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München - WWE-Hoffnungsträger Keith Lee erklärt im SPORT1-Interview, warum er eine verstörende Erfahrung preisgab - und welcher Rat des Undertaker ihn prägt.

Ein Superschwergewicht, das zulangt wie ein Bär - und durch den Ring fliegt wie ein Schmetterling.

Seit Jahren verblüfft Keith Lee die Wrestling-Fangemeinde mit seinen teils unglaublichen Aktionen. Im vergangenen Herbst ging sein Stern bei WWE auf: Der 145 Kilo schwere Texaner rückte bei der Invasion der Rohdiamanten des NXT-Kaders ins Zentrum, musste sich bei den Survivor Series nur Topstar Roman Reigns beugen. Beim Royal Rumble zu Beginn des Jahres durfte er dann dem ähnlich hoch in der Rangordnung stehenden Brock Lesnar Paroli bieten.

In naher Zukunft dürfte er zu RAW oder SmackDown aufsteigen und hat beste Chancen, dort ebenfalls zu einem Aushängeschild aufgebaut zu werden.

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In der Nacht vor dem SummerSlam 2020 am Sonntag steigt Lee wieder in den Ring: Er verteidigt bei TakeOver XXX den NXT-Titel, den er mittlerweile von Adam Cole errungen hat, gegen Karrion Kross.

Im SPORT1-Interview spricht Lee über die Idole seiner Kindheit, seinen einzigartigen Stil, einen wertvollen Rat des legendären Undertaker - und warum er sich vor kurzem entschlossen hat, von einer verstörenden Erfahrung zu berichten: Er gab an, von einer Frau, die ihn unter Drogen gesetzt hätte, vergewaltigt worden zu sein.

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SPORT1: Keith Lee, die Geschichte ihrer WWE-Karriere begann etwas ungewöhnlich: Ihre Großmutter hat Sie als Kind fürs Wrestling begeistert. Wer waren denn Ihre Helden damals?

Keith Lee: Dank meiner Oma bin ich tief in die Geschichte eingetaucht, auch in die Anfangsjahre der früheren WWF. Die Helden meiner eigenen Kindheit? Das waren "Macho Man" Randy Savage und "Mr. Perfect" Curt Hennig.

SPORT1: Sie selbst haben das Wrestling dann gelernt bei dem vor kurzem verstorbenen "Killer" Tim Brooks, einem Zeitgenossen des mythischen Bruiser Brody und der Von-Erich-Familie, Legenden in Ihrer texanischen Heimat. Wer hat Sie noch beeinflusst?

Lee: Da würde ich noch den Undertaker nennen, Kurt Angle, den frühen Brock Lesnar, Shelton Benjamin - aber auch einige Größen der Independent-Szene der damaligen Zeit, Samoa Joe zum Beispiel. Aber das ist nur eine Auswahl, ich habe mich von vielen Vorbildern beeinflussen lassen.

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SPORT1: Sie haben den Undertaker erwähnt. In der von WWE über ihn produzierten Doku "The Last Ride" war zu sehen, wie er eine Art Seminar für die aufstrebenden "Big Men" bei WWE abgehalten hat. Sie waren dabei. Was war der beste Tipp, den Sie mitgenommen haben?

Lee: Tatsächlich hatte er mir bei einer Begegnung im Jahr 2008 schon viel früher einen sehr guten Tipp gegeben, einen ganz einfachen, aber sehr wertvollen. Er hat zu mir gesagt: Was immer du tust, sorge dafür, dass es eine Bedeutung hat. Dieser Ratschlag hat meine Karriere geprägt, ich versuche, ihn zu beherzigen, so gut ich kann.

SPORT1: Der Taker hat in diversen Interviews erzählt, dass er fest an die Devise "Weniger ist mehr" glaubt. Dass es nicht drauf ankommt, möglichst viele spektakuläre Aktionen zu zeigen, sondern einige wenige, die so besser hervorstechen. Gilt das in den heutigen Zeiten noch immer?

Lee: Zum Teil. Nicht jeder kann es so machen wie der Undertaker. Mit diesem einzigartigen Charakter, dieser unglaubliche Präsenz, die er hat, kann er sich Dinge erlauben, die sich andere nicht erlauben können. Meine Philosophie ist: Ich folge der Devise, wo ich kann. Aber es gibt auch bestimmte Konstellationen, in denen Gegner mich wütend machen und ich mehr an die Grenze gehe als üblich, zum Beispiel in meiner Matchserie gegen Dominik Dijakovic.

SPORT1: Ein anderer Wrestler, mit dem Sie vor Ihrer WWE-Zeit schon einige Gigantenduelle hatten, ist WALTER aus Österreich. Aktuell kann er wegen der Corona-Pandemie nicht in die USA reisen, hoffen Sie, an die Rivalität anknüpfen zu können, sobald es möglich ist?

Lee: Ich bin über jeden hochkarätigen Kontrahenten froh, also natürlich auch über WALTER, wenn es sich ergibt. WALTER ist ein Biest und ich bin sicher, viele Leute wären interessiert, was passiert, wenn wir uns begegnen. Ein solches Duell zweier Schwergewichte ist etwas Besonderes, es hat eine andere Intensität und Dynamik als Matches gegen kleinere Gegner, die andere Stärken haben. Und gerade, weil meine letztes Match gegen WALTER eine Weile her ist, wäre es mir eine absolute Freude weiterzumachen, wo wir aufgehört haben.

