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Handball-EM: Sie wissen nicht, was auf sie zukommt

Sie wissen nicht, was auf sie zukommt

Die Rollen sind vor dem EM-Finale klar verteilt. Weltmeister und Olympiasieger Dänemark trifft vor heimischer Kulisse auf Deutschland. Doch (mindestens) fünf Punkte sollten dem DHB-Team Mut machen.
Die deutsche Handball-Nationalmannschaft steht im EM-Finale gegen Gastgeber Dänemark. Dort wird der dänische Heimvorteil wohl auch ein Thema für die DHB-Stars.
Die Rollen sind vor dem EM-Finale klar verteilt. Weltmeister und Olympiasieger Dänemark trifft vor heimischer Kulisse auf Deutschland. Doch (mindestens) fünf Punkte sollten dem DHB-Team Mut machen.

Ein letztlich klarer 31:26-Erfolg in der Hauptrunde, ein 40:30 bei der WM vor einem Jahr und eine besonders bittere 39:26-Abreibung im August 2024 im olympischen Finale – für die deutschen Handballer war in der jüngeren Vergangenheit gegen Dänemark gar nichts zu holen.

Für den letzten deutschen Sieg in einem Pflichtspiel muss man sogar bis ins Jahr 2016 zurückgehen, als sich Deutschland auf dem Weg zum EM-Titel in Polen in der Hauptrunde mit 25:23 gegen das Nachbarland durchsetzte. Seitdem dominiert Dänemark die Handball-Welt fast nach Belieben. Nur der verflixte EM-Titel fehlt noch, um gleichzeitig die drei großen Trophäen des Sports innezuhaben. Doch es gibt gute Gründe, warum das Pendel tatsächlich Richtung Deutschland ausschlagen könnte.

Handball-EM: Dänemark weiß nicht, was kommt

Sechs Siege bei der EM und mindestens genauso viele Unterschiedsspieler! Das deutsche Team schaffte es Spiel für Spiel, einen neuen Matchwinner aus dem Hut zu zaubern! Mal war es Miro Schluroff, der mit seinen Geschossen aus dem Rückraum die Partie für Deutschland entschied, mal sprang Marko Grgic in die Bresche. Weltklasse-Torhüter Andreas Wolff ist sowieso über jeden Zweifel erhaben.

Gegen Frankreich lieferte dann der vorher sehr mit sich hadernde Juri Knorr ab und brachte seine ersten zehn Würfe im gegnerischen Tor unter. Im Halbfinale gegen Kroatien veranstaltete Justus Fischer seine persönliche Block-Party und sorgte bereits im gesamten Turnier für wertvolle Entlastung für den Kapitän und Dauerspieler am Kreis, Johannes Golla. Die Liste ließe sich fortsetzen.

„Ich bin - und das sage ich mit riesigem Respekt - ein bisschen überrascht, wie gut die deutsche Mannschaft ist bei dieser Europameisterschaft. Sie haben nicht nur einen Schritt nach vorne gemacht, sondern zwei“, schwärmte Welthandballer Mathias Gidsel vor dem Finale. Sie haben so viele X-Faktoren - mit Wolff, aber du weißt nicht, was von Grgic, Köster, Knorr, Uscins oder auch Lichtlein kommt. Ich erwarte ein extrem enges und schweres Spiel.“

Und Gidsel wurde noch deutlicher: „Man muss aufhören zu sagen, dass Deutschland nicht eine der besten Mannschaften der Welt ist. Sie haben das bewiesen. Vielleicht sind sie die beste Mannschaft Europas morgen.“ Der klare Sieg im Hauptrundspiel sei für das Finale völlig egal.

Wolff will wieder zubeißen

Von einer Extra-Motivation wollte Andreas Wolff derweil überhaupt nichts wissen! Als Deutschlands Nummer eins einen Tag vor dem Finale darauf angesprochen wurde, ob er aufgrund der ihm verordneten Pause im Hauptrundenspiel gegen Dänemark noch mehr brenne, reagierte er deutlich – und teilte heftig in Richtung der Experten aus, die seiner Meinung nach Torwartkollege David Späth „unfassbar respektlos“ behandelt hätten.

Klar ist dennoch: Auf Wolff wird es mehr denn je ankommen, soll gegen Dänemark die große Überraschung gelingen. Mit Emil Nielsen und Kevin Möller verfügen auch die Skandinavier über ein Topduo, ein Wolff in der jüngst gezeigten Über-Form kann dennoch den Unterschied machen.

Der Respekt vor dem Europameister von 2016 ist riesig, auch den Dänen dürften die Szenen aus dem deutschen Spiel gegen Norwegen nicht verborgen geblieben sein, als Wolff den Kasten völlig verriegelte und auf dem Weg zu 22 Paraden zahlreiche hundertprozentige Möglichkeiten vereitelte.

An die Paradenquote von Wolff (32,08%) kommt Nielsen (30,54) bisher nicht heran, zudem hat Dänemark noch ein deutlich größeres Problem ...

