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Kuntz: So gelang uns das Türkei-Wunder

Kuntz: So gelang uns das Türkei-Wunder

Stefan Kuntz schafft es mit der Türkei auf den letzten Drücker doch noch in die Playoffs zur WM. Im SPORT1-Interview erklärt er, was die Schlüssel zum Erfolg sind und wie seine tägliche Arbeit abläuft.
Stefan Kuntz hat am Montag den Vertrag als neuer Nationaltrainer der Türkei unterschrieben. Der ehemalige U-21-Trainer des DFB blickt voller Tatendrang auf seine anstehende Aufgabe voraus.
Martin Quast
Martin Quast
von Martin Quast

Er ist das Gesicht für den neuerlichen Aufschwung der türkischen Nationalmannschaft: Stefan Kuntz.

Als er im September das schwierige Amt übernahm, lag der türkische Fußball am Boden. (NEWS: Alles Wichtige zur WM-Qualifikation)

Nach der 1:6-Niederlage in den Niederlanden glaubte niemand mehr an eine mögliche Teilnahme der Türkei bei der WM. Doch dann kam Kuntz. Er gewann mit seinem Team drei der letzten vier Spiele, ist noch ungeschlagen und qualifizierte sich so doch noch für die Playoffs zur WM.

Wie er diese Mammutaufgabe bewältigt hat, wie seine tägliche Arbeit aussieht und welchen Gegner er sich in den Playoffs auf keinen Fall wünscht, verrät der ehemalige U21-Nationaltrainer im Gespräch mit SPORT1.

SPORT1: Herr Kuntz, haben Sie nach dem Sieg in Montenegro noch einen kleinen türkischen Tee getrunken?

Stefan Kuntz: (lacht) Wir sind am Dienstag noch zurückgeflogen.

SPORT1: Nach Istanbul oder nach Deutschland?

Kuntz: Nach Istanbul, wo wir um 5 Uhr Ortszeit gelandet und glücklich auseinander gegangen sind. Beim Präsidenten, den Vorstandsmitgliedern, Hamit Altintop als Sportdirektor, der Mannschaft, dem Staff und natürlich beim Trainerteam war die Erleichterung groß. Es ist schöner, jetzt gespannt auf die Auslosung der Playoffs im März zu warten, als Freundschaftsspiele für diesen Zeitraum planen zu müssen. (Ex-BVB-Star: So hat Kuntz die Türkei erobert)

Kuntz: Das Lettland-Spiel hat uns zusammengeschweißt

SPORT1: Wie haben Sie es geschafft, der Mannschaft neues Leben einzuhauchen?

Kuntz: Wichtig ist die Kommunikation. Wir haben bei der Auswahl der Spieler ein relativ großes Netzwerk in Anspruch genommen. Co-Trainer Kenan Kocak hilft unwahrscheinlich viel, er hat praktisch mit jedem türkischen Trainer telefoniert, weil nicht alle Englisch sprechen und ich dann nicht alle anrufen kann, um Informationen zu bekommen. Wir haben von Anfang an ein gutes Team zusammen gehabt, in dem durch das 2:1 in Lettland etwas zusammengewachsen ist, was du nicht erklären kannst.

SPORT1: Vor allem nach so einem Sieg in der 98. Minute …

Kuntz: Genau. Spielerisch nähern wir uns Stück für Stück an und jetzt paart sich das. Teamgeist, die Spielidee, die verinnerlicht wird, ein bisschen mehr Selbstvertrauen und natürlich auch eine ganz kleine Welle, die man jetzt schon mit aufgenommen hat. (DATEN: Tabellen der WM-Qualifikation)

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SPORT1: In Ihrer Mannschaft sind einige Spieler dabei, die in Deutschland geboren wurden oder hier gespielt haben. Wie nützlich sind deren Deutschkenntnisse für Ihre Zusammenarbeit mit dem Team?

Kuntz: Das ist natürlich schon hilfreich. Serdar Dursun zum Beispiel (letzte Saison Zweitliga-Torschützenkönig für Darmstadt 98, Anm. d. Red.), Mert Müldür, Kaan Ayhan, Kenan Karaman, Hakan Calhanoglu, da ist das Verständnis top. Oder Caglar Söyüncü, der aus seiner Zeit beim SC Freiburg auch ganz gut Deutsch versteht. Ozan Kabak auch, als er noch mit dabei war. Wir haben als Erstmaßnahme mit Kenan (Kocak, Anm. d. Red.) als reinen Übersetzer gearbeitet, das war für ihn aber zu viel. Dann haben wir mit unserem Übersetzer Semih aus dem Ruhrpott einen Dolmetscher gefunden, der das jetzt erstmal gemacht hat. Das klappt viel besser und dadurch ist Kenan viel freier und kann sich mehr um seine Trainerarbeit kümmern. Dieses zusammengewürfelte Team mit Jan-Moritz (Lichte, d. R.) und Kenan hat direkt zusammengefunden, eben weil wir auch alle deutsch sprechen. Nur wenn es ein bisschen ans Eingemachte geht, sprechen Hakan, Mert, Kenan und Serdar doch lieber Türkisch mit Kenan, weil sie die Dinge dann ein bisschen besser beschreiben können, wenn es um Gefühle oder ähnliches geht.

