiven Anfälligkeit bekommt er den wenig schmeichelhaften Spitznamen "Irk" verpasst.

Nowitzki ist frustriert und denkt zwischenzeitlich sogar darüber nach, nach Deutschland zurückzukehren.

Doch er kämpft sich - auch dank der Unterstützung von Kumpel Nash - durch. Im neuen Jahrtausend geht es aufwärts mit der einstigen Loser-Franchise, die 1990 zuletzt die Playoffs erlebte.

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Milliardär Mark Cuban kauft das Team und macht es zu seinem Projekt. Er investiert in einen Privatjet, modernisiert die Trainingshallen und Kabinen und wird zum größten Fan der Mavs – und damit auch Nowitzkis, der sich mächtig steigert.

Gemeinsam mit Nash und Michael Finley bildet Nowitzki eine "Big Three", die erst 2004 durch Nashs Abgang nach Phonix auseinanderbricht.

Steve Nash, Dirk Nowitzki, and Michael Finley
Steve Nash, Dirk Nowitzki, and Michael Finley © Getty Images

Das Titel-Trauma

Dallas wird zum Stammgast in der Postseason, Nowitzki entwickelt sich zunächst zum All-Star, dann zum absoluten Superstar.

Am 2. Dezember 2004 liefert sich Nowitzki mit Tracy McGrady ein unglaubliches Duell, an dessen Ende bei Nowitzki eine bis heute bestehende Karrierebestleistung von 53 Punkten steht.

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Eine Saison später greift Nowitzki nach seinem ersten NBA-Titel. In einer epischen Serie setzt sich Dallas im Finale der Western Conference nach sieben Spielen gegen den Rivalen aus San Antonio durch.

"Das ist bis heute eine der besten Playoff-Serien, bei denen ich dabei war", meint Nowitzki nach seinem Abschiedabend.

In den Finals führen die Mavericks gegen Miami mit 2:0 Siegen und auch im dritten Spiel komfortabel, ehe ein entfesselt aufspielender Dwyane Wade und seltsame Schiedsrichter-Entscheidungen den Mavs den sicher geglaubten Titel entreißen.

Dirk Nowitzki und die Mavs waren 2006 nicht immer einverstanden mit den Schiedsrichtern
Dirk Nowitzki und die Mavs waren 2006 nicht immer einverstanden mit den Schiedsrichtern © Getty Images

Ein Trauma, das Nowitzki erst fünf Jahre später wirklich überwinden kann.

Der größte Tiefpunkt

2006/07 wird Nowitzkis beste und bitterste Spielzeit zugleich.

Er trifft in der Saison über 50 Prozent aus dem Feld, 40 Prozent aus der Distanz und 90 Prozent von der Freiwurflinie, führt Dallas mit einem Teamrekord auf Rang eins im Westen und wird als erster Europäer überhaupt zum MVP gewählt.

Doch bei der Ehrung kann sich Nowitzki nicht freuen, denn die Mavericks erleiden in der ersten Playoff-Runde sensationell Schiffbruch gegen die achtplatzierten Warriors. Nowitzki spricht vom "größten Tiefpunkt der Karriere", in der Wand der Oracle Arena hinterlässt er vor lauter Frust ein inzwischen legendäres Loch.

Noch nie hatte eine Nr. 1 in einer best-of-seven-Serie gehen eine Nr. 8 verloren
Noch nie hatte eine Nr. 1 in einer best-of-seven-Serie gehen eine Nr. 8 verloren © Getty Images

In den folgenden Jahren läuft es für die Mavericks und Dirk "No-Win-Ski" kaum besser. Ein frühes Playoff-Aus folgt auf das nächste, auch unter Rick Carlisle, der nach Don Nelson (bis 2005) und Avery Johnson (bis 2008) Nowitzkis dritter Coach ist. Dazu kommt 2009 ein privater Schock. Crystal Taylor, seine langjährige Geliebte, entpuppt sich als Betrügerin.

Doch Nowitzki steckt nicht auf und erholt sich vom sportlichen und privaten Tief. Ein Wechsel zu einem anderen Team kommt für ihn nie wirklich infrage. Er glaubt daran, dass er seiner Stadt einen Titel schenken kann und verzichtet immer wieder auf Geld.

Dirk Nowitzki ist seit 2010 mit Jessica Olsson liiert
Dirk Nowitzki ist seit 2010 mit Jessica Olsson liiert © Getty Images

2010 lernt Nowitzki Jessica Olsson kennen, die als Managerin in einer Kunstgalerie arbeitet. Mit seiner heutigen Ehefrau, mit der er inzwischen drei Kinder hat, findet er sein privates Glück. Und 2011 werden auch seine sportlichen Bemühungen endlich belohnt.

Die Erfüllung des Traumes

Das von Nowitzki angeführte und mit erstklassigen Rollenspielern wie Tyson Chandler gespickte Team wird im Westen Dritter in der regulären Saison. Die Skepsis ist aufgrund der Erfahrungen der Vorjahre dennoch groß - zumindest außerhalb der texanischen Metropole.

Doch nach einer wackligen Erstrundenserie gegen Portland drehen Nowitzki und Co. auf. In der zweiten Runde zerlegen die Mavs die Los Angeles Lakers um Kobe Bryant per Sweep.

Im West-Finale spielt Nowitzki seine beste Playoff-Serie aller Zeiten. Die Oklahoma City Thunder um die aufstrebenden Kevin Durant und Russell Westbrook liefern Dallas einen erbitterten Kampf. Doch Nowitzki wächst über sich hinaus. Im ersten Spiel schenkt er OKC 48 Punkte ein, verwandelt dabei jeden seiner 24 Freiwürfe.