Handball-EM: Problemposition beim Weltmeister

Lukas Jörgensen? Kreuzbandriss. Emil Bergholt? Fußverletzung. Andreas Magaard und Frederik Ladefoged? Nicht einsatzfähig. Und dann musste auch noch Defensiv-Ass Simon Hald im Halbfinale nach einem Gesichtstreffer das Spielfeld verlassen und ins Krankenhaus gebracht werden.

Sollte Hald, der sich am Samstag weiterhin im Krankenhaus befand, nicht fit werden, bliebe mit Superstar Magnus Saugstrup ein einziger gelernter Kreisläufer übrig. Entsprechend musste Trainer Nikolaj Jacobsen gegen Island zahlreiche Spieler auf für sie ungewohnten Positionen einsetzen, was erstaunlich gut klappte. Ob dies auch gegen Deutschland gelingen würde, ist durchaus fraglich.

Taktische Spielchen oder nicht – Jacobsen fand in Anbetracht dieser Tatsache überraschende Worte: „Sie bekommen keine bessere Chance. Wenn wir bei den Deutschen fünf Kreisläufer wegnehmen würden, hätten sie auch einige Herausforderungen. Wenn sie uns einmal schlagen wollen, dann sollten sie versuchen, das am Sonntag zu tun.“

Anders ist die Lage auf der Gegenseite. Neben Wolff erhielten im Hauptrundenspiel auch die Außen Lukas Zerbe und Lukas Mertens eine Pause und dürften für das Finale noch ein paar Körner im Köcher haben. In der Defensive hofft Deutschland derweil auf die Rückkehr von Tom Kiesler, der zuletzt krankheitsbedingt passen musste. Gegen die dänische High-Speed-Offensive, in der fast alles über Gidsel und Simon Pytlick läuft, könnte der robuste und gleichzeitig bewegliche Newcomer eine entscheidende Rolle spielen.

Dänemarks Fluch ist im Unterbewusstsein präsent

Sie wollen es nur ungern öffentlich zugeben, aber die 14-jährige Durststrecke nagt weiter an der Ausnahmemannschaft. Seit 2012 wartet Dänemark auf EM-Gold, besonders zwei Niederlagen haben sich in das kollektive Gedächtnis einer ganzen Nation gebrannt. 2014 kam Dänemark in eben jener Jyske Bank Boxen in Herning, in der auch nun das Finale stattfinden wird, gegen Frankreich unter die Räder. Gegen denselben Gegner gab es bei der vergangenen EM eine dramatische Niederlage nach Verlängerung in Köln.

Die weiteren Platzierungen? Sechster, Vierter und Vorrunden-Aus! Zu wenig für die ansonsten erfolgsverwöhnten Dänen – und Motivation und Verpflichtung zugleich, es dieses Mal besser zu machen.

Von der gewohnten Dominanz der vergangenen Jahre ist jedoch nur in Ansätzen etwas zu sehen. Dänemark zeigt sich verwundbar, sei es bei der Vorrundenniederlage gegen Portugal oder auch im Halbfinale gegen Island, als bis zur 45. Minute kein Qualitätsunterschied zu erkennen war. „Ein großes Thema“ sei die Jagd nach dem verflixten EM-Titel, gab auch Saugstrup zu: „Wir wollen endlich dieses Turnier gewinnen.“

Deutschland: Das wird Gislason nicht mehr zulassen

Auch in Deutschland allerdings ist die Vergangenheit ein Thema: Das Olympia-Finale von Lille verfolgte Alfred Gislason noch lange. Nach irren Krimis gegen Frankreich und Spanien schienen sich die deutschen Spieler mit der Niederlage gegen Dänemark im Endspiel schon abgefunden zu haben, so der Vorwurf des Isländers.

„Für mich war das Spiel in Lille extrem bitter. Ich war deswegen so sauer, weil ich fand, dass die Jungs das Spiel nach einer Viertelstunde abgeschenkt haben“, sagte er. Er habe „leider den Eindruck gehabt, dass die Mannschaft schon zufrieden war, in einem Finale zu stehen“. Während es für ihn schnurstracks in die Heimat ging, feierte die Mannschaft im Anschluss die Medaille in Paris.

Und nun? „Ich bin ganz sicher, dass der Hunger danach, sich richtig zu präsentieren, da ist. Dieses Turnier hat sehr viel Selbstvertrauen für diese Truppe gebracht.“ Dass Gislason diesen Hunger auch all seinen Spielern eingepflanzt hat, davon ist auszugehen. Unter anderem Knorr sprach von einem „anderen Gefühl“ als bei Olympia. Damals sei man sich „nach dem Halbfinale einfach in die Arme gefallen“ und habe „geschrien: ‚Wir haben eine Medaille.‘ Da haben wir vielleicht ein bisschen abgeschaltet, haben uns nur auf das Momentum verlassen.“

Nun soll alles anders werden.

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