„Italien muss es nicht unbedingt sein“

SPORT1: Am 26. November werden die Paarungen für die Playoffs gezogen. Auf welche Teams könnten Sie treffen? (So funktionieren die Playoffs zur WM 2022)

Kuntz: Es sind zwölf Mannschaften und es gibt eine gesetzte Gruppe und eine nicht-gesetzte Gruppe - wir sind leider in der nicht-gesetzten Gruppe. Es werden zunächst zwei gesetzte und zwei nicht-gesetzte Teams gezogen. Also zum Beispiel Portugal gegen die Türkei und Italien gegen Polen. Fest steht für dieses Spiel in jedem Fall, dass wir auswärts antreten müssen. Dann werden diese beiden Halbfinals gespielt und die jeweiligen Gewinner spielen das Finale. Der Sieger daraus fährt mit zur WM. (DATEN: Spielplan und Ergebnisse der WM-Qualifikation)

SPORT1: Haben Sie einen Wunschgegner oder eine Mannschaft, die Sie lieber aus dem Weg gehen wollen? Italien vielleicht?

Kuntz: Genau, Italien muss es nicht unbedingt sein.

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SPORT1: Die Türkei ist seit jeher ein fußballverrücktes Land. Wie äußert sich das?

Kuntz: Es gibt einen extremen Klub-Kult mit Fenerbahce, Galatasaray, Besiktas und Trabzonspor. Da interessiert sich jeder erstmal nur für den Klub. Das Interesse an der Nationalmannschaft ist durch das letzte halbe Jahr, das nicht so erfolgreich war, ein bisschen abgeflacht. Aber es wird natürlich extrem viel berichtet und darüber geschrieben. Wir müssen noch ein bisschen Vertrauen zurückgewinnen und die Leute für uns begeistern, damit demnächst im Stadion wieder volle Hütte ist.

SPORT1: Hätten Sie sich den Start mit drei Siegen und einem Unentschieden so vorgestellt? Ein Remis gegen den direkten Konkurrenten Norwegen war ja auch schon ein Erfolg. (Türkei feiert Magier Kuntz)

Kuntz: Ja, das war das allererste Spiel. Ich glaube, dass wir heute auch nochmal bessere Chancen hätten. Es ist mehr als überragend, es ist richtig überwältigend, weil wir authentisch bleiben können und schon einen guten Zugang gefunden haben. Es ist immer gut, wenn du das als Abschluss eines Jahres hast und so ins neue Jahr starten kannst.

U21 für Kuntz weiter präsent

SPORT1: Wie können Sie sich vor Ort bewegen? Geht das einigermaßen?

Kuntz: Was in Deutschland noch gebaut wird, nämlich die Akademie, hat der TFF ja schon - und die ist ziemlich abgelegen am Rande von Istanbul. Da verbringe ich eigentlich meine ganze Zeit, weil ich hier ein wunderschönes kleines Appartement und Zugang zu allem habe. Zwei oder drei Mal bin ich abends mal zum Essen nach Istanbul gefahren, aber durch die Stadt gelaufen bin ich noch nicht, dafür hatte ich noch keine Zeit. Es würde auch komisch aussehen, wenn du erst Sightseeing und dann die Spiele machst.

SPORT1: Verfolgen Sie aus der Ferne noch die Spiele der deutschen U21? Wie sehr zittern Sie noch mit?

Kuntz: Ich habe in der zweiten Halbzeit gegen Polen reinschauen können, in dieses Nebelspiel. Das haben wir bei uns dann im Trainerzimmer auf den großen Fernseher gestreamt. Axel (Busenkell, Athletiktrainer, d. Red.), Kenan und Jan-Moritz kennen auch alle Spieler und fiebern entsprechend mit. Beim Spiel gegen San Marino (4:0 für die DFB-Elf, d. R.), die ich ja im Hinspiel noch erlebt habe, war ich sicher, dass ich es nicht unbedingt angucken muss, damit Deutschland gewinnt. Aber der Austausch mit dem ganzen Team ist da – mit dem Staff, Toni Di Salvo und den Jungs sowieso.

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SPORT1: Wie sieht Ihr Plan bis Weihnachten aus?

Kuntz: Die Auslosung für die Playoffs sind am 26. November, dann ist glaube ich, Anfang Dezember schon die Auslosung für die nächste Nations League. Irgendwann stehen für mich dann logischerweise auch mal die Vereinsbesuche an, um meine Trainerkollegen in der Türkei kennenzulernen. Die Spieler sind teilweise auch in Europa verteilt, in England, Spanien, Italien und Frankreich – es wird also immer eine Mischung aus daheim und unterwegs sein.

SPORT1: Haben Sie denn irgendwann auch mal Zeit abzuschalten oder ist das so ein Abenteuer, bei dem Sie alles aufsaugen? Sie sind doch garantiert wie immer mit Feuer und Flamme dabei…

Kuntz: Ja, das stimmt. Das Jahr 2021 hatte sehr viel Intensität: die Gruppenspiele der U21-EM in Ungarn im März, das Finalturnier der Europameisterschaft im Juni, danach direkt nach Tokio zu Olympia, danach sofort der neue Jahrgang bei der U21 mit den Spielen in San Marino und Lettland. Und dann der Jobwechsel in die Türkei. Wenn jetzt mal ruhigere Tage kommen, bin ich nicht böse. (lacht)

SPORT1: Und Weihnachten dann in der Heimat in Neunkirchen unter dem Baum?

Kuntz: Ja klar, daheim mit den Enkeln.

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