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Dompé? "Es war verantwortungslos, was er getan hat"

„Verantwortungslos, was er getan hat“

Claus Costa ist seit der Trennung von Stefan Kuntz der sportlich Hauptverantwortliche des HSV. Mit SPORT1 spricht er über seine neue Rolle, die Situation von Jean-Luc Dompé, über Luka Vuskovic und die Diskrepanz zwischen Heim- und Auswärtsspielen.
Der Hamburger SV hat Jean-Luc Dompé vorerst suspendiert. Der HSV-Star sorgte bei den Rothosen für einen Eklat, weil er alkoholisiert in den Straßenverkehr eingriff. Trainer Merlin Polzin muss auf der PK mehrere Fragen zu diesem Thema beantworten.
Claus Costa ist seit der Trennung von Stefan Kuntz der sportlich Hauptverantwortliche des HSV. Mit SPORT1 spricht er über seine neue Rolle, die Situation von Jean-Luc Dompé, über Luka Vuskovic und die Diskrepanz zwischen Heim- und Auswärtsspielen.

Sportlich schrieb der Hamburger SV zuletzt viele positive Schlagzeilen. Das 2:2 gegen den FC Bayern München im Volksparkstadion war das jüngste Highlight. Doch es gab auch viel Unruhe im Verein. Ende Dezember wurde die Trennung von Stefan Kuntz bekanntgegeben. Der Vorwurf der sexuellen Belästigung steht im Raum. In der vergangenen Woche kam heraus, dass Unterschiedsspieler Jean-Luc Dompé unter Alkoholeinfluss Auto fuhr. Der Verein suspendierte ihn bis auf Weiteres vom Spielbetrieb.

Claus Costa, Sportdirektor des HSV, blickt auf arbeitsreiche Tage zurück. Der 41-Jährige musste inmitten dieser Nebenschauplätze mehrere Transfers abwickeln, sodass der HSV weiterhin gute Chancen hat, das Saisonziel Klassenerhalt zu erreichen. Nach Ende der Transferperiode setzte er sich mit SPORT1 im Volksparkstadion zusammen und zog eine Bilanz.

SPORT1: Hand aufs Herz, Herr Costa – hatten Sie damit gerechnet, dass Ihre Mannschaft am vergangenen Samstagabend mit dem 2:2 gegen den FC Bayern München ein solch starkes Spiel abliefert?

Claus Costa: Rückblickend ist es leicht zu sagen, zu hundert Prozent. Ich habe großes Vertrauen in die Mannschaft, in die Qualität unseres Kaders und in die Arbeit unseres Trainerteams. Diese Kombination war für mich entscheidend. Wenn ich an den Volkspark denke, dann gilt bei uns: Im Volksparkstadion ist vieles möglich, manchmal auch das scheinbar Unmögliche. Merlin hat das unter der Woche mehrfach betont. Wir waren überzeugt, dass wir Bayern die Stirn bieten können. Dazu braucht es natürlich auch immer einen passenden Spielverlauf, etwas Matchglück und eine herausragende Leistung – all das kam an diesem Abend zusammen.

SPORT1: Bayern war nach dem Spiel lautstark mit der Schiedsrichterleistung unzufrieden. Wie haben Sie die Diskussion wahrgenommen?

Costa: Im Hinspiel war kein Bayern-Spieler mit dem Schiedsrichter unzufrieden – diesmal offenbar schon. Das zeigt immerhin, dass wir sie sportlich deutlich mehr geärgert haben. Ich möchte im Nachgang aber gar nicht mehr viel zum Schiedsrichter sagen. Wichtiger ist mir, dass wir uns das Unentschieden sportlich hart erarbeitet haben – und zwar fair. Das steht für mich im Vordergrund.

Costa: „Im Volksparkstadion ist so viel Energie“

SPORT1: Der HSV ist sehr heimstark, belegt dafür aber in der Auswärtstabelle den letzten Platz. Wie ist das zu erklären?

Costa: Wir spielen als Aufsteiger in der Bundesliga. Nach sieben Jahren Zweitklassigkeit gab es einen großen Umbruch im Kader, viele neue Gesichter, viel Anpassung. Da ist es völlig normal, dass man sich zu Hause leichter tut. Im Volksparkstadion ist so viel Energie, so viel Positivität, das trägt die Mannschaft. Natürlich arbeiten wir daran, auch auswärts stabiler zu werden. Wir sind akribisch in der Analyse, das Trainerteam um Merlin Polzin hat die Jungs intensiv auf Heidenheim vorbereitet. Im Pokal haben wir dort ein gutes Spiel abgeliefert. Ich würde nicht die Auswärtsschwäche hervorheben, sondern die Heimstärke betonen.

SPORT1: In Heidenheim steht der Gegner tabellarisch noch mehr unter Druck als der HSV. Was erwarten Sie für ein Spiel?

