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München - Scott Hall alias Razor Ramon war eine schillernde Figur der Wrestling-Boomära. Schon damals hatte er ein dunkles Geheimnis, ein tiefer Fall folgte.

Die Idee hinter einem der besten Wrestling-Charaktere aller Zeiten war eigentlich ein Witz. Und dreister Diebstahl war sie obendrein.

Er könnte doch einen Typen wie in "Scarface" spielen, trug der frisch von WWE verpflichtete Scott Hall bei einem Treffen mit Ligaboss Vince McMahon und dessen rechter Hand Pat Patterson vor - und schwelgte dann ein bisschen in seiner Liebe für den Gangsterfilm-Klassiker mit Al Pacino.

Mit kubanischem Akzent imitierte er die bekanntesten Sprüche aus dem Kultwerk um den Unterwelt-Boss Tony Montana ("Say hello to my little friends" - "The world is yours" - "Say goodnight to the bad guy"), fantasierte, dass man ihn ja auch filmen könnte, wie er in einem Cabrio mit Leopardenfell-Cabrio durch Miami düst, solche Sachen.

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Razor Ramon 1992 bei der damaligen WWF
Razor Ramon 1992 bei der damaligen WWF © WWE

Es war ein Gag. Aber McMahon und Patterson, die den Film nicht kannten und irgendwie auch nicht mitbekommen hatten, dass Hall einen Film zitierte, waren hin und weg. Was für ein Genie sie sich da ins Haus geholt hatte, der diese Knaller einfach aus dem Ärmel schüttelte.

Razor Ramon war geboren, die Rolle, mit der die Wrestling-Karriere des Zwei-Meter-Manns Hall explodierte - der später auch zusammen mit Hulk Hogan Geschichte schrieb. Halls Karriere hätte wohl auch noch größer werden können, wenn er die Kontrolle über sein Leben behalten hätte.

Vorbild für Razor Ramon: Al Pacino (mit Michelle Pfeiffer) als Tony Montana in "Scarface"
Vorbild für Razor Ramon: Al Pacino (mit Michelle Pfeiffer) als Tony Montana in "Scarface" © Imago

Scott Hall verbrachte Teil der Kindheit in Deutschland

Hall hatte vor seinem Durchbruch in der damaligen WWF ein unstetes Leben geführt, nicht nur im Ring: Am 20. Oktober 1958 als Soldatensohn in St. Mary's County in der Nähe von Washington geboren, wechselte er in seiner Kindheit ständig den Wohnort, lebte für eine Weile auch in München und ging dort zur Schule. Auch als Wrestler war eine Weile in Deutschland aktiv, als "Texas Scott" trat er 1989/90 für die Liga CWA von Österreichs Star-Catcher Big Otto Wanz an.

In Amerika hatte ihn zuvor der dort ähnlich legendäre Dusty Rhodes (Codys Vater) an den Showkampf herangeführt. Hall begann seiner Karriere als "Starship Coyote", sein Trainingspartner "Starship Eagle" alias Dan Spivey wurde bei WWE später - ebenfalls inspiriert von einem Filmklassiker - zu Waylon Mercy, dem Vorbild von Bray Wyatt.

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Hall wurde zu Beginn seiner Karriere als großes Talent betrachtet. 1985 engagierte ihn die Liga AWA, die kurz zuvor Hogan an die WWF verloren hatte, angeblich in der Hoffnung, ihn zum Nachfolger des Hulksters aufbauen zu können. Das klappte nicht und auch der erste Anlauf als "Diamond Studd" bei WCW - wo er zum ersten Mal auf den späteren Topstar Diamond Dallas Page und seinen ewigen Weggefährten Kevin "Diesel" Nash (damals: Vinnie Vegas) traf, war wenig erfolgreich. Nur ein Zwischenspiel waren die internationalen Ausflüge nach Europa und Japan, wo Hall einige Kämpfe mit einem jungen Talent namens Punisher Dice Morgan bestritt - dem späteren Undertaker.

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1992: Durchbruch in der WWF als Razor Ramon

Das WWF-Debüt als Razor Ramon 1992 änderte alles: In lässigen Promo-Clips mit Goldketten, Ölfrisur und Zahnstocher im Mund variierte er seine Tony-Montana-Bezüge  ("Say hello to the bad guy"), stellte sich als Exilkubaner vor, der im Dreck geboren wäre und zu einem reichen Mann geworden wäre, indem er sich einfach immer genommen hätte, was er gewollt hätte.

