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Weiß sie wirklich, was sie tut? Ski-Ikone Wasmeier bewertet Vonns kontroverses Wagnis

Weiß Vonn wirklich, was sie tut?

Lindsey Vonn will trotz ihres Kreuzbandrisses an den Olympischen Spielen in Cortina d’Ampezzo teilnehmen. Markus Wasmeier ordnet die Medaillenchancen der US-Amerikanerin im exklusiven SPORT1-Interview ein.
Lindsey Vonn reißt sich bei der Olympia-Generalprobe das Kreuzband - und will trotzdem starten. Die US-Amerikanerin gibt eine bemerkenswerte Pressekonferenz.
Lindsey Vonn will trotz ihres Kreuzbandrisses an den Olympischen Spielen in Cortina d’Ampezzo teilnehmen. Markus Wasmeier ordnet die Medaillenchancen der US-Amerikanerin im exklusiven SPORT1-Interview ein.

Die schlimmsten Befürchtungen von Lindsey Vonn haben sich bewahrheitet: Die US-Amerikanerin hat sich bei der Weltcup-Abfahrt von Crans-Montana - nur eine Woche vor dem Start der Olympischen Winterspiele - ihr vorderes Kreuzband im linken Knie gerissen.

Doch aufhalten lassen will sich die 41-Jährige davon nicht. Vonn bestätigte am Dienstag, dass sie am Sonntag trotzdem an der Olympia-Abfahrt in Cortina d’Ampezzo (ab 11.30 Uhr im SPORT1-LIVETICKER) teilnehmen möchte. Ein mutiger Plan? Oder irrwitziges Spiel mit der eigenen Gesundheit? Im SPORT1-Interview verrät der zweimalige Ski-Alpin-Olympiasieger Markus Wasmeier seine Sicht der Dinge.

Vonn mit Kreuzbandriss bei Olympia: Das sagt Legende Wasmeier

SPORT1: Herr Wasmeier, Lindsey Vonn plant mit einem komplett gerissenen Kreuzband und einer Knochenprellung bei den Olympischen Winterspielen in Cortina an den Start zu gehen. Halten Sie das für eine gute Idee?

Markus Wasmeier: Grundsätzlich ist jeder Mensch irgendwann für sich selbst verantwortlich. Ich kenne aus meiner aktiven Zeit einen Kollegen, der eine ganze Saison mit einem gerissenen Kreuzband gefahren ist. Natürlich haben wir uns damals auch an Ärzte gewandt und gefragt, ob das gesund sei. Die Antwort war: Wenn die Verletzung zu lange besteht und die Muskulatur das Knie nicht ausreichend stabilisiert, kann es zu dauerhaften Schäden kommen. Viele Athleten haben sich früher das Kreuzband gerissen und es zunächst gar nicht bemerkt.

SPORT1: Im rechten Knie besitzt Vonn bereits eine Teilprothese. Ist ihr Start auch in Hinsicht auf das Leben nach der Karriere leichtsinnig?

Wasmeier: Das mit der Prothese wird oft falsch interpretiert. Bei ihr ist es ein sogenannter „Schlitten“, also eine Schicht, die den Knorpel ersetzt. Darauf gleitet man auf einer Metalloberfläche. Eine Zyste wäre bereits eine knöcherne Schädigung, und das hat sie nicht. Der „Schlitten“ soll genau verhindern, dass es so weit kommt. Es ist also eine künstliche Schicht, aber die Knochen sind noch ihre eigenen.

„Sportärzte sind oft mutiger“

SPORT1: Die US-Amerikanerin setzt auf eine Kniebandage, um trotz ihrer schweren Verletzungen an den Start zu gehen. Können solche Hilfsmittel das Knie genügend stabilisieren?

Wasmeier: Da spielt viel der Kopf eine Rolle. So wie ich sie kenne, wird sie sich durchbeißen wollen. Damit übernimmt sie aber auch selbst die Verantwortung. Wenn Ärzte bestimmte Bandagen oder Kompressionssysteme empfehlen, gibt es viele Möglichkeiten. Am Ende muss sie selbst entscheiden, ob sie startet. Als Athlet verlässt man sich stark auf die ärztliche Empfehlung. Der Arzt wird wahrscheinlich nicht gesagt haben: „Das müssen Sie machen“, sondern eher: „Besser wäre es nicht, aber man könnte es versuchen.“ Sportärzte sind oft mutiger, weil sie wissen, dass sie es mit extrem gut trainierten Menschen zu tun haben. Starke Muskulatur bedeutet Stabilität. Gefährlich wird es vor allem, wenn sie wieder in eine ähnliche Sturzsituation gerät.