Costa: Heidenheim darf man und werden wir keinesfalls unterschätzen. Viele reduzieren sie auf Kampf und Intensität, aber sie haben auch spielerische Qualität. Man sieht das, wenn man ihr Spiel mit Ball analysiert – da steckt eine klare Idee dahinter. Das ist die Handschrift von Trainer Frank Schmidt: Energie, Bedingungslosigkeit, taktische Disziplin. Diese Mischung macht es jedem Gegner schwer, dort etwas mitzunehmen. Selbst Dortmund hat sich zuletzt im Heimspiel gegen Heidenheim schwergetan. Uns erwartet also eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, der wir uns bewusst sind.

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SPORT1: Der HSV musste gerade eine Geldstrafe von 503.400 Euro für das unsportliche Verhalten der Fans bezahlen – vor allem für Pyrotechnik. Tut so etwas in der Winter-Transferperiode besonders weh?

Costa: Über Geldstrafen freut sich niemand. Das ist kein spezifisches HSV-Thema, sondern betrifft viele Vereine. Ehrlich gesagt war das zuletzt aber nicht der Punkt, mit dem ich mich am meisten beschäftigt habe. Die zurückliegenden Wochen hatten genug andere Schwerpunkte – sportlich wie organisatorisch.

„Es war verantwortungslos, was er getan hat“

SPORT1: Dann reden wir über diese Schwerpunkte. Ein schwieriges Thema war zuletzt der Fall Jean-Luc Dompé, der wegen Trunkenheit am Steuer angezeigt wurde. Denkt man sich als Verantwortlicher nicht im ersten Moment: Das kann doch nicht wahr sein?

Costa: Natürlich, klar, logisch.

SPORT1: Er wurde vom Spielbetrieb suspendiert und bekam eine sechsstellige Geldstrafe vom Verein aufgebrummt, wird nun aber wieder in das Training integriert. Was sagte Dompé rückblickend selber über diesen Vorfall?

Costa: Es war verantwortungslos, was er getan hat – das weiß er selbst. Jean-Luc hat mir und dem gesamten Verein gegenüber tiefe Reue gezeigt. Er hat sich entschuldigt – bei mir, bei der Mannschaft, den Mitarbeitern und bei den Fans. Er akzeptiert die Konsequenzen, sowohl vereinsintern als auch die behördlichen. Jetzt liegt es an ihm, wieder das richtige Verhalten zu zeigen und den Weg zurück in die Gruppe zu finden.

SPORT1: Wie geht man intern mit so einem Fall um? Braucht Dompé einfach nur eine Strafe – oder eher Hilfe?

Costa: Das ist das Thema, das auch ihn selber in den vergangenen Tagen sehr beschäftigt hat. Jean-Luc ist kein junger Spieler mehr (30 Jahre alt, Anm. d. Red.). Ihm muss die Tragweite seines Handelns bewusst sein. Er hat die Konsequenzen erfahren. Und damit ist der nächste Schritt, sich wieder richtig zu präsentieren und sportlich zurückzukommen.

Das sagt Costa zur Causa Kuntz

SPORT1: Nach den Schlagzeilen um Stefan Kuntz im Dezember und jetzt um Dompé – wie geht der HSV intern mit solchen Themen um?

Costa: Klar, diese Schlagzeilen sind nichts, worüber man sich freut. Aber wir haben intern ein Credo entwickelt: Wir richten den Fokus auf die Dinge, die wir beeinflussen können. Alles andere ordnen wir sachlich ein und entscheiden konsequent. Das gilt im Sport wie im Management. Wir bleiben geschlossen, konzentrieren uns auf unsere Aufgabe – und das Spiel gegen Bayern hat gezeigt, dass die Mannschaft sich von äußeren Themen nicht beirren lässt. Das ist unser Weg, um den HSV zu schützen und sportlich stark zu bleiben.

SPORT1: Wie hat sich Ihr Aufgabenfeld in der Transferphase verändert, nachdem Stefan Kuntz den Verein verlassen hat?

Costa: Ehrlich gesagt: kaum. Die tägliche operative Arbeit im Transferwesen war schon immer Teamarbeit. Natürlich fehlt mit Stefan ein Ansprechpartner im Sport, aber Eric Huwer (Vorstand der HSV Fußball Management AG, Anm.d.Red.) ist sehr nah dran, wir arbeiten eng zusammen. Die Kommunikation mit der Scoutingabteilung, die Vorbereitung von Entscheidungen, die Abstimmung mit dem Trainerteam – das läuft wie zuvor. Die Verantwortung trage ich im operativen Tagesgeschäft gemeinsam mit dem Trainerteam, da hat sich nichts Grundlegendes geändert.

SPORT1: Wie gehen Sie persönlich mit der Situation rund um Stefan Kuntz um? Schließlich haben Sie lange eng zusammengearbeitet …

Costa: Ich habe mit Stefan professionell zusammengearbeitet. Vieles zu diesem Thema ist bereits gesagt worden, ich möchte das nicht neu bewerten. Für mich zählt vor allem: Mein Arbeitgeber ist der HSV. Ich empfinde es als Privileg, für diesen Club arbeiten zu dürfen, und ordne dem alles unter. Ich versuche jeden Tag, alles reinzuhauen für den Verein. Das macht unfassbar viel Spaß. Alles andere ist nicht in meinem Einflussbereich.

