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Formel 1: Kolumne von Peter Kohl zum Österreich-GP

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Kein Grand Prix ohne Aufreger und Diskussionen über Entscheidungen der Rennkommissare. Sie haben nach dem Rennen lange überlegt, ob sie Max Verstappen für sein Wegdrücken von Leclerc beim Überholen bestrafen sollen. Sie haben sich dazu entschlossen, ihn straffrei davonkommen zu lassen
Viele sagen: Super! Genau richtig! That's Racing, das wollen wir sehen. Kritiker bemängeln: Rosberg gegen Hamilton, an exakter gleicher Stelle, wurde geahndet mit einer Strafe gegen den Deutschen. Der Unterschied zu damals: laut Rennleiter Michael Masi habe Rosberg zu Hamilton rüber gesehen, Verstappen nicht
Könnte man sagen: Verstappen wusste ganz genau, dass Leclerc neben ihm ist! Wie in der Runde zuvor übrigens, da hat der Holländer dem Monegassen eine Wagenbreite Platz gelassen. Beim zweiten Überholversuch nicht!
Ich meine, Verstappen hätte sich nicht über eine Strafe beschweren dürfen, denn meiner Ansicht nach schiebt er Leclerc ganz bewusst raus. Er hatte noch Zeit für weitere Attacken. Wenn das eine Blaupause für die kommenden Rennen wird – okay
Das macht das Racing härter und unterhaltsamer. Viele wollen das sehen. Bis sich zwei Autos mit Highspeed mit den Rädern verhaken und fliegen gehen. Es sind Open-Wheelers und keine Sportwagen mit geschlossenen Reifenkästen. Mal sehen und hören, welche Reaktionen und Diskussionen es dann gibt…
TOP - HONDA: Ohne Frage die Nummer 1 am Ring! Der letzte Formel-1-Sieger mit Honda-Antrieb war Jenson Button – 2006! In Ungarn. Verdammt lang her. Von damals diesmal noch mit dabei: Robert Kubica und Kimi Räikkönen. Eine Ewigkeit im Motorsport. Die Japaner haben sich dieses Comeback verdient
So oft und knallhart, wie sie vom ehemaligen Partner McLaren nach ihrer Rückkehr als Motorenbauer in die Formel 1 verbal an die Wand genagelt wurden, hätte es keinen wundern dürfen, wenn sie die Reißleine gezogen hätten. Haben sie aber nicht. Denn über ein Jahr Umweg bei Toro Rosso, wo man sich voll auf die Umgangsformen der Japaner und deren Art, zu kommunizieren, eingelassen und eingestellt hat, ist der Schritt zu Red Bull ein überaus richtiger gewesen
Diese Partnerschaft ist von Beginn an von gegenseitigem Respekt geprägt. Und damit hat Mercedes jetzt endlich wieder einen ernsthaften Konkurrenten! Kann der ganzen Formel 1 nur guttun. Der losgelöste Freudentaumel von Toyoharu Tanabe bei der Siegerehrung sagt alles
Der Japaner ist seit Anfang 2018 technischer Leiter von Honda für das Formel-1-Projekt. Andere Hersteller litten unter der Hitze, mussten Leistung zurückdrehen. Honda auf der Vollgasstrecke mit über 70 Prozent Volllast-Anteil nicht!
FERRARI: Ja, es hat nicht ganz zum Sieg gereicht – aber der Auftritt von Leclerc und Vettel im Rennen gibt Anlass zur Hoffnung, dass es aufwärts geht mit der Scuderia. Vettel rast von 9 auf 4 nach vorne. Leclerc schnuppert lange am Siegerpokal, ehe der entfesselte Verstappen ihn noch mit einer diskussionswürdigen Attacke knackt
Der um neun Runden frühere Stopp von Leclerc gegenüber Verstappen liegt laut Ferrari nicht am erhöhten Reifenverschleiß, sondern am frühen Stopp von Bottas. Der war zu diesem Zeitpunkt der direkte Verfolger von Leclerc, und man wollte einen Undercut des Finnen verhindern
So hat man Verstappen den Joker mit frischeren Reifen für die Schlussphase in die Hände gespielt. Dass der auf Platz 7 zurückgefallene Holländer dann so aufdrehen wird, kann zu diesem Zeitpunkt niemand erkennen und ahnen. So what! Am Ende ein starkes Rennen der Roten. Bitte mehr davon!