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Razor schlug sofort ein, schon kurz nach seinem Debüt wurde er in die große Fehde der früheren Champions "Macho Man" Randy Savage und Ric Flair involviert, trat bei den Survivor Series 1992 mit Flair gegen Savage und Mr. Perfect an. Beim Royal Rumble 1993 durfte er schon den dann amtierenden Titelträger Bret "The Hitman" Hart herausfordern, bei WrestleMania IX im Caesar's Palace besiegte er den langjährigen Champ Bob Backlund.

Der charismatische Razor war bald so populär, dass er zum Publikumsliebling gemacht wurde - über einen Umweg, der ihn zum Teil es der berühmtesten Momente der frühen Jahre der TV-Show Monday Night RAW machte.

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Der zuvor als No-Name porträtierte 1-2-3 Kid (Sean Waltman) feierte einen Überraschungssieg über Razor. Als sich dann die anderen Liga-Bösewichte - allen voran der "Million Dollar Man" Ted DiBiase - über Razors vergebliche Versuche, sich zu revanchieren, lustig machte, wandte sich der "Bad Guy" gegen sie und stand plötzlich Seite an Seite mit dem Jungstar.

Legendäres "Ladder Match" mit Shawn Michaels

In der Nacht auf den heutigen Tag vor 27 Jahren folgte die vorläufige Krönung: Razor gewann gegen "The Model" Rick Martel den vakanten Intercontinental Title, der zuvor dem aufstrebenden Shawn Michaels wegen eines realen Streits hinter den Kulissen aberkannt worden war.

Als Michaels dann zurückkam und sich immer noch als rechtmäßigen Champ darstellte, folgte die Fehde, die Razor endgültig zum Topstar machte: In einem spektakulären Leitermatch bei WrestleMania X vereinigte Razor den echten und Michaels' Pseudo-Titel. Das frenetisch gefeierte Duell (1995 beim SummerSlam neu aufgelegt) begründete Michaels' Ruf als "Mr. WrestleMania" und popularisierte die Matchart, die bei WWE dann zum Standard wurde - erst in dieser Nacht bei Clash of Champions zitierte das Ende des Leitermatches zwischen Jeff Hardy, AJ Styles und Sami Zayn Razors berühmtesten Moment, in dem er beide Gürtel von der Hallendecke abhing.

In den beiden Jahren darauf gewann Razor den Traditionstitel noch drei weitere Male (gegen Diesel, Jeff Jarrett und Dean Douglas) und stieg zum Rekordchamp auf. Ein fünfter gegen Goldust bei WrestleMania XII im Jahr 1996 sollte folgen - aber die Liga nahm ihn wegen eines Drogen-Vorfalls aus dem geplanten Match. Derartige Negativ-Schlagzeilen häuften sich, auch wenn es im Ring noch weitere Paukenschläge gab.

Wissenswertes zum Thema Wrestling

1996: Historische Gründung der nWo mit Hulk Hogan

Zusammen mit Nash (der mit ihm, Michaels, Waltman und dem jungen Triple H den berüchtigten Backstage-Freundeskreis "The Kliq" bildete) wechselte Hall im Mai 1996 zurück zu WCW, wo er wieder unter seinem bürgerlichen Namen antrat - und Geschichte schrieb.

Halls Comeback bei Nitro läutete die Formation der Gruppierung New World Order (nWo) ein, der sich nach Nash schließlich auch Hulk Hogan anschloss und damit erstmals seit seinem Durchbruch wieder zum Bösewicht wurde. Die nWo wurde zum Erfolgsprojekt schlechthin von WCW, die damals der WWF zwischenzeitlich die Marktführerschaft übernahm.

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Hall und Nash dominierten als "The Outsiders" bei WCW die Tag-Team-Division, hielten die Titel sechsmal. Die WWF brachte derweil Fans gegen sie sich auf, indem sie in einem beleidigt wirkenden Schachzug die Rollen von Razor und Diesel - an denen sie weiter die Rechte hatte - neu vergab (an den 2019 verstorbenen "Fake Razor" Rick Bognar und den jungen Glenn Jacobs alias Kane).

