Wem gehört nach dem Rücktritt von Franziska Preuß und einem insgesamt enttäuschenden Olympia-Auftritt die Zukunft im deutschen Biathlon? Und wer kann den Rückstand zur Weltspitze in den kommenden Jahren verkürzen? Neben Selina Grotian zählt vor allem Julia Tannheimer zu den Athletinnen, denen das zugetraut wird – vorausgesetzt, sie entwickelt sich weiter.
Biathlon: "Lief völlig anders ab, als ich mir Olympia ausgemalt hatte" | Julia Tannheimer im Interview
Eine, die nach Preuß hoffen lässt
Ohne Preuß richtet sich der Fokus bereits im letzten Saisonabschnitt verstärkt auf die jüngere Generation. SPORT1 hat vor dem Weltcup in Kontiolahti mit Tannheimer gesprochen. Dabei berichtet die 20-Jährige von ihren ersten Olympischen Winterspielen, spricht über die Schattenseiten sozialer Medien, den Abstand zur Weltspitze und erklärt, warum sie der Rücktritt von Preuß nicht unvorbereitet traf.
SPORT1: Julia Tannheimer, wenn Sie nun mit ein wenig Abstand auf die Olympischen Spiele zurückblicken – welches Bild kommt Ihnen als Erstes in den Sinn?
Julia Tannheimer: Gar nicht so leicht zu beantworten. (lacht) Spontan denke ich an die Frauen-Staffel. Ich war im Vorfeld extrem nervös, bei Olympia fühlte sich alles noch einmal größer an. Als Startläuferin ins Rennen zu gehen, bedeutet Verantwortung – und als Zweite zu übergeben, war in diesem Moment ein umso stärkeres Gefühl. Auch wenn es am Ende nicht für eine Medaille gereicht hat, ist dieser Augenblick sehr präsent geblieben.
Olympia? „Hatte ich mir ehrlich gesagt anders vorgestellt“
SPORT1: Es waren Ihre ersten Winterspiele. War das Erlebnis so, wie Sie es sich vorgestellt haben?
Tannheimer: In Teilen ja, in Teilen nicht. Sportlich war es ein intensives Erlebnis. Gleichzeitig lief es für uns Biathletinnen völlig anders ab, als ich mir Olympia immer ausgemalt hatte. Wir waren komplett unter uns und hatten in Antholz keinerlei Berührungspunkte mit anderen Sportarten. Weder eine Eröffnungs- noch eine Abschlussfeier gehörten für uns dazu. Das hatte ich mir ehrlich gesagt anders vorgestellt und fand ich persönlich auch schade. Trotzdem bleiben drei prägende Wochen mit vielen Eindrücken.
SPORT1: Hat sich das olympische Flair für euch überhaupt von einem normalen Weltcup oder einer Weltmeisterschaft unterschieden – spürte man das sofort?
Tannheimer: In unserem Fall war der Unterschied weniger spürbar. In Antholz herrscht auch im Weltcup eine enorme Stimmung, die Fans sorgen immer für eine spezielle Atmosphäre. Aber dieses typische olympische Gefühl – andere Sportarten live zu erleben, Athletinnen und Athleten aus aller Welt in einem gemeinsamen Dorf zu treffen – das hat für uns nicht stattgefunden. Das habe ich schon vermisst.
SPORT1: Hatten Sie denn Zeit, Wettkämpfe anderer Sportarten zu besuchen?
Tannheimer: Nein, dafür blieb leider keine Gelegenheit. Bei unseren Männern waren wir dabei, alles andere hätte längere Fahrten bedeutet, was sich in unserem engen Zeitplan nicht unterbringen ließ. Wir waren die meiste Zeit im Hotel und voll auf unsere eigenen Rennen fokussiert.
Biathlon: Das sagt Tannheimer zu den Voigt-Aussagen
SPORT1: Sie selbst sind in drei Rennen gestartet – 20. im Sprint geworden, 34. in der Verfolgung und Vierte mit der Staffel.
