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München - Bret "The Hitman" Hart war mit seiner erfolgreichen Karriere bei WWE auch für viele deutsche Fans ein Idol. Danach bestimmten Schicksalsschläge sein Leben.

Für große Teile einer Generation ist er mit ihrer Kindheit und Jugend ähnlich eng verbunden wie der Game Boy, die Kickers und David Hasselhoff.

Bret "The Hitman" Hart war der größte Star der Wrestling-Liga WWE, als die Anfang der neunziger Jahre den deutschen Markt entdeckte und der Showkampfsport für eine Weile zu einem Popkultur-Phänomen wurde.

Der Kanadier mit dem dem Filmstar-Look zierte damals Magazincover, Poster, Sammelkarten. 1993 stand er in einer Reihe mit Michael Jackson, Tom Cruise und Franziska van Almsick, als er in einer Leserwahl der damals größten deutschen Jugendzeitschrift den "Goldenen Bravo-Otto" gewann - in der auf dem Höhepunkt des Booms ausgerufenen Sonderkategorie "Bester Wrestler".

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Tausende junge Bewunderer träumten davon, einmal das Kind in der ersten Reihe zu sein, dem Hart seine elastische rosa Brille schenkte, ein Ritual, das er vor jedem Match vollzog.

Die Ringlegende - deren aktive Karriere heute vor 20 Jahren endete - war und ist ein Idol, eine Heldenfigur für Millionen Fans. Doch bald nach seinem Karriere-Höhepunkt begann eine ganze Reihe von Schicksalsschlägen, ihn zu einem tragischen Helden zu machen.

Bret Hart trat in die Fußstapfen von Hulk Hogan

Der am 2. Juli 1957 im kanadischen Calgary geborene Bret Hart stieg im Oktober 1992 zum Champion und Aushängeschild der damaligen WWF auf, womit er eher ein Spätstarter war.

Hart hatte bereits 1984 sein WWF-Debüt gefeiert, im selben Jahr, in dem Ligachef Vince McMahon den frisch verpflichteten Hulk Hogan in diese Position gehievt und damit ein globales Phänomen geschaffen hatte - dem "Hitman" wurde ein solches Star-Potenzial lange nicht zugetraut.

Wissenswertes zum Thema Wrestling

Brets Verpflichtung war damals Teil eines Deals, in dem McMahon sich die Liga STAMPEDE einverleibte, die regionale Promotion von Brets Vater. Stu Hart war vor allem als Trainer eine Legende. In seinem berüchtigten "Dungeon" ging Bret durch eine knallharte und schmerzhafte Schule, die den Grundstein für seinen Ruf als "Excellence of Execution", als Meisterhandwerker im Ring legte.

Stus Philosophie war, dass ein Wrestler wie ein echter Kämpfer ausgebildet werden und leiden musste, um einen Showkampf glaubwürdig zu vermitteln. In der vielgelobten Film-Doku "Wrestling with Shadows" (unglücklich übersetzt als "Die heimliche Wut des Catchers Hitman Hart") berichtete Bret, dass sein Vater bei ausgedehnten Würge-Übungen mehrere Blutgefäße in seinen Augen zum Platzen gebracht hatte.

Stu Hart quälte in seinem Dungeon nicht nur Sohn Bret
Stu Hart quälte in seinem Dungeon nicht nur Sohn Bret © WWE

Später Durchbruch bei WWE

Dass Bret Hart das Ringhandwerk hinterher perfekt beherrschte, stand nie zur Debatte. Zu einem regelrechten Mythos seiner früheren WWF-Jahre etwa wurde ein lange Zeit nie ausgestrahltes Match gegen Muskelpaket "Megaman" Tom Magee, in dem Hart den athletischen Rookie wie einen Ringgott aussehen ließ - und McMahon damit überzeugte, in Magee einen größeren Star als Hogan gefunden zu haben.

Magee verschwand stattdessen in der Versenkung und auch Hart blieb in der WWF lange Nebendarsteller. Weil seine Entertainment-Qualitäten nicht so groß waren wie die im Ring, blieb er über Jahre hinweg festgelegt auf die Rolle als Tag-Team-Wrestler an der Seite seines 2018 verstorbenen Schwagers Jim "The Anvil" Neidhart.

