Tote, Krawalle, Emotionen: Chronik des Hassgipfels Superclasico
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Der Superclasico zwischen River Plate und Boca Juniors elektrisiert seit über 100 Jahren die Massen. SPORT1 erklärt, warum inzwischen Hass und Gewalt im Fokus stehen.

Nach der Schande um den Superclasico fiel die Entscheidung um den Titel in der Copa Libertadores rund 10.000 Kilometer entfernt.

Nicht das Estadio Monumental in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires, sondern das Estadio Santiago Bernabeu in Madrid war im Dezember 2018 Schauplatz des Finalrückspiels zwischen Boca Juniors und River Plate. 

River Plate setzte sich nach dem 2:2-Unentschieden im Hinspiel mit 3:1 nach Verlängerung durch und holte sich damit zum vierten Mal den Sieg im wichtigsten Wettbewerb des südamerikanischen Vereinsfußballs.

Boca Juniors im direkten Duell vorne

Zudem war es der 82. Sieg von River Plate im insgesamt 248. Superclasico. Dem stehen 78 Unentschieden und 88 Siege der Boca Juniors gegenüber.

Die Partie hätte ursprünglich am 24. November stattfinden sollen, wurde jedoch um einen Tag verlegt und dann abgesagt, nachdem Fans von River Plate den Mannschaftsbus der Boca Juniors bei der Ankunft am Monumental-Stadion mit Steinen attackiert und mehrere Gäste-Akteure - auch durch von der Polizei eingesetztes Tränengas - Verletzungen davongetragen hatten.

Doch wie konnte es nach dem elektrisierenden 2:2-Remis im Hinspiel überhaupt so weit kommen? Wieso schreibt das Duell der beiden populärsten argentinischen Vereine immer wieder unrühmliche Schlagzeilen?

SPORT1 begibt sich auf Spurensuche und beleuchtet eine Rivalität, die Anfang des 20. Jahrhunderts ihren Lauf nahm. Damals wurden beide Vereine in La Boca, dem ärmlichen Hafenviertel von Buenos Aires, von italienischen Einwanderern gegründet.

Entscheidungsspiel wegen Vereinsfarben

Die Vereinsfarben riefen damals den ersten Knatsch hervor, denn beide Klubs entschieden sich für Rot und Weiß. Ein Entscheidungsspiel wurde vereinbart, River Plate gewann und spielt bis heute in Rot-Weiß.

Die Boca Juniors stiegen auf Blau und Gelb um. In den 20er Jahren kehrte River Plate La Boca den Rücken und ließ sich in Recoleta nieder, ehe in den 30ern der Umzug ins nicht minder noble Viertel Nunez folgte.

Fortan galten die River-Fans als die Reichen und der Verein erhielt den Spitznamen "Los Millonarios", während die Boca-Anhänger ihr Image als Arbeiterklasse pflegten.

Barrabravas: Spirale der Gewalt

Erfolgreich waren beide Teams, handfeste Auseinandersetzungen zwischen beiden Fanlagern standen damals überhaupt nicht auf der Tagesordnung. Das sollte sich in den 80er Jahren ändern, als die Barrabravas, die Ultras, immer stärker aufkamen.

Offiziell sind die Barrabravas Fanclubs, inoffiziell gut organisierte und gewalttätige Netzwerke, die zudem in illegale Geschäfte verstrickt sind.

Seitdem regieren vor allem um den hochemotionalen Superclasico Hass, Krawalle und Fanatismus. Nicht umsonst sind in Argentinien seit 2013 keine Auswärtsfans mehr in den Stadien erlaubt.

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Den Nährboden für die Gewalt liefert das hochverschuldete Land jedoch selbst. Gerade in Buenos Aires klafft die Schere zwischen Arm und Reich immer mehr auseinander, nehmen Armut und Kriminalität immer bedrohlichere Ausmaße an.

Frust und Wut darüber werden in den Fußball projiziert, wobei auch immer wieder Todesopfer zu beklagen sind.

Im Juni 1968 ereignete sich zudem eines der schlimmsten Stadienunglücke aller Zeiten, als bei einem Duell der Erzrivalen nach einer Massenpanik im Monumental mehr als 70 Menschen ums Leben kamen.

Spanien-Entscheidung sorgt für Kopfschütteln

Die Entscheidung, das Finalrückspiel nun ins Ausland zu verlegen, stößt aber auf nicht viel Gegenliebe. "Komisch, hier in Madrid zu sein", sagte Boca-Präsident Daniel Angelici unmittelbar nach der Landung.

Argentiniens Fußball-Idol Juan Roman Riquelme, früher selbst jahrelang im Boca-Trikot aktiv, schimpfte bei Radio Mitre: "Sie haben es uns weggenommen. Ich denke, das Finale muss in unserem Land gespielt werden." Doch jetzt werde die Partie zum "teuersten Freundschaftsspiel der Geschichte".

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Doch von Freundschaft kann nach den Krawallen vom 24. November keine Rede sein: Mit der Flucht nach Madrid machte sich Südamerikas Verband CONMEBOL auf beiden Seiten keine Freunde.

River Plate legte Einspruch gegen die Entscheidung ein, und auch Angelici versprach ein Nachspiel: "Unsere Einsprüche laufen getrennt vom Finale weiter. Wir werden vor alle Instanzen ziehen."

Doch CONMEBOL-Boss Alejandro Dominguez beschwichtigt: "Wir treffen in Spanien die Neutralität an, die wir gesucht haben. Madrid hat alles, was für die Partie nötig ist. Spanien ist das Land mit der größten argentinischen Gemeinde außerhalb der Heimat. Madrids Flughafen hat die meisten Verbindungen nach Lateinamerika."

Letztlich wies der Verband den Einspruch gegen die Spielverlegung zurück.

Riesenandrang auf Eintrittskarten

Hartgesottene Fans ließen sich unterdessen auch nicht von der langen Reise nach Madrid abschrecken. Binnen weniger Stunden war das komplette Ticket-Kontingent für die Anhängerschar beider Vereine mit jeweils 25.000 Eintrittskarten ausverkauft.

Argentiniens Botschafter Ramon Puerto berichtete aus Spanien, dass bei zwei Fluggesellschaften alle Plätze für Flüge von Buenos Aires nach Madrid "in drei Stunden" ausverkauft gewesen seien.

Für die rund 5000 Sicherheitskräfte in Madrid war der Argentinien-Klassiker schlicht "das Aufeinandertreffen mit dem größten Risiko in der Geschichte der Stadt", wie die Zeitung El Pais schrieb.

Deshalb kamen mehr Polizisten zum Einsatz als beim spanischen Clasico zwischen Real und dem Erzrivalen FC Barcelona, ein Sicherheitsgürtel zwischen den beiden rivalisierenden Fangruppen sollte Ausschreitungen verhindern.

Ausschreitungen in Buenos Aires

Während das Spiel in Madrid ohne weitere Zwischenfälle ablief, spielten in Buenos Aires erneut unschöne Szenen abgespielt.

Während der Siegesfeier kam es zu Krawallen der Riverfans. Wie die argentinische Zeitung Clarin berichtete, attackierten die feiernden Anhänger plötzlich Polizisten, warfen mit Steinen und Flaschen um sich.

Die Beamten waren zu massiven Reaktionen gezwungen. Innerhalb von einer Stunde wurde das gesamte Areal geräumt und der anfangs fröhlichen Party ein Ende gesetzt. Laut Berichten der Polizei wurden zehn Personen festgenommen.

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