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Der Superclasico zwischen River Plate und Boca Juniors elektrisiert seit über 100 Jahren die Massen. SPORT1 erklärt, warum inzwischen Hass und Gewalt im Fokus stehen.

Kein Fußballspiel elektrisiert Argentinien so sehr wie der Superclasico - das Stadtderby zwischen den Boca Juniors und River Plate aus Buenos Aires. 

Zusammen mit dem "Old Firm" in Glasgow und dem "Derbi Madrileno" ist das Spiel wohl die bekannteste "Stadtmeisterschaft" der Welt.

Aber das Spiel ist nicht nur ein Derby. Boca gegen River, das ist auch das Duell zwischen Arm und Reich. Bei den Fans gilt das Derby als Kampf zwischen den sozialen Schichten. Denn während die Anhänger der Boca Juniors ursprünglich vorwiegend der Arbeiterklasse entstammen, gilt River Plate als Klub der Mittel- und Oberschicht.

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SPORT1 begibt sich auf Spurensuche und beleuchtet eine Rivalität, die Anfang des 20. Jahrhunderts ihren Lauf nahm. Damals wurden beide Vereine in La Boca, dem ärmlichen Hafenviertel von Buenos Aires, von italienischen Einwanderern gegründet.

Entscheidungsspiel um die Vereinsfarben

Die Vereinsfarben riefen damals den ersten Knatsch hervor, denn beide Klubs entschieden sich für Rot und Weiß. Ein Entscheidungsspiel wurde vereinbart, River Plate gewann und spielt bis heute in Rot-Weiß.

Die Boca Juniors stiegen auf Blau und Gelb um. In den 20er Jahren kehrte River Plate La Boca den Rücken und ließ sich in Recoleta nieder, ehe in den 30ern der Umzug ins nicht minder noble Viertel Nunez folgte.

Fortan galten die River-Fans als die Reichen und der Verein erhielt den Spitznamen "Los Millonarios", während die Boca-Anhänger ihr Image als Arbeiterklasse pflegten.

Barrabravas: Spirale der Gewalt

Erfolgreich waren beide Teams, handfeste Auseinandersetzungen zwischen beiden Fanlagern standen damals überhaupt nicht auf der Tagesordnung. Das sollte sich in den 80er Jahren ändern, als die Barrabravas, die Ultras, immer stärker aufkamen.

Offiziell sind die Barrabravas Fanclubs, inoffiziell gut organisierte und gewalttätige Netzwerke, die zudem in illegale Geschäfte verstrickt sind.

Seitdem regieren vor allem um den hochemotionalen Superclasico Hass, Krawalle und Fanatismus. Nicht umsonst sind in Argentinien seit 2013 keine Auswärtsfans mehr in den Stadien erlaubt.

Den Nährboden für die Gewalt liefert das hochverschuldete Land jedoch selbst. Gerade in Buenos Aires klafft die Schere zwischen Arm und Reich immer mehr auseinander, nehmen Armut und Kriminalität immer bedrohlichere Ausmaße an.

Frust und Wut darüber werden in den Fußball projiziert, wobei auch immer wieder Todesopfer zu beklagen sind. So wurden nach der 0:2-Niederlage der Boca Juniors im Superclasico 1994 zwei River-Fans ermordet. Die zynische Bemerkung eines vermummten Boca-Anhängers im Fernsehen lautete schlicht: "Empatamos" (Wir haben ausgeglichen). Anschließend war diese Bemerkung als Graffiti in der Stadt zu finden.

Im Juni 1968 ereignete sich zudem eines der schlimmsten Stadienunglücke aller Zeiten, als bei einem Duell der Erzrivalen nach einer Massenpanik im Monumental mehr als 70 Menschen ums Leben kamen.

Erstes argentinisches Finale in der Copa Libertadores

Für den bislang größten Eklat sorgten die Fans von River Plate im Rahmen des Finales um die Copa Libertadores 2018 – dem südamerikanischen Pendant zur Champions League. Ausgerechnet mit River und den Boca Juniors standen sich dort in diesem Jahr erstmals zwei argentinische Vereine gegenüber.

Nach einem 2:2-Unentschieden im Hinspiel sollte das Rückspiel am 24. November im Estadio Monumental für die Entscheidung sorgen.

