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Josh Bodom (l.) verprügelte bei einer Wrestling-Show den Ringrichter ohne Absprache
Josh Bodom (l.) verprügelte bei einer Wrestling-Show den Ringrichter ohne Absprache © twitter.com/ADellanzo1 / Revolution Pro Wrestling
Lesedauer: 6 Minuten
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München - Wrestler Josh Bodom attackiert einen Ringrichter in England ohne Absprache und folgenschwer. Die Liga zieht Konsequenzen, auch WWE-Performer sind entsetzt.

Zwei Wrestler attackieren einen Ringrichter, aus Wut, wie er das Match zu ihren Ungunsten beendet hatte: Es wirkte wie Showkampf-Alltag - entpuppte sich mit einer Woche Verspätung nun allerdings als Skandal, der die Wrestling-Szene in England in Atem hält.

Bei der britischen Liga Revolution Pro Wrestling, Partnerliga der populären japanischen Promotion NJPW, wurde Ringrichter Aaren Wilde ohne Absprache verprügelt und nach eigenen Angaben so schwer verletzt, dass er nicht mehr als solcher auftreten kann.

RevPro zog Konsequenzen und trennte sich von Übeltäter Josh Bodom, der bis dahin als Tag-Team-Champion der Promotion amtierte. Seinem ebenfalls in den Vorfall involvierten Partner Sha Samuels wird im Wiederholungsfall ebenfalls das Aus angedroht.

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Der so genannte "Shoot" schlug hohe Wellen, auch ein Ringrichter von WWE meldete sich zu Wort und machte deutlich, was für einen Tabubruch Bodom begangen hat.

Josh Bodom flippt nach Missgeschick aus

Was war passiert? Am Freitag vor eineinhalb Wochen, dem 30. August, veranstaltete RevPro in Bethnal Green bei London eine große Show namens "Summer Sizzler 2019", mit zahlreichen international bekannten Stars wie Kazuchika Okada, Will Ospreay, Hiroshi Tanahashi und Zack Sabre Jr.

In der Undercard gab es ein Tag-Team-Match mit Bodom und Samuels, die gegen das Team Aussie Open (Kyle Fletcher und Mark Davis) antraten. Das Match endete nach rund sechseinhalb Minuten mit einem Sieg von Aussie Open - wobei im Nachhinein klar wurde, dass das Finish nicht nach Plan verlief.

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Nach übereinstimmenden Schilderungen hätte das Match länger dauern sollen, Wilde zählte früher als angedacht einen Pinfall durch, bei dem ein Mitglied von Aussie Open Bodoms Schultern bis drei auf die Matte drückte.

Vor allem Bodom war hierüber offensichtlich sauer und es folgte der Eklat: Samuels warf Ringrichter Wilde mit einem Bodyslam zu Boden, Bodom prügelte außerhalb des Rings auf ihn ein. Ein Fanvideo, das im Nachhinein öffentlich wurde, zeigt, dass er Wilde Schläge auf Rücken und Nacken und offenbar auch einen Kniestoß verpasste.

Auch WWE-Performer kommentieren

Acht Tage nach dem Vorfall machte Ringrichter Wilde via Twitter seine Sicht der Dinge öffentlich: Der Angriff sein "kein Teil der Show" und "nicht geplant" gewesen.

An das, was nach dem Slam von Samuels passiert sei, hat Wilde nach eigenen Angaben keine Erinnerung. Er hätte aber eine "Nacken- und Schulterverletzung" davongetragen, die "viel ernster sei als ursprünglich gedacht". Er könne auf absehbare Zeit keine Wrestling-Matches mehr leiten, auch seine Hauptbeschäftigung als Fußball-Schiedsrichter müsste er für eine Weile aussetzen.

Wildes Anklage und das Beweisvideo zog weite Kreise, auch WWE-Ringrichter Jason Ayers und der britische Ex-Damenchampion Paige verbreiteten es und kritisierten Bodom (wobei letztere ihren Tweet mittlerweile gelöscht hat).

Am Sonntagabend veröffentlichte RevPro nach interner Prüfung des Geschehens ein längeres Statement, in dem die Liga bei Wilde um Entschuldigung bat und die Trennung von Bodom gekannt gab: "Unglücklicherweise passen Bodoms Handlungen nicht zu seiner Schilderung der Ereignisse. Das lässt uns keine Wahl außer unsere Verbindung zu ihm auf unbestimmte Zeit zu beenden." Zudem kündigte RevPro an, ein internes Meldeformular für derartige Vorfälle einzurichten.

