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Matthias Becker hinterfragt Carlo Ancelottis Rolle beim Champions-League-Aus des FC Bayern © SPORT1-Grafik: Picture Alliance/SPORT1

München - Der FC Bayern macht den Schiedsrichter für das Aus gegen Real Madrid verantwortlich. Doch es gibt auch eigenes Verschulden. Der SPORT1-Kommentar.

Das Aus in der Champions-League gegen Real Madrid ist für den FC Bayern ganz schwer zu akzeptieren.

Nach den dramatischen 120 Minuten machen Spieler, Trainer und Verantwortliche den ungarischen Schiedsrichter Viktor Kassai verantwortlich.

Der hatte durch seine groben Fehleinschätzungen in mehreren Situationen natürlich entscheidenden Anteil am Scheitern des deutschen Rekordmeisters. Ein paar kritischen Fragen muss sich aber auch der FC Bayern stellen.

Die Bayern sind für das Spiel bei Real ins höchstmögliche Risiko gegangen. Nach drei Halbfinal-Niederlagen in der Königsklasse zählte in diesem Jahr nur der Titel.

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Die sichtbar angeschlagenen Mats Hummels und Jerome Boateng warfen sich in beeindruckender Weise in jeden Zweikampf und in jedes Kopfballduell - spielten dabei aber mit ihrer Gesundheit.

Manuel Neuer, Anfang des Monats an einem Haariss am Fuß operiert, bezahlt seinen Einsatz mit einem Fußbruch und einer langen Pause.

Dass Trainer Carlo Ancelotti im wichtigsten Spiel des Jahres mit seiner bestmöglichen Aufstellung spielen wollte, ist verständlich. Dass gerade erst wieder genesene oder nicht komplett gesunde Profis dafür ran mussten, sagt aber auch viel über den Kader der Münchner aus.

Mit einem Durchschnittsalter von 30,3 Jahren stellten die Bayern im Bernabeu die älteste Startelf ihrer Champions-League-Geschichte auf.

Philipp Lahm und Xabi Alonso beenden ihre Karriere. Für beide war es diese Saison die letzte Chance, etwas ganz Großes zu erreichen. Auch Franck Ribery und Arjen Robben sind auf der Zielgeraden ihrer Laufbahn.

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Dass die erfahrenen Spieler so wenig Unterstützung aus der zweiten Reihe bekamen, ist aber auch Ancelotti anzukreiden. Der Italiener setzt gerne auf Routiniers und Stars, seine erweiterte Stammelf besteht nicht aus 18 Spielern, sondern vielleicht aus 14, 15.

Douglas Costa und Kingsley Coman haben nicht das Format für ein Spiel wie bei Real. Spieler wie Joshua Kimmich, unter Vorgänger Guardiola noch die Entdeckung der Saison, haben sich unter Ancelotti eher zurück entwickelt. Letztlich trägt dafür der Trainer die Verantwortung.

Dass der Coach dann beim Stand von 2:1, zu einem Zeitpunkt also, als der FC Bayern definitiv noch ein Tor brauchte, um weiterzukommen (mindestens im Elfmeterschießen), auf die Rote Karte von Arturo Vidal reagierte, indem er Torjäger Robert Lewandowski aus taktischen Gründen auswechselte, sorgte bei vielen Fans und Beobachtern für Kopfschütteln.

Die Entscheidung, den akut gelb-rot-gefährdeten Vidal nicht auszuwechseln, kann man da noch eher verstehen, war aber ein Vabanquespiel. Von einem Routinier wie Vidal müsste man erwarten, cleverer zu agieren - eigentlich.

Ist Ancelotti deshalb schon gescheitert? Sicher nicht. Aber die Strategie, den Erfolgscoach eine Mannschaft auf der Höhe ihrer Schaffenskraft auf den europäischen Thron führen zu lassen, ist nicht aufgegangen.

Nun muss sich zeigen, ob Ancelotti der richtige Coach ist, um einen personellen Umbruch zu begleiten, während die Erfolge gleichzeitig nicht ausbleiben dürfen.

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