Tannheimer: Insgesamt bin ich zufrieden. Vor allem im Sprint und mit der Staffel habe ich eigentlich das gezeigt, was ich über die Saison hinweg abrufen konnte. Natürlich wünscht man sich, dass es ausgerechnet bei Olympia noch ein Stück besser läuft. Dass man über sich hinauswächst. Diesen Anspruch hatte ich auch. Aber ich kann mir nicht vorwerfen, unter meinen Möglichkeiten geblieben zu sein.
SPORT1: Während Olympia gab es in den sozialen Medien auch negative und teils hasserfüllte Kommentare. Ihre Teamkollegin Vanessa Voigt hat sich dazu deutlich geäußert. Wie haben Sie das wahrgenommen?
Tannheimer: Ich glaube, weil ich noch so jung bin, war es bei mir etwas harmloser als bei manch anderer. Ein bisschen bekommt man das aber schon mit, ob man will oder nicht. Olympia ist größer als alles andere. Plötzlich äußern sich viele, die den Sport sonst kaum verfolgen und die Hintergründe nicht kennen. Sachliche Kritik an einer Leistung gehört dazu, das ist Teil des Geschäfts. Wenn es allerdings persönlich wird oder Grenzen überschritten werden, ist das etwas anderes. Damit muss man umgehen lernen – akzeptieren sollte man es trotzdem nicht.
SPORT1: Wie sehr war das innerhalb des Teams ein Thema?
Tannheimer: Es wurde angesprochen, aber wir haben es nicht zu groß werden lassen. Jeder weiß, wie viel Energie solche Kommentare kosten können. Deshalb versuchen wir, uns aktiv zu schützen – gerade vor Wettkämpfen hilft es, Social Media konsequent zu meiden und den Fokus bei sich zu behalten.
SPORT1: Insgesamt waren die Ergebnisse aus Sicht des DSV nicht optimal. Was stimmt Sie optimistisch, dass Deutschland wieder näher an die Spitze heranrücken kann?
Tannheimer: Die absolute Weltspitze ist derzeit ein Stück entfernt, keine Frage. Ich sehe aber auch, welches Potenzial im Team steckt. Viele von uns kommen gerade erst aus dem Juniorenbereich oder sind nur knapp darüber hinaus. Das heißt: Die Entwicklung ist noch längst nicht abgeschlossen. Mit Selina (Grotian; Anm. d. Red.), Marlene (Fichtner), Johanna (Puff), Julia (Kink) und einigen anderen steht eine Generation bereit, die mithalten kann und noch stabiler werden wird. Wichtig wird sein, dass wir die nächsten Schritte konsequent gehen. Gelingt uns das, können wir den Abstand nach vorn hoffentlich verkürzen.
Preuß-Rücktritt? „Wussten es schon seit der vergangenen Saison“
SPORT1: Nun hat mit Franziska Preuß auch noch die in den vergangenen Jahren stärkste Deutsche ihre Karriere beendet. Wann haben Sie und das Team davon erfahren?
Tannheimer: Wir wussten es im Grunde schon seit der vergangenen Saison. Dass es so kommen würde, hat uns also nicht überrascht. Unklar war lediglich der Zeitpunkt – direkt nach Olympia oder erst nach der kompletten Saison. Sie hat sich diese Entscheidung länger durch den Kopf gehen lassen. Wirklich sicher war sie sich, so wie ich es wahrgenommen habe, wohl erst während der Olympischen Spiele.
SPORT1: Sie haben Preuß einmal als eine Art große Schwester bezeichnet.
Tannheimer: Für mich war es so: Wenn ich Fragen hatte oder ihren Rat brauchte, war sie immer da. Sie hat ihre Erfahrungen mit uns geteilt, ist mit uns joggen gegangen, hat uns mitgenommen und gezeigt, wie vieles funktioniert – auf und neben der Strecke. Von einer so erfolgreichen Athletin lernen zu dürfen, ist etwas Besonderes. Franzi ist unglaublich bodenständig geblieben. Sie ist ein ganz normaler Mensch, der in keiner Weise abhebt und jedem freundlich begegnet.
SPORT1: Gab es noch einen besonderen Augenblick oder ein Gespräch zum Abschied?
