Lesedauer: 6 Minuten
teilenE-MailKommentare

München - Der schon lang als eigentlich fix vermeldete Mega-Fight Anthony Joshua vs. Tyson Fury hat noch immer kein Datum und keinen Ort. Woran hakt der Poker wirklich?

Anthony Joshua verweigerte sich dem üblichen Drehbuch - so konsequent, dass es auch schon wieder nach Inszenierung roch.

Markige Sprüche? Ließ er sich unmittelbar nach dem K.o.-Sieg über Kubrat Pulev in London nicht entlocken. "Ich möchte jetzt eigentlich gar kein Interview geben", sagte der britische Schwergewichts-Weltmeister.

Während Landsmann Tyson Fury schon kurz nach dem Fight bei Instagram seine standardmäßige Pöbel-Attacke auf Joshua hochlud, gab Joshua den Box-Gentleman, der über den Dingen schwebt.

Anzeige

Der Kampf Joshua vs. Pulev im Re-Run auf DAZN | ANZEIGE

"Im Boxen geht es ums Kämpfen, weniger ums Reden", sagte der 31-Jährige. Dass das nur die halbe Wahrheit ist und es gerade im Boxen ganz besonders viel ums Reden geht, weiß Joshua eigentlich. Aber womöglich überlässt er den Trash-Talk über den anvisierten Mega-Fight gegen WBC-Champion Fury bewusst seinem extrovertierten Rivalen - um den Kontrast der Charaktere auszuarbeiten.

Auch interessant

Wann und wo steigt nun jedoch das heiß ersehnte Titelvereinigungsduell der Klitschko-Bezwinger, das schon vor einem halben Jahr als fix vermeldet worden war, aber immer noch nicht offiziell angesetzt ist? Inzwischen hat der mit Joshua verbundene Promoter Eddie Hearn in Aussicht gestellt, "in ein paar Tagen" vollendete Tatsachen zu vermelden. Warum die lange Hängepartie? Woran hakte und hakt der Poker, scheitert das Duell doch noch an Spielchen der einen oder anderen Seite? SPORT1 gibt einen Überblick über die Lage.

- Die Lage bei Anthony Joshua:

Ein Jahr und fünf Tage vor dem Pulev-Fight hatte "A.J." sich seine vorher sensationell verlorene Gürtelsammlung von Andy Ruiz zurückgeholt, gegen die beherzt agierende "Cobra" verteidigte Joshua nun die Titel der Verbände WBA, IBF, WBO und IBO. Und er bewies, dass die durch Corona bedingte Kampfpause ihn nicht aus dem Konzept gebracht hat.

Mit Pulev, der als Pflichtherausforderer der IBF zu seiner Chance kam, räumte Joshua ein Hindernis auf dem Weg zu Fury aus dem Weg, es gibt jedoch ein weiteres: Der frühere Cruisergewichts-Dominator Oleksandr Usyk - zuletzt siegreich gegen Dereck Chisora - ist noch immer Pflichtherausforderer der WBO. Joshua muss den Fury-Kampf deshalb womöglich zurückstellen oder den WBO-Gürtel niederlegen.

Joshua hofft, beide Szenarien vermeiden zu können: "Ich kämpfe zuerst gegen Fury, wenn ich muss. Aber ich finde, die Verantwortlichen sollten den Pflichtkampf aussetzen, wenn eine Titelvereinigung im Raum steht", sagte er vor dem Pulev-Kampf bei DAZN.

Ob die WBO das tut, ist eine politische Frage, die Antwort schwer abzuschätzen mit Blick auf die oft verworrene Interessenlage hinter den Kulissen der Verbände. Am Sonntag twitterte WBO-Präsident Paco Valcárcel in Richtung Hearn, dass er "die Bedeutung des Wortes Verpflichtung kenne, der Ball liegt in seinem Feld".

- Die Lage bei Tyson Fury:

Seit dem WM-Triumph über Deontay Wilder im Februar stand der 32-Jährige nicht mehr im Ring. Sein Pflichtherausforderer Dillian Whyte verspielte seine WM-Chance mit einer Niederlage gegen Alexander Povetkin, die WBC gab Fury danach vorerst freie Hand für seinen nächsten Kampf.