Nach der Auflösung der originalen Hart Foundation 1991 allerdings begann sich Brets Karriere zu verselbstständigen. Mit zwei gelungenen Regentschaften als Intercontinental Champion und herausragenden Matches gegen Rivalen wie Mr. Perfect, "Rowdy" Roddy Piper, den jungen Shawn Michaels und den British Bulldog (vor 80.000 Fans im Londoner Wembley-Stadion beim SummerSlam 1992) überzeugte Hart McMahon von seinem Champion-Kaliber.

Nachdem Hogan die Liga 1993 verließ (ohne ein Match gegen den Hitman - was der ihm übel nahm), war Hart der unumstrittene Topstar, hielt bis 1997 fünfmal den wichtigsten Titel und verewigte sich mit großen Duellen gegen Bruder Owen Hart, Michaels und den aufstrebenden Stone Cold Steve Austin als prägender Performer seiner Generation.

Brets Selbstbeschreibung als "The best there is, the best there was and the best there ever will be" (übernommen aus dem Film "Der Unbeugsame") findet kaum ein Experte übertrieben.

"Montreal Screwjob" als bitteres Ende

Gerade auch in Deutschland war Hart besonders populär, obwohl oder gerade weil er ein Gegenentwurf zum cartoonhaft überzeichneten Hogan war. "Ich glaube, in Deutschland gab es einen größeren Respekt für die Härte, die Wirklichkeitsnähe und athletische Glaubwürdigkeit, die Bret verkörpert hat", ordnete Cody Rhodes, der Hart im vergangenen Jahr für die Präsentation des World Titles seiner Liga AEW verpflichtet hatte, im SPORT1-Interview das Phänomen ein.

Nichtsdestotrotz ist Harts Vermächtnis bei WWE zwiespältig: Als Zugpferd war er kommerziell weniger erfolgreich als vor ihm und nach ihm The Rock und Stone Cold.

Hart konnte nicht verhindern, dass die Konkurrenzliga WCW (World Championship Wrestling) der WWF zwischenzeitlich den Rang ablief - und der vierfache Familienvater war auch erklärtermaßen dagegen, dass McMahon das schließlich mit einer neuen, weniger jugendfreundlichen Ausrichtung konterte, der "Attitude Era". Unbehagen bereitete Hart auch, dass McMahon ihm 1997 einen "Heel Turn" verordnete und ihn fortan als Bösewicht besetzte - wobei Hart aus seiner neuen Rolle als verbitterter Kanada-Patriot das Beste rausholte.

Schließlich verließ Hart die Liga nach geplatzten Vertragsverhandlungen unter skandalösen Umständen: Sein letztes Match gegen Shawn Michaels bei den Survivor Series 1997 vor heimischem Publikum wollte der Hitman keinesfalls verlieren - Hart und Michaels waren sich damals hinter den Kulissen spinnefeind. McMahon allerdings verfügte einen realen Betrug an seinem scheidenden Star und ließ Michaels entgegen der Absprache siegen - der berühmte "Montreal Screwjob".

Folgenschwerer Ringunfall bei WCW

Hart wechselte zu WCW, wo er allerdings nie an seine Glanzzeit anknüpfen konnte. Und seine Zeit dort endete mit einem weiteren folgenschweren Drama.

In einem Match gegen Bill Goldberg am 19. Dezember 1999 erwischte Harts Gegner ihn mit einem Tritt versehentlich mit voller Wucht am Kopf. Hart erlitt eine schwere Gehirnerschütterung, deren Gefährlichkeit in Zeiten vor der "Concussion Crisis" nicht richtig erkannt wurde.

Hart stieg weiter in den Ring, erlitt nach eigener Schätzung drei weitere Gehirnerschütterungen und erkrankte am "Post Concussion Syndrome", einer dauerhaften Erkrankung, bei der sich die Symptome der akuten Verletzung verstetigten. Nach einem letzten Match gegen Kevin Nash am 10. Januar 2000 pausierte Hart zunächst für unbestimmte Zeit, wurde dann neun Monate später von WCW entlassen und gab kurz darauf seinen Rücktritt bekannt.