Bleibt Luka Vuskovic länger beim HSV?

SPORT1: Leihspieler Luka Vušković begeistert derzeit ganz Fußball-Deutschland. Sind Sie selber überrascht, dass er mit 18 Jahren so stark aufspielt?

Costa: Eigentlich nicht. Wir kannten Luka schon lange über seinen Bruder Mario. Wir haben ihn schon seit mehreren Jahren beobachtet. Ich erinnere mich an ein Spiel in Belgien, da war er mit 17 Jahren schon der Anführer in der Abwehr. Er kommunizierte, dirigierte, sprach mit dem Schiedsrichter – das merkt man sofort. Uns war bei seiner Verpflichtung klar, dass wir keine Kaufoption bekommen würden, weil sein Potenzial außergewöhnlich ist. Aber wir wollten ihn unbedingt, weil wir von seiner Sofortqualität überzeugt waren. Dass er diese Erwartungen so konstant erfüllt, bestätigt lediglich unsere Überzeugung. Überraschend ist vielleicht nur, dass er so konstant auf diesem hohen Niveau performt.

SPORT1: Sein Stammklub Tottenham Hotspur dürfte ihn im Sommer zurückholen wollen, wenn er so groß aufspielt. Träumen Sie trotzdem von einer weiteren Saison mit ihm?

Costa: Wir haben jetzt erst Anfang Februar und genießen jeden Tag, an dem er bei uns ist. Luka spürt bei uns den maximalen Rückhalt, die Beziehung zwischen ihm, dem Verein und unseren Fans ist etwas Besonderes. Natürlich wissen wir, dass wir nicht die Einzigen sind, die sehen, wie stark er spielt. Es wird ihm nicht an Möglichkeiten mangeln. Aber sollte sich für uns eine Möglichkeit ergeben, dass er noch ein Jahr bei uns bleibt, hätten wir natürlich nichts dagegen.

„Große Hoffnung, dass Mario wieder wichtig für uns wird“

SPORT1: Sein Bruder Mario darf ab November wieder spielen, nachdem er vier Jahre wegen einer strittigen Doping-Probe gesperrt war. Wie realistisch ist es, dass er auf dem hohen Profi-Niveau wieder funktionieren wird?

Costa: Ich traue ihm alles zu. Ich kenne Mario und seine Familie. Wer diese schwere Zeit so übersteht wie er, bringt ein außergewöhnliches Mindset mit. Er war vorher einer der besten Innenverteidiger der 2. Liga, besessen von seiner Entwicklung, vom Spiel, vom Training. Wenn jemand es schafft, nach so einer langen Zeit zurückzukommen, dann er. Ich will keine falschen Erwartungen wecken, aber ja – ich habe große Hoffnung, dass Mario wieder wichtig für uns wird.

SPORT1: Sie haben kurz vor Transferschluss mit Philip Otele und Albert Grønbaek zwei neue Spieler für die Offensive verpflichtet. Was für einen Impuls erwarten Sie von den beiden Neuzugängen?

Costa: Philip ist im Rhythmus, hat in Basel regelmäßig gespielt und ist auch in der Europa League zum Einsatz gekommen, er hat Tore und Assists gesammelt. Wir sind davon überzeugt, dass er sofort Impulse in unserer Offensive setzen kann. Albert hatte eine längere Phase ohne umfangreiche Spielpraxis, aber er bringt enormes Potenzial mit. Wenn er bei uns wieder Freude und Vertrauen findet, kann er schnell zu einer echten Verstärkung werden. Er kennt einige Spieler bereits aus früheren Stationen, hat mit Yussuf Poulsen für die dänische Nationalmannschaft gespielt und war der Nachbar von Warmed Omari – das erleichtert sein Ankommen.

SPORT1: Dem HSV sind bereits im Sommer einige beachtliche Transfers gelungen. Über Vušković haben wir bereits gesprochen, Fábio Vieira wurde vom FC Arsenal ausgeliehen – und Albert Sambi Lokonga sogar fest verpflichtet. Wie ist es gelungen, so einen außergewöhnlichen Spieler wie Lokonga für relativ wenig Geld – in den Medien wird die Ablöse auf rund 300.000 Euro geschätzt – zu verpflichten?

Costa: Sambi verfolgen wir seit Jahren. Bei Arsenal, Anderlecht, zuletzt Sevilla – das sind Stationen, die für Bundesliga-Aufsteiger sonst unerreichbar sind. Aber im Fußball geht es oft um Timing. Nach mehreren Leihen wollte Sambi wieder irgendwo ankommen, eine feste sportliche Heimat finden. Als sich diese Chance auftat, waren wir überzeugt: Das ist der Spieler, auf den es sich zu warten lohnt. Unsere Scoutingabteilung hat Sambi eng begleitet, wir haben Geduld bewiesen – und am Ende kam alles für uns zusammen. Natürlich war auch Sambis klares Commitment entscheidend, dass er unbedingt zum HSV wollte. Das ehrt uns sehr.