Wissenswertes zum Thema Wrestling

SPORT1: Ältere Fans in Deutschland und Österreich erinnern sich noch an die großen CWA-Duell von WALTERs Vorbild Big Otto Wanz und Bull Power, dem späteren Big Van Vader, mit dem Sie oft verglichen werden. Vader hatte einen ähnlichen Stil wie Sie, nach seiner Karriere aber massive gesundheitliche Probleme, ähnlich wie auch der früh verstorbene Bam Bam Bigelow. Wie versuchen Sie zu vermeiden, dass Sie ähnliche Folgeschäden erleiden?

Lee: Ganz vermeiden werden sich Spätfolgen nicht lassen, Wrestling geht auf den Körper, das gehört dazu. Ich bin aber überzeugt: Die Wrestler von heute achten alles in allem viel mehr auf ihre Gesundheit. Früher gehörte das eher nicht zur Kultur des Wrestling, man betrachtete vieles sorgloser. In der heutigen WWE würde man uns das so nicht durchgehen lassen, selbst wenn uns unser körperliches Wohlergehen egal wäre: Wir haben kaum eine andere Wahl. Seit ich bei WWE bin, habe ich auch ein paar Dinge geändert: Etwas weniger Risiko in Matches, mehr Bedacht. Ich kann meinen Körper auf eine Weise bewegen, wie das kaum ein anderes Schwergewicht tun kann. Aber das Problem dabei ist: Wenn ich es zu oft mache, es überstrapaziere, wird es irgendwann nicht mehr honoriert. Darum beschränke ich mich bei bestimmten Aktionen mittlerweile auf besondere Momente, in denen es auch passt.

SPORT1: Im Zuge der an #MeToo erinnernden #SpeakingOut-Bewegung haben Sie eine verstörende Erfahrung preisgegeben, einen sexuellen Missbrauch durch eine Frau, die Sie unter Drogen gesetzt hat. Haben Sie das Gefühl, mit der Veröffentlichung dieser Geschichte das bewirkt zu haben, was Sie bewirken wollten?

Lee: Ich wollte nicht zwingend etwas Bestimmtes damit bewirken. Mein Antrieb war folgender: In einem Fall, der im Zuge der #SpeakingOut-Bewegung aufkam, haben Leute aus meine Sicht auf eine Weise reagiert … Ich weiß manchmal nicht, wie das alles so kommt im Internet, warum Leute sich so lächerlich und absurd verhalten. Für mich verdient jeder Mensch Respekt, außer er verspielt ihn aktiv. Und selbst dann muss man jemanden nicht herabwürdigen.

SPORT1: Nicht jeder hält es so.

Lee: Bei #SpeakingOut leider auch. Leute haben sich das wie Müll verhalten und das hat mich wütend gemacht. Ich weiß, es gibt Gründe sich zu denken, dass nicht alles wahr ist, was da veröffentlicht wurde. Ich weiß in einzelnen Fällen sogar konkret, dass Unwahrheiten verbreitet wurden. Aber wenn man nicht weiß, ob etwas wahr ist oder nicht, gibt es keinen Grund, irgendwen zu attackieren, wenn er sensible Erfahrungen öffentlich macht. Warum ich meine Erfahrung geteilt habe? Ich wollte das deutlich machen - und andere, die solche Erfahrungen gemacht haben, bestärken. Und eine Anregung geben, sich bei solchen Themen anständig zu verhalten statt auf andere loszugehen. Um mehr ging es mir nicht.

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SPORT1: Der deutsche WWE-Wrestler Marcel Barthel - ihr erster Gegner bei NXT - hat im SPORT1-Interview die Ansicht bekundet, dass Wrestling eine Kunstform ist, die man aber nicht jedem erklären kann. Was ist für Sie der Kern dieser Kunstform, der Sie sich verschrieben haben?

Lee: Ehrlich gesagt: Für mich ist von dieser Kunst etwas verloren gegangen. Wenn ich zurückblicke auf vergangene Zeiten, auf das, was ich zu Beginn meiner Karriere gelernt habe: Es gibt nicht mehr viele, die das beherrschen, was für mich die wahre Kunst des Wrestling ist. Ich möchte das hier nicht näher ausführen, das ist nicht meine Art, aber nur so viel: Für mich ist Wrestling ein Ereignis. Es gibt viele Elemente, die es ausmachen: das Geschehen im Ring, die Show drumherum, das Charisma der Performer, die Präsentation mit der Musik, den Lichteffekten. Alles spielt eine Rolle, aber nur in der Kombination der wesentlichen Dinge funktioniert es und fügt sich zusammen. Ich habe viele Freunde, die sich nicht für Wrestling interessiert haben, bevor ich sie mal zu einer Show mitgenommen habe, bei der ich aktiv war.

SPORT1: Haben Sie sie bekehren können?

Lee: Als sie erlebt haben, wie ich dort in meinem Element war, waren sie gepackt - und da ging es um kleine Independent-Shows ohne all die Effekte, die mir nun auf der Bühne, auf der ich jetzt stehe, zur Verfügung stehen. Wenn man bei einer Wrestling-Show dabei ist, auch als Zuschauer, ist man Teil einer speziellen Erfahrung. Und als ich diese Erfahrung gemacht habe, wollte ich selbst Wrestler werden. Wollte derjenige sein, der anderen diese Erfahrung bietet, die Inspiration, den Spaß, den Grund, das Wrestling zu lieben. Und ich möchte diesem Sport, den ich liebe, und den Fans, die ihn erleben, so viel Auftrieb geben wie ich kann.

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