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Chris Benoit war zwischen 2000 und 2007 bei WWE aktiv
Chris Benoit war zwischen 2000 und 2007 bei WWE aktiv © Imago
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München - Chris Benoit, Ex-Champion bei WWE, tötete 2007 seine Frau, seinen Sohn und sich selbst. Eine neue TV-Doku zeichnet nach, wie es zu der Tat kommen konnte.

Bei WWE war er Topstar, Champion, für zahlreiche Kollegen ein bewundertes Vorbild, für Millionen Fans ein Held.

Kaum einer von ihnen konnte folglich glauben, aus welchem Anlass seinen Namen an einem Junimontag im Jahr 2007 in den weltweiten Nachrichten sahen: Chris Benoit war zum Mörder geworden.

Das Wrestling-Idol hatte zwischen dem 22. und 24. Juni 2007 erst seine Ehefrau Nancy Benoit - in der Showsportwelt bekannt als "Woman" -, dann seinen sieben Jahre alten Sohn Daniel erwürgt und sich anschließend selbst das Leben genommen.

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Eine von Wrestling-Fans vielbeachtete Doppelfolge der US-Dokuserie "Dark Side of the Ring" hat in diesem Frühjahr die Erinnerung wachgerufen an die Tat, die einen unauslöschlichen Schatten über eine ihrer prägendsten Figuren legte - und auch viele Fragen an seine Branche aufwarf.

Chris Benoit war auf dem Weg in die WWE Hall of Fame

Christopher Michael Benoit, geboren am 21. Mai 1967 im kanadischen Montreal, schien eigentlich auf bestem Wege, als unumstrittene Legende seines Fachs in den Ruhestand zu gehen.

Benoit, Absolvent des berüchtigten Dungeon von Bret Harts Vater Stu, hatte sich in den achtziger und frühen neunziger Jahren zunächst in Japan einen glänzenden Ruf als "Pegasus Kid" bzw. "Wild Pegasus" erarbeitet.

Seine Matches gegen Eddie Guerrero (als maskierter Black Tiger), Great Sasuke und vor allem Jushin Thunder Liger trugen dazu bei, ein athletisch-handwerkliches Niveau zu definieren, das weit über dem lag, was die damalige WWF ihren Fans seinerzeit bot. Und als der "Canadian Crippler" dann in den USA bei ECW und als Teil der "Four Horsemen" um Ric Flair bei WCW seinen Durchbruch feierte, etablierte er dieses Niveau auch im Mainstream.

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Bei WWE stand er in der berühmten Attitude Era mit den Superstars The Rock und Stone Cold Steve Austin im Ring, lieferte Klassiker mit Kurt Angle und Chris Jericho und krönte 2004 seine Karriere auf großer Bühne: Im Hauptkampf von WrestleMania XX im New Yorker Madison Square Garden durfte er Triple H und Shawn Michaels besiegen und wurde World Champion.

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Die anschließenden, hoch emotionalen Jubelszenen zusammen mit seinem langjährigen Weggefährten und guten Freund Guerrero berührten zahlreiche Zuschauer. Im Nachhinein lösen sie umso größere Beklemmung aus. Auch Eddie Guerrero starb früh, er erlag eineinhalb Jahre vor Benoits "erweitertem Suizid" mit nur 38 Jahren einem durch vergangene Suchtprobleme mitverursachten Herzinfarkt.

Nancy Benoit hatte schon Scheidung eingereicht

Was war das Motiv für die Morde des Chris Benoit?

Es gab verbriefte Eheprobleme zwischen ihm und seiner Gattin, die er zu gemeinsamen Zeiten bei WCW kennengelernt hatte und die auch ein Grund für seinen Wechsel zu WWE im Jahr 2000 war: Wrestler-Kollege Kevin Sullivan, Nancys Ex-Mann, bekam damals zwischenzeitlich die kreative Macht bei WCW, Chris fürchtete, dass er seine Karriere ausbremsen würde.

Im selben Jahr brachte Nancy den gemeinsamen Sohn Daniel zur Welt und heiratete Chris - erlebte jedoch offenbar schon Jahre vor der Tat andere Seiten ihres Gatten: 2003 warf sie ihm häusliche Gewalt vor und reichte die Scheidung ein, zog den Antrag im selben Jahr aber wieder zurück.

Tod von Eddie Guerrero warf Benoit aus der Bahn

Die familiären Probleme waren aber offensichtlich nur einer von vielen Faktoren eines massiven seelischen und auch körperlichen Verfalls, der Chris Benoits Tat im gemeinsamen Haus in Fayetteville, Georgia vorausging.

In der Ende März veröffentlichten Benoit-Doku des US-Senders Vice on TV (der sich auch schon dem Mord an Bruiser Brody und der Tragödie um die Wrestling-Dynastie von Erich gewidmet hatte) wird dieser Verfall anschaulich nachgezeichnet.

Zahlreiche Weggefährten (Jericho, Dean Malenko, Eddies Neffe Chavo Guerrero sowie Witwe Vickie) betonen dabei, wie sehr vor allem der Tod seines guten Freunds Eddie Benoit aus der Bahn warf.