Ein geplantes Aufbauduell gegen den Deutschen Agit Kabayel aus dem SES-Stall im Dezember zerschlug sich aber ebenso. Furys Management um Promoter Frank Warren wollte das Comeback hinauszögern, bis es wieder mehr zahlende Zuschauer vor Ort erleben können.

Das Interesse an einem dritten Kampf gegen Wilder scheint Fury auch verloren zu haben. Er behauptet, dass ein entsprechender Deal zwischen den beiden hinfällig geworden sei, Wilder das Gegenteil - Ausgang ungewiss. Hearn rechnet nach eigenen Angaben damit, dass Fury tatsächlich frei ist, der für Furys US-Geschäft zuständige Bob Arum "kenne seine Verträge".

Vor der Pandemie deutete sich auch noch ein weiteres Wrestling-Gastspiel von Fury an, nach seinem WWE-Showkampf gegen Braun Strowman soll ein weiterer gegen Champion Drew McIntyre vereinbart sein - ob vor oder nach Joshua, ist ebenfalls unklar.

Joshua - Fury: Wann und wo könnte der Kampf steigen?

Die Lager der beiden Champs sollen sich im Grundsatz einig über zwei Kämpfe einig sein, Hearn spricht nun davon, dass er Joshua - Fury I "Ende Mai" anvisiert.

Ob der Zeitplan eingehalten wird, hängt an den schon genannten Faktoren, vor allem wohl aber auch an der Pandemie-Lage und der Frage, wo und wann beide Parteien eine Bühne finden, die unter diesen Umständen einen würdigen Rahmen und einen großen Zahltag bieten kann, mit mehr als 1000 Zuschauern wie bei Joshua - Pulev in London.

Der erste Kampf wird voraussichtlich in Dubai, Katar oder Saudi-Arabien stattfinden. Die naheliegende Variante für die beiden Kämpfe, ein großes England-Heimspiel im Wembley-Stadion oder einer anderen Großarena, soll dann für den Rückkampf anvisiert sein.

Bereits geklärt ist ein anderer, oft heikler Streitpunkt: Die Kampfbörse soll beim ersten Fight 50:50 aufgeteilt werden, im Gespräch sind demnach 100 Millionen Pfund jeweils. Der Sieger im Rematch soll sogar 60 Prozent einstreichen. "Die einzige Sache, die geklärt werden muss, ist, an welchem Ort der Kampf stattfinden wird und ein paar TV-Probleme", sagte Hearn - Fury und Wilder stehen sowohl in England als auch in den USA mit rivalisierenden Anbietern unter Vertrag.

Was bleibt ist die Frage, ob die Box-Fans befürchten müssen, dass einer der beiden doch noch einen Rückzieher macht. An sich ist das nicht auszuschließen, beide riskieren in dem Duell ihren sportlichen Nimbus und ihren Marktwert.

Zumindest ein Hinauszögern des Showdowns könnte daher immer noch ein unausgesprochenes Bedürfnis beider Lager sein. Andererseits reden beide mittlerweile schon so lange und so konkret von ihrem Wunsch, den Kampf und alle Titel zu wollen, dass eine weitere Hängepartie ihrem Ruf auch schaden wird.

Beide Seiten beteuern, dass der Kampf an ihnen nicht scheitern soll. Und dass im Fall X nur die andere schuld sein kann.

Interessantes Detail bei den jüngsten Ausführungen von Hearn: Er führte beiläufig den Plan B aus für den Fall aus, dass Fury doch erst gegen Wilder ranmuss: Joshua werde dann den Kampf gegen Usyk annehmen. Ein Szenario, das den Fury-Joshua-Kampf unter den angedachten Bedingungen doppelt gefährden würde: Sowohl Wilder als auch Usyk sind Herausforderer, denen alles zuzutrauen ist.

Nächste Artikel
previous article imagenext article image