Tannheimer: Nach dem Massenstart im Ziel gab es diesen einen gemeinsamen Moment. Wir haben sie dort empfangen, das war sehr emotional – und im Prinzip die prägendste Szene. Danach haben wir noch kurz miteinander gesprochen, ein größeres Team-Ereignis hat allerdings nicht mehr stattgefunden, weil es für alle recht schnell nach Hause ging. Vielleicht ergibt sich nach dem Weltcup-Finale in Oslo noch einmal die Gelegenheit, ihre Karriere ein wenig zu feiern. (lacht)
Deutsches Biathlon-Team? Tannheimer macht Hoffnung
SPORT1: Selina Grotian und Sie gelten nach dem Rücktritt von Preuß nun als Hoffnungen für die Zukunft. Verändert sich Ihre Rolle im Team?
Tannheimer: Zurzeit spüre ich das noch nicht unmittelbar. Vielleicht ändert sich das im letzten Teil der Saison ohne Franzi, dann kann ich es besser einschätzen. Mit Janina (Hettich-Walz; Anm. d. Red.) und Vanessa (Voigt) haben wir weiterhin zwei erfahrene Athletinnen im Team, die Orientierung geben. Perspektivisch ist aber absehbar, dass sich in drei, vier Jahren einiges verschieben wird – auch sie befinden sich in einer Phase ihrer Karriere, in der man über neue Wege nachdenkt. Ob und wie sich meine Rolle dadurch verändert, werde ich vermutlich erst mit etwas Abstand beurteilen können. Dann bin ich auch selbst ein Stück weiter.
SPORT1: Wo sehen Sie sich sportlich aktuell – eher am Anfang, mitten im Aufbau oder schon angekommen auf Topniveau?
Tannheimer: Eher mitten im Aufbau. Im Ausdauersport reift die Leistungsfähigkeit über Jahre hinweg. Deshalb hoffe ich sehr, dass ich mein Topniveau noch nicht erreicht habe – vorausgesetzt, alles entwickelt sich wie geplant. Die Grundlage ist gelegt: Schon jetzt im Weltcup läuferisch mit den Besten mithalten zu können, ist alles andere als selbstverständlich.
SPORT1: Mit welchem Anspruch gehen Sie inzwischen in ein Weltcuprennen?
Tannheimer: Konkrete Ergebnisziele setze ich mir kaum. Für mich steht die eigene Leistung im Mittelpunkt. Ich möchte nach dem Rennen sagen können: Das war mein Maximum. Entscheidend ist, dass ich mich läuferisch gut fühle und am Schießstand möglichst fehlerfrei bleibe – mit null oder maximal einem Fehler. Dann bin ich zufrieden. Was am Ende auf der Anzeigetafel steht, hängt letztlich auch davon ab, wie stark die Konkurrenz an diesem Tag ist.
„Hoffe, dass die Deutschen eine prägende Rolle einnehmen werden“
SPORT1: Nach Olympia, das ist die Regel, hören viele Athletinnen auf – auch diesmal. Auf welche Namen aus der jüngeren Garde sollte man künftig besonders achten?
Tannheimer: Ganz vorne sehe ich vor allem Maren Kirkeeide und Océane Michelon. Beide sind außergewöhnlich stark – in der Loipe wie beim Schießen – und sie konnten ihre Klasse schon jetzt mit großen Erfolgen untermauern. Bei den Olympischen Spielen haben beide jeweils Gold in Einzelrennen gewonnen und gezeigt, wohin der Weg führen kann. Auch im Gesamtweltcup mischen sie ganz vorne mit. Aber natürlich hoffe ich, dass die Deutschen in den kommenden Jahren eine ebenso prägende Rolle einnehmen werden.
SPORT1: Was macht Ihnen Mut – und warum sollte man auch Julia Tannheimer in den nächsten Jahren im Auge behalten?
Tannheimer: Weil ich überzeugt bin, dass ich am Schießstand noch enormes Potenzial habe. Wenn es mir gelingt, dort mehr Konstanz hineinzubringen, kann ich regelmäßig um die vorderen Plätze mitkämpfen.