SPORT1: Die Olimpia delle Tofane in Cortina gilt als eine der anspruchsvollsten Abfahrtsstrecke im Rennkalender der Damen. Wie schätzen Sie die Gefahr für einen schweren Sturz mit solch einem instabilen Knie ein?

Wasmeier: Ein Sturz kann immer passieren – mit oder ohne Kreuzband. Ein Konzentrationsfehler reicht. Für sie spricht aber, dass Cortina so etwas wie ihr Wohnzimmer ist. Dort hat sie viele Erfolge gefeiert, sie kennt die Strecke in- und auswendig. Sie weiß genau, was auf sie zukommt. Wenn sie das Gefühl hat, sie beherrscht es, ist das entscheidend. Es kann auch sein, dass sie im Training merkt, dass es doch nicht geht. Das werden wir sehen.

SPORT1: Halten Sie einen Start mit solchen medizinischen Problemen auch in Sachen Vorbildfunktion für problematisch?

Wasmeier: Hochleistungssport funktioniert anders. Wenn man so viel investiert hat und den Fokus über Jahre auf ein Ziel wie Olympia legt, hat das oberste Priorität. Alles andere wird ausgeblendet. Abfahrt ist eine Risikosportart. Wer diese Risikobereitschaft nicht mitbringt, braucht gar nicht an den Start zu gehen.

„Bin beeindruckt, wie sie sich vorbereitet hat“

SPORT1: Vonn musste auch von Ihnen einiges an Kritik einstecken, als sie 2024 nach sechs Jahren Pause in den Weltcup zurückkehrte. Meinen Sie, dass diese Vorgeschichte bei ihrem spektakulären Plan eine Rolle spielt?

Wasmeier: Ich war selbst kritisch, weil immer von einem „künstlichen Knie“ die Rede war. Ich habe zwei künstliche Hüften und weiß, was das bedeutet – das ist etwas völlig anderes. Mir fiel damals Bill Johnson ein, der unbedingt noch einmal bei Olympia starten wollte und nach seinem Comeback bei einem Sturz schwer verunglückte und in der Folge sogar verstarb. Das ist mir bis heute präsent. Gleichzeitig bin ich beeindruckt, wie sie sich vorbereitet hat. Sie fährt technisch besser und stabiler als früher.

SPORT1: Hat die US-Amerikanerin mit solch Verletzungen überhaupt eine realistische Chance auf eine Medaille?

Wasmeier: Bei Großereignissen baut sich enormer Druck auf. Das betrifft beispielweise Sofia Goggia, die im eigenen Land um Olympia-Gold kämpft. Dieser Druck kann hemmen oder dazu führen, dass man überzieht. Wer aus einer Verletzung kommt, sagt oft: „Ich fahre locker runter und schaue, was geht.“ Das nimmt Druck raus. Sie kann so gut Skifahren, dass sie mit dieser Lockerheit sehr stark sein kann. Aber sie gehört sicher nicht mehr zu den absoluten Top-Favoritinnen auf Gold.

SPORT1: Die Verletzung brach am vergangenen Wochenende unter widrigen Wetterbedingungen bei der Abfahrt in Crans-Montana auf. Nach Vonns Sturz wurde das Rennen abgebrochen. Hätte das Rennen stattfinden dürfen?

Wasmeier: Im Nachhinein ist man immer klüger. Skirennen sind Freiluftveranstaltungen, schwierige Bedingungen gehören dazu. Jeder geht im Training täglich ein Risiko ein. Das ist leider Teil dieses Sports.

SPORT1: Blicken wir noch kurz auf die deutschen Medaillenhoffnungen Emma Aicher und Kira Weidle. Wie schätzen Sie Ihre Chancen auf eine Medaille in Cortina ein?

Wasmeier: Ich hoffe auf unsere Mädels. Wenn sie ihre Unbekümmertheit behalten und Olympia wie einen normalen Wettkampf angehen, haben sie gute Chancen.