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Anmerkung der Redaktion: Wenn Sie sich selbst von Depressionen und Suizidgedanken betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (http://www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in zahlreichen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

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Wie "ein 85 Jahre alter Alzheimer-Patient"

Einen weiteren, wohl sehr wesentlichen Blickwinkel liefert Christopher Nowinski, ein früherer WWE-Wrestler und Harvard-Absolvent, der seine Karriere wegen einer schweren Kopfverletzung beenden musste und seitdem für einen Bewusstseinswandel beim Thema Gehirnerschütterungen im Sport kämpft.

Nowinski berichtet von Gesprächen mit Benoit, die er noch zu Lebzeiten führte. Er hätte "mehr Gehirnerschütterungen, als er zählen könnte" erlitten. Die erschreckenden Folgen wurden in posthumen Studien offensichtlich.

Chris Nowinski wurde 2014 im US-Senat zum Thema Kopfverletzungen im Sport angehört
Chris Nowinski wurde 2014 im US-Senat zum Thema Kopfverletzungen im Sport angehört © Getty Images

Benoit litt an der im Zuge der "Concussion Crisis" der NFL berüchtigt gewordenen Gehirnkrankheit CTE, eine vielzitierte Untersuchung der West Virginia University kam zum Ergebnis, dass Benoits Gehirn dem "eines 85 Jahre alten Alzheimer-Patienten" glich.

Immer wieder Landungen auf dem Kopf

Im Lauf seiner Ring-Karriere hatte Benoit viele heftige Aktionen gegen seinen Kopf eingesteckt, darunter zahlreiche ungebremste Stuhlschläge, die auch bei WWE damals noch ein übliches Stilmittel waren.

Ein Faktor war auch die x-fach wiederholte Spezialaktion Benoits, der Diving Headbutt, ein Sprung vom Seil, bei dem er mit dem Kopf auf dem Oberkörper des liegenden Gegners landet. Benoit hatte seinen Finisher von seinem Vorbild Dynamite Kid übernommen, der den Ring ebenfalls als körperliches Wrack verließ.

Der 2019 verstorbene Harley Race, Erfinder der Aktion, hatte noch zu Lebzeiten erklärt, dass er sich gewünscht hätte, sie sich nie ausgedacht zu haben.

Chris Benoit zeigt seinen Finisher, den Diving Headbutt
Chris Benoit zeigt seinen Finisher, den Diving Headbutt © Imago

Benoits Arzt wanderte ins Gefängnis

Eine weitere Ebene des Falls: Bei Benoits Obduktion fanden sich eindeutige Spuren für die Einnahme künstlicher Steroide. Später offenbarten Recherchen von Sports Illustrated zudem, dass Benoit seit 2005 mindestens drei Steroid-Lieferungen einer Online-Apotheke erhalten hatte und damit auch gegen die hauseigenen, nach Guerreros Tod eingeführten Anti-Doping-Regeln von WWE verstieß.

Zum Zeitpunkt seines Todes hatte Benoit ein Rezept für die Muskelaufbaumittel - ausgestellt von Skandal-Arzt Phil Astin, der 2009 wegen illegaler Medikamentenverschreibungen in einem anderen Fall zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde.

Die Benoit-Tragödie und ihre Umstände setzten WWE und ihren Boss Vince McMahon unter hohen öffentlichen Rechtfertigungsdruck, auch eine Untersuchung im US-Kongress folgte. Darüber, wie viel die Promotion daraus gelernt hat, gehen die Meinungen auseinander.

Vince McMahon ist bis heute Boss bei WWE
Vince McMahon ist bis heute Boss bei WWE © Getty Images

Hat WWE gelernt? Zum Teil

Einerseits wuchs bei WWE das Bewusstsein für die Gefährlichkeit von Kopfverletzungen spürbar: Ein Concussion-Management-Programm wurde 2008 eingeführt, die gesundheitliche Fürsorge für die Kämpfer generell erhöht, Auswüchse wie die ungebremsten Stuhlschläge gegen den Kopf beschnitten. Auch der Umgang mit den Kopfverletzungsproblemen von Topstar Daniel Bryan - dem WWE auf ärztliches Anraten zwischen 2015 und 2018 drei Jahre die Ringfreigabe verweigerte - wäre vor dem Fall Benoit undenkbar gewesen.

Andererseits ist zum Beispiel der Diving Headbutt bei WWE bis heute nicht tabu - sogar Bryan zeigte ihn nach seinem Comeback wieder. Und auch die Wirksamkeit der Wellness Policy, dem Anti-Doping-Programm von WWE, durch dessen Maschen Benoit damals glitt, ist bis heute höchst umstritten.

Konsequent geblieben ist die Liga in einer Hinsicht: Auf ihrer Website, bei YouTube und allen anderen frei zugänglichen Medienkanälen hat sie alle Bilder, Videos und fast jede Erwähnung Benoits getilgt.

Es ist eine maximale Distanzierung - die zumindest zeitweise nicht nur die Person traf, um die es eigentlich ging: In der Doku berichten sowohl David Benoit, Chris' Sohn aus erster Ehe, als auch Sandra Toffoloni, die Schwester der ermordeten Nancy, dass WWE sie nach den Morden nicht kontaktiert hätte.

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