Sha Samuels zeigt sich reuig

Samuels kam mit einer milderen Strafe davon, weil er sich reuig zeigte, um Entschuldigung bat und glaubhaft machen konnte, dass er eine improvisierte Einlage zur Unterhaltung des Publikums im Sinn gehabt hätte und Wilde nicht verletzen wollte.

Die Sichtung des Videomaterials hätte ergeben, dass Samuels' Bodyslam nicht voll durchgezogen war, er hätte "sein Bestes getan, um den Ringrichter zu schützen". Nichtsdestotrotz hätte der 34-Jährige "fürchterlich schlechtes Urteilsvermögen" gezeigt: "Sha wird intern diszipliniert und es wird null Toleranz bei weiteren Vorfällen geben."

Aus Sicht von Tassilo Jung, Geschäftsführer der deutschen WWE-Partnerliga wXw (Westside Xtreme Wrestling) und selbst oft Wrestling-Ringrichter, hat RevPro die Situation "sehr gut" gelöst.

Vor allem die Differenzierung zwischen Bodom und Samuels - der früher öfters in seiner Promotion aktiv war - findet er richtig. "Sha hat aus einer früher akzeptiert gewesenen Mentalität heraus eine Entscheidung getroffen", erklärt Jung SPORT1: "Er hat versucht, den Referee zu schützen, hätte aber jemanden ohne körperliche Eignung dazu nicht werfen dürfen. Das ist ein Fehler und er ist einsichtig."

"Shoots" im Wrestling früher üblich

So genannte "Shoots", reale Übergriffe der Performer, sind im Wrestling kein unbekanntes Phänomen - wobei sie sich meistens zwischen den Showkämpfern abspielen.

Gerade in früheren Zeiten war es zwar generell ebenso wie heute oberstes Branchengebot, das körperliche Wohlergehen derer, mit denen man im Ring steht, zu schützen. Dennoch kam es öfters vor, dass Wrestler ihre Kollegen bei Konflikten oder als Rache für Verstöße gegen die Gepflogenheiten körperlich abstraften, oft auch unter der Duldung der Promoter, die das als Ordnung stiftende Maßnahme verstanden. Bei WWE etwa waren Hardcore Holly und John "Bradshaw" Layfield als "Shooter" bekannt, auch der 1988 ermordete Bruiser Brody war in dieser Hinsicht berüchtigt. Selbst Superstar John Cena hat im WWE-Ring einst offensichtlich eine Rechnung mit seinem Kollegen Alex Riley beglichen.

Inzwischen werden solche Aktionen eher geächtet als früher, Jung verrät allerdings, dass auch er schon mit solchen Fällen zu tun gehabt hätte: "Wir hatten auch vereinzelt Vorfälle, bei denen Wrestler sich nicht unter Kontrolle hatten. Diese haben wir intern geklärt und die Zusammenarbeit beendet - in einer von uns akzeptablen Form, die demjenigen nicht aufgrund menschlicher Fehler, an denen er arbeiten kann, die berufliche Laufbahn ruiniert."

Bodom: "Ich habe das Wrestling verlassen"

Für Bodom dürfte es dagegen nun auf absehbare Zeit schwer werden, in der Branche Arbeit zu finden - und er ist als Folge des Eklats inzwischen auch auf Tauchstation gegangen: Sein Twitter-Account ist gelöscht, sein Instagram-Profil auf privat gestellt.

Wie vorher aufgenommene und von Fans im Netz verbreitete Screenshots zeigen, hatte er sich zuvor noch uneinsichtig gezeigt, die ihn kritisierenden Fans beschimpft und mitgeteilt, dass er das Wrestling verlassen hätte ("I quit pro wrestling, buddy"). Zudem veröffentlichte er offenbar Teile einer Privatnachricht von RevPro-Chef Andy Quildan, in der zu lesen ist, dass dieser den Ringrichter kritisiert und ihm Solidarität zusichert ("I have your back on it don't worry").

Letztlich hat das jedoch nicht viel Aussagekraft, weil nicht ersichtlich wird, zu welchem Zeitpunkt und mit welchem Kenntnisstand Quildan ihm diese Nachricht geschickt haben soll.

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