Nachdem Anhänger der Gastgeber den Mannschaftsbus von Boca bei der Ankunft am Stadion mit Steinen attackiert und mehrere Gäste-Akteure - auch durch von der Polizei eingesetztes Tränengas Verletzungen davongetragen hatten – wurde das Spiel zunächst auf den nächsten Tag verlegt und dann abgesagt.

Verlegung nach Madrid sorgt für Ärger

Aus Angst vor neuerlichen Ausschreitungen entschied sich der südamerikanische Verband CONMEBOL schließlich dafür, dass Spiel erstmals in seiner Geschichte ins Ausland zu verlegen. Nachdem einige europäische Städte ihr Interesse an der Austragung des Superclasicos bekundet hatten, erhielt schlussendlich Madrid den Zuschlag für die Ausrichtung der Partie.

Diese Entscheidung stieß bei den Verantwortlichen der Klubs jedoch nur bedingt auf Gegenliebe. "Komisch, hier in Madrid zu sein", sagte Boca-Präsident Daniel Angelici unmittelbar nach der Landung.

Argentiniens Fußball-Idol Juan Roman Riquelme, früher selbst jahrelang im Boca-Trikot aktiv, schimpfte bei Radio Mitre: "Sie haben es uns weggenommen. Ich denke, das Finale muss in unserem Land gespielt werden." Doch jetzt werde die Partie zum "teuersten Freundschaftsspiel der Geschichte".

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Doch von Freundschaft kann nach den Krawallen vom 24. November keine Rede sein: Mit der Flucht nach Madrid machte sich Südamerikas Verband CONMEBOL auf beiden Seiten keine Freunde.

River Plate legte Einspruch gegen die Entscheidung ein, und auch Angelici versprach ein Nachspiel: "Unsere Einsprüche laufen getrennt vom Finale weiter. Wir werden vor alle Instanzen ziehen."

Doch CONMEBOL-Boss Alejandro Dominguez beschwichtigte: "Wir treffen in Spanien die Neutralität an, die wir gesucht haben. Madrid hat alles, was für die Partie nötig ist. Spanien ist das Land mit der größten argentinischen Gemeinde außerhalb der Heimat. Madrids Flughafen hat die meisten Verbindungen nach Lateinamerika."

So wies der Verband den Einspruch gegen die Spielverlegung letztendlich zurück.

Fanliebe die seinesgleichen sucht

Doch selbst von den mehr als 10.000 Kilometern Entfernung zwischen beiden Städten ließen sich die heißblütigen und hartgesottenen Fans nicht abhalten.

Binnen weniger Stunden war das komplette Ticket-Kontingent für die Anhängerschar beider Vereine mit jeweils 25.000 Eintrittskarten ausverkauft.

Argentiniens Botschafter Ramon Puerto berichtete aus Spanien, dass bei zwei Fluggesellschaften alle Plätze für Flüge von Buenos Aires nach Madrid "in drei Stunden" ausverkauft gewesen seien.

Für die rund 5000 Sicherheitskräfte in Madrid war der Argentinien-Klassiker schlicht "das Aufeinandertreffen mit dem größten Risiko in der Geschichte der Stadt", wie die Zeitung El Pais schrieb.

Deshalb kamen mehr Polizisten zum Einsatz als beim spanischen Clasico zwischen Real und dem Erzrivalen FC Barcelona, ein Sicherheitsgürtel zwischen den beiden rivalisierenden Fangruppen sollte Ausschreitungen verhindern.

Ausschreitungen überschatten Siegesfeier in Buenos Aires

Letztendlich setzte sich River Plate trotz frühem 0:1-Rückstand mit 3:1 nach Verlängerung durch und feierte damit den 82. Sieg im direkten Duell der beiden Rivalen.

Während das Spiel in Madrid ohne weitere Zwischenfälle ablief, spielten sich in Buenos Aires erneut unschöne Szenen ab.

Während der Siegesfeier kam es zu Krawallen der River-Fans. Wie die argentinische Zeitung Clarin berichtete, attackierten die feiernden Anhänger plötzlich Polizisten, warfen mit Steinen und Flaschen um sich.

Die Beamten waren zu massiven Reaktionen gezwungen. Innerhalb von einer Stunde wurde das gesamte Areal geräumt und der anfangs fröhlichen Party ein Ende gesetzt. Laut Berichten der Polizei wurden zehn Personen festgenommen.

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