1999: Tod von Bruder Owen Hart

Für Bret Hart war es nicht der schlimmste Schicksalsschlag, den er damals erlebte: Am 23. Mai 1999 musste er den Tod seines jüngeren Bruders Owen verkraften, der bei einem missglückten Stunt bei einem WWE-Einmarsch ums Leben kam. Owens Tod vertiefte auch die innerfamiliären Zerrüttungen bei den Harts, unter denen die Wrestling-Dynastie zusätzlich zu leiden hatte.

In den Jahren danach verlor Bret neben Mutter Helen (2001) und Vater Stu (2003) auch Schwager David Smith, den British Bulldog, der 2002 einen tödlichen Herzinfarkt erlitt. Bret Hart ist heute das einzige noch lebende Mitglied der fünfköpfigen "Hart Foundation", die er in seinem letzten WWE-Jahr mit Owen, dem Bulldog, Neidhart und dem 1997 verstorbenen Brian Pillman gebildet hatte.

Im Jahr 2002 - in dem auch Brets erste Ehe mit der Mutter seiner vier Kinder zerbrach - verschlimmerte sich auch seine eigene gesundheitliche Situation: Er erlitt nach einem Fahrradsturz einen Schlaganfall, nach dem seine gesamte linke Körperhälfte zwischenzeitlich gelähmt war - ein Zusammenhang zu den im Ring erlittenen Kopfverletzungen liegt nahe (Schlaganfall: Symptome, Therapie, Risikofaktoren, Prävention).

2016 erkrankte Hart zudem an Prostatakrebs - der durch eine Operation aber erfolgreich zurückgedrängt werden konnte. 2020 offenbarte er eine - wohl allerdings glimpflich verlaufende - Hautkrebs-Erkrankung.

Idol für Roman Reigns und viele andere

Von den Folgen seiner gesundheitlichen Probleme ist Hart dauerhaft gezeichnet, das war schon 2006 bei seiner Aufnahme in die WWE Hall of Fame zu merken und noch mehr vier Jahre später, als Hart nach 13 Jahren seine Differenzen mit McMahon ausräumte und für einige Nostalgie-Matches zurück in den WWE-Ring kehrte (und dabei auch noch einmal an einer Deutschland-Tour teilnahm).

Und es machte umso verstörender, dass Hart 2019 bei der Hall-of-Fame-Zeremonie von WWE Opfer eines tätlichen Angriffs wurde: Ein vermeintlicher Fan stürmte auf die Bühne, auf der Hart den verstorbenen Partner Neidhart zusammen mit dessen Tochter Natalya würdigte und riss ihn um. Wie empört die Wrestling-Community über den Übergriff war, war an diesem Abend in New York mit Händen zu greifen.

Die Verehrung, die Bret bei seinen WWE-Erben genießt, ist immens. Roman Reigns, Chris Jericho, Edge, Sami Zayn und viele andere Stars späterer Tage nennen Hart als Idol und Vorbild - auch Seth Rollins, obwohl der vor einigen Jahren von Hart irritierend scharf kritisiert wurde.

Die deutsche Wrestlerin Jazzy Gabert erzählte SPORT1, dass eine persönliche Begegnung Hart der Schlüssel für ihren weiteren Karriere-Verlauf war. "Bret hat zu mir gesagt, dass ein funktionierender Charakter im Wrestling der entscheidende Faktor ist. Und dass du dazu zwei Möglichkeiten hast: Entweder du nimmst deine eigene Persönlichkeit und nimmst sie mal zehn, treibst sie auf die Spitze - oder du musst die Person sein, die du selbst gerne sein würdest."

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Bret Hart - seit 2010 in dritter Ehe verheiratet mit der 26 Jahre jüngeren Stephanie Washington - wollte genau der Charakter sein, als der seine unzähligen Fans ihn sahen: "Meine Fans haben zu mir als Held aufgeschaut und ich habe immer mein Bestes getan, dem gerecht zu werden", schrieb er, als er 2016 seine Prostatakrebserkrankung öffentlich machte. Im selben Atemzug hielt er aber auch fest: "Ich habe mehr als genug Zeit damit verbracht, den Preis dafür zu bezahlen."

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