Bei der EM findet die neue Datenerfassung von Stefan Reinartz Anwendung. Der Ex-Profi analysiert auch die Gegner des DFB

Auslöser war das WM-Halbfinale vor zwei Jahren zwischen Deutschland und Brasilien. Fast alle Statistiken nach dem Spiel sprachen für den WM-Gastgeber. Das Ergebnis ist bekannt: Deutschland gewann 7:1.

"Nach diesem Spiel fühlten wir uns in der Ansicht bestätigt, dass die bisherigen Daten nicht die Realität widerspiegeln", sagt Stefan ReinartzSPORT1.

Das 7:1 war somit auch die Geburtsstunde einer neuen Idee. Fortan entwickelte Reinartz, der in der vergangenen Saison wegen zahlreicher Verletzungen seine Bundesliga-Karriere mit 27 Jahren beendet hat, gemeinsam mit dem Berliner Jens Hegeler eine neue Methode der Datenerfassung: das sogenannte Packing.

Pässe werden nicht mehr plump gezählt

Vereinfacht geht es darum, erfolgreiche Pässe nicht nur plump zu zählen, sondern qualitativ zu werten.

Erfasst wird, wie viele Gegner durch eine Aktion überspielt wurden.

"Überspielte Gegner befinden sich nicht mehr zwischen Ball und Tor. Sie sind gepackt und aus dem Spiel genommen", erklärt Reinartz, der mit seinem Start-up-Unternehmen Impect den Begriff des Packings erfunden hat.

"Bewusstsein, was effektiv ist"

Von einer "Daten-Revolution" mag Reinartz nicht sprechen. Aber die Methode erlaube "eine Neubetrachtung auf das Spiel".

Reinartz war früher ein "Mathe-Leistungskurs-Kind", wie er von sich selbst sagt, hat später auch mal Psychologie studiert. Diese Leidenschaften, gepaart mit seinen Erfahrungen als Fußball-Profi, fließen nun in die neue Datenerfassung ein.

"Die Methode ist einfach, aber mit großer Aussagekraft", sagt er, "die Werte schaffen ein Bewusstsein dafür, was effektiv ist."

Immer wieder Ton Kroos

Toni Kroos ist so ein Beispiel.

Seine überragenden Passquoten haben die Kroos-Kritiker bislang häufig abgetan.

Doch die Packing-Werte räumen mit dem Vorbehalt auf, Kroos sei nur ein uneffektiver Ballverteiler.

Beim 2:0 zum EM-Auftakt des DFB-Teams gegen die Ukraine konnte der Champions-League-Sieger von Real Madrid die besten Daten vorweisen.

Ohnehin erzielt der Mittelfeldspieler nach der Packing-Methode Bestwerte. Pro Spiel überspielt er 85 Gegner, der Durchschnitt in der Bundesliga für einen Profi auf seiner Position liegt bei 28.

Analyse der EM-Gegner

Neben den Bundesligisten Bayer Leverkusen, Borussia Dortmund und RB Leizpig greift inzwischen auch der DFB um Chefanalytiker Christopher Clemens bei der EM auf die Packing-Daten zurück.

Reinartz und seine Mitarbeiter stellen dem DFB vor den EM-Spielen Analysen der kommenden Gegner zur Verfügung.

"Empfehlungen geben wir noch nicht. Aber wir geben Einordnungen, damit Rückschlüsse zu ziehen sind", sagt er.

Boateng und Hummels unter Löw vorsichtiger

Ganz interessante Unterschiede macht Reinartz beim DFB-Team bei der Betrachtung der etatmäßigen Innenverteidiger Jerome Boateng und Mats Hummels aus.

Unter Bundestrainer Joachim Löw agieren beide mit weniger Risiko und Tiefe bei ihren Pässen als beim FC Bayern und Borussia Dortmund.

Das Duo überspielt weniger Gegner, vor allem deutlich weniger Verteidiger.

Lars Stindl überrascht

Und noch ein Wert überrascht: Für einen Offensivspieler kommt Lars Stindl auf Bundesliga-Bestwerte - als Passgeber, als Balleroberer und als Anspielstation.

Bei der EM ist Stindl dennoch nicht dabei.

So weit geht der Einfluss von Reinartz dann doch nicht.

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