Immer wieder Entzüge, immer wieder Alkohol-Rückfälle

Bei WCW wurden Halls persönliche Probleme allerdings im Lauf der Zeit so groß, dass sie seine Karriere zunehmend überschatteten. Vor allem sein Alkoholismus nahm überhand und wurde so offensichtlich, dass die Liga sogar eine Story darum strickte (die dann nach einer realen Verhaftung gestoppt werden musste - Hall hatte im trunkenen Zustand eine Limousine demoliert).

Obwohl er die Sucht - an der auch seine zwei Ehen zerbrachen - bis zum Ende seiner Karriere und weit darüber hinaus nie in den Griff bekam und ständig für Eklats sorgte, gaben ihm WCW, später auch WWE und die kleinere Liga TNA (Impact) wegen seiner anhaltenden Popularität immer neue Chancen.

Zahlreiche Male besuchte Hall auf Kosten von WWE Entzugskliniken, wurde aber jedesmal rückfällig, gesundheitlich ging es ihm immer schlechter: Er bekam Herzprobleme, eine beidseitige Lungenentzündung und epileptische Anfälle. Dass Hall noch lebt, gilt als kleines Wunder. Weggefährte und Freund Nash machte schon 2011 die bedrückende Einschätzung öffentlich, "dass ich anfange, seine Sprachnachrichten zu speichern, weil ich denke, dass jede seine letzte sein könnte".

Kevin Nash, Scott Hall, Shawn Michaels und Triple H heute
Kevin Nash, Scott Hall, Shawn Michaels und Triple H heute © instagram.com/realscotthall

Nash schrieb damals in einem Blog-Eintrag, dass Hall im realen Leben schon vor seiner Wrestling-Karriere traumatische Erfahrungen gemacht hätte, von denen die Öffentlichkeit nichts ahnen würde - und dass seine Suchtprobleme ihn vor diesem Hintergrund nicht verwunderten: "Alkohol und Drogen sind nicht seine Probleme, aus seiner Sicht sind es die Lösungen."

Scott Hall tötete 1983 einen Mann

Eine Episode, auf die Nash offensichtlich anspielte, wurde im selben Jahr in einer Doku von ESPN ausgeleuchtet: Hall wurde 1983 wegen Totschlags angeklagt, weil er infolge einer tätlichen Auseinandersetzung vor einem Nachtclub einen Mann erschossen hatte. Das Verfahren wurde aus Mangel an Beweisen eingestellt, sicher geklärt ist nur, dass Hall dem Mann die eigene Waffe abgenommen und abgedrückt hatte - aus Notwehr, wie er sagt.

Ruhiger ist es um Hall geworden, seit Ex-Kollege Diamond Dallas Page - der inzwischen als Yoga- und Gesundheits-Guru wirkt -, eine Art Privatkur an ihm durchführte und auch eine Spendenaktion startete, um ihm mehrere medizinische Eingriffe zu finanzieren. Relativ zu seinen vorherigen Problemen wirkt Hall seitdem in besserer Verfassung, bestreitet inzwischen auch wieder regelmäßig Gastauftritte für WWE, die ihn 2014 in die Hall of Fame aufnahm.

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Halls 1991 geborener Sohn Cody Hall ist inzwischen auch im Wrestling aktiv, kämpft seit 2015 für verschiedene japanische Ligen. Auch sonst wirkt sein Vermächtnis fort: Zahlreiche spätere Stars nennen ihn als Vorbild, besonders offensichtlich war das beim früheren WWE-Star Carlito, dessen Charakter viele Aspekte der coolen Razor-Figur 1:1 übernommen hatte.

Hinter den Kulissen sei Hall immer ganz anders gewesen, betonte Nash in seinem Blog-Beitrag, fürsorglich, großzügig und sensibel: "Ich war oft mit ihm unterwegs für die Make-a-Wish Foundation, bei todkranken Kindern, deren letzter Wunsch es war, Razor Ramon zu sehen. Er hat so viel Zeit wie menschenmöglich mit ihnen verbracht und bei der Fahrt zurück jedesmal geweint wie ein Baby." Hall sei "ein zerbrechlicher und gebrochener Mensch".

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