Dirk Nowitzki spielte gegen OKC die beste Serie seines Lebens
Dirk Nowitzki spielte gegen OKC die beste Serie seines Lebens © Getty Images

In der fünften Partie liegen die Mavs schier aussichtslos zurück, doch angeführt vom überragenden Nowitzki (40 Zähler) gewinnen sie in der Verlängerung - das 3:1 ist die Vorentscheidung.

Im Endspiel wartet das neue Superteam, die Miami Heat um LeBron James, Dwyane Wade und Chris Bosh. Doch Nowitzki lässt sich in diesem Jahr nicht aufhalten. Nicht von einem zweimaligen Rückstand in der Serie. Nicht von einer Fingerverletzung. Nicht von Fieber und Schüttelfrost. Und schon gar nicht von Wade und James, die sich vor Spiel fünf über Nowitzki lustig machen.

Ausgerechnet in der sechsten Finalpartie findet Nowitzki überhaupt keinen Rhythmus und hat zur Pause nur drei Punkte auf dem Konto. Dank eines glänzend aufgelegten Jason Terry, der wie Nowitzki aufgrund der Pleite 2006 Revanchegelüste hat, führen die Mavs dennoch. In Hälfte zwei dreht auch Nowitzki auf - Dallas wird zum ersten Mal NBA-Champion.

Dirk Nowitzki am Ziel seiner Träume
Dirk Nowitzki am Ziel seiner Träume © Getty Images

Im größten Moment seiner Karriere will Nowitzki allein sein. Noch vor der Schlusssekunde läuft Nowitzki, von Emotionen übermannt, in die Kabine. Ein absoluter Gänsehaut-Moment. Zur Übergabe der Meister- und MVP-Trophäen ist Nowitzki aber wieder zurück. Nowitzki ist im Sport-Olymp angekommen.

Die letzten Meilensteine

Anschließend bricht das Meisterteam außereinander. Dallas scheitert immer wieder am Versuch, hochkarätige Free Agents an Nowitzkis Seite zu locken und verschwendet damit im Prinzip dessen letzte gute Jahre.

Erstmals bekommt dieser zudem Verletzungsprobleme, zuletzt frustriert ihn die langwierige Entzündung in Folge einer Knöchel-OP. Nowitzkis letzter großer Playoff-Auftritt ist 2014 die sieben Spiele andauernde Erstrundenserie gegen den langjährigen Rivalen und späteren Meister aus San Antonio.

Doch auch wenn der Teamerfolg weitgehend ausbleibt, große Momente hat Meilenstein-Sammler Nowitzki weiterhin zu feiern. Gegen die Lakers sorgt er im März 2017 mit seinem 30.000 Punkt sogar bei Geschwindner für Tränen. Zwei Jahre später gelingt ihm ein letzter großer Meilenstein: Nowitzki überholt Chamberlain in der ewigen Scorerliste.

Der emotionale Abschied

Die finale Saison beweist einmal mehr, welche Wertschätzung Nowitzki genießt.

"Angefangen hat es in Charlotte vor dem All-Star Break. Da sind die Fans kurz vor Schluss aufgestanden und haben geschrien: 'We want Dirk'. Seitdem ist es ein bisschen ein Schneeball-Effekt gewesen", schildert Nowitzki bei SPORT1.

In Los Angeles nimmt Clippers-Coach Doc Rivers kurz vor Schluss sogar eine Auszeit, um Nowitzki feiern zu lassen. "Das war mir schon ein bisschen peinlich", sagt Nowitzki.

Von den Heimfans verabschiedet sich Nowitzki mit 30 Punkten und einer emotionalen Feier. Idole wie Charles Barkley, Scottie Pippen und Larry Bird verneigen sich.

Mehrere Legenden wie Charles Barkley verabschiedeten Dirk Nowitzki
Mehrere Legenden wie Charles Barkley verabschiedeten Dirk Nowitzki © Getty Images

In seiner letzten Partie in San Antonio legt er 20 und 10 auf. Ein Video rührt ihn zu Tränen, noch einmal erhält er MVP-Gesänge.

Fans, Prominente und Sport-Stars aus aller Welt schwärmen zum Abschluss in höchsten Tönen. Für Sebastian Vettel ist er ein "Vorzeigeathlet", für Thomas Müller und Angelique Kerber eine "Legende".

Dass sich selbst Ex-US-Präsidenten wie George Bush und Barack Obama zu Wort melden, zeigt, welchen Einfluss und Eindruck Nowitzki hinterlassen hat.

Die Legacy

Zum einen hat Dirk Nowitzki eine Sportart revolutioniert.

"Wegen ihm musste sich jeder verändern, die ganze Liga musste reagieren, weil er anders als jeder andere Spieler verteidigt werden musste", sagt Spurs-Coach Gregg Popovich. Heutzutage kann kaum ein Big Man ohne Wurf in der Liga überleben.

Er hat europäischen Spielern, die in den USA immer wieder mit Skepsis beäugt wurden, endgültig die Tür geöffnet.

Zum anderen ist er zum Vorbild geworden. Mit einer Stiftung bekämpft er Armut in Afrika, mit seiner sozialen Ader bringt er Kinder zum Lächeln, dank seiner Bescheidenheit und seines Humors ist er überall beliebt.

Dirk Nowitzki ist über sich, über Deutschland und über die Basketball-Welt hinausgewachsen - und doch am Boden geblieben.

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