MAX VERSTAPPEN: Wenn man einen Start so verbockt und dann noch von Sieben auf Eins nach vorne fährt, ist das eine grandiose Leistung. Der Bursche ist deutlich gereift und das tut seinen Ergebnissen gut
Bei der finalen Attacke gegen Leclerc kommt der Killer-Instinkt von Mad-Max mal wieder zum Vorschein. Ist diesmal für ihn gut gegangen
Über die gesamte Zeit des Rennens gesehen, zeigt er eine sehr erwachsene Leistung! Champion like. Er scheint zunehmend zu erkennen, dass diese Art zu fahren ihn weiter nach vorne bringt, als die Variante der Permant-Brechstange
ALFA ROMEO: Beide Autos in den Punkten, bockstark das Qualifying von Räikkönen und eine sichtbare Leistungssteigerung von Giovinazzi. So kann das gerne weitergehen. Das Schweizer Traditionsteam sorgt mit dafür, dass im Mittelfeld richtig Musik drin ist
LANDO NORRIS: Der Junge ist ohne Frage ein Riesentalent. Eine Bereicherung für die Formel 1. Dass er den von vielen früher hoch eingeschätzten Pierre Gasly, der im Red Bull mit besserem Material unterwegs ist, wieder bügeln kann, ist ein weiterer Beweis seiner Extraklasse
Außerdem kann er Teamkollege Carlos Sainz, der über Welten mehr Erfahrung in der Formel 1 verfügt, zunehmend in den Schatten stellen und abhängen. Das wächst einer heran, der die Hierarchie im Fahrerlager erschüttern kann
DAS RENNEN: Eine Wohltat nach den Gähn-GPs auf den letzten Stationen. Machen wir uns nichts vor – das Ganze ist den ungewohnten Rahmenbedingungen am Red Bull Ring geschuldet. Hitze wie in der Sahara und das Strecken-Layout schmecken Mercedes überhaupt nicht. In Silverstone droht ein Rückfall in die bisher gesehene Dominanz der Sterne. Aber freuen wir uns über den Augenblick! Der Österreich Grand Prix ist ohne Frage ein Highlight
SOLALA - INTERNE ABLÄUFE BEI FERRARI: Probleme mit dem Funk bei der Kommunikation zwischen den Verantwortlichen an der Boxenmauer und den Mechanikern lassen Vettels ersten Stopp in die Hose gehen. Die Vorderreifen sind noch nicht da, als der Deutsche stoppt
Dabei geht viel Zeit flöten. Die aufgezogenen harten Reifen funktionieren nicht wie gewünscht, der viermalige Weltmeister will einen weiteren Stopp einlegen. Die Strategen brauchen vier Runden, um darauf zu reagieren. Viel zu lange! Dadurch geht endgültig eine mögliche Podiumsplatzierung von Vettel verloren
FLOP - MERCEDES: Die endlos scheinende Siegesserie ist gerissen. Die Wetterbedingungen haben die Sterne-Ritter in die Knie gezwungen. Das eigene Aggregat ist dermaßen eng am Limit gebaut, dass für die enormen Temperaturen bei der Hitzeschlacht am Red Bull Ring die Kühlung einfach nicht ausreicht, um volle Power freigeben zu können
Der Hybrid-Dominator der vergangenen Jahre hat eben auch nicht für alle Bedingungen die optimal passende Hardware. Beruhigend für alle, die Perfektionismus hassen und als zu glatt empfinden. Es ist im Motorsport eben dann doch so, wie im richtigen Leben: Jeder und alles haben irgendwann und irgendwo ihre Schwächen. Gut so!
TORO ROSSO: Die kleine Truppe aus Faenza rund um den famosen Teamchef Franz Tost hat enorm dazu beigetragen, dass das große Schwesterteam Red Bull mit Honda am Spielberg einen großartigen Triumph feiern darf
Mit dem gleichen Antrieb im Heck sind die STR14 nur lame ducks. Albon und Kwjat sind völlig chancenlos und weit abgeschlagen. Viel Abtrieb, zu wenig Power und Speed. Es gibt viel zu tun bis Silverstone, wenn sich daran was ändern soll
RENAULT: Die Franzosen kommen einfach nicht weg vom Fleck. Ricciardo und Hülkenberg verpassen die Punkteränge, beschweren sich über ein schwer zu fahrendes Auto. McLaren als Motorenpartner schneidet deutlich besser ab, holt Punkte und setzt sich in der Konstrukteurswertung um 20 Zähler vom Werksteam ab
Ein erneuter Rückfall von Renault nach einem starken Auftritt in Kanada. Sie schaffen es einfach nicht, Stabilität in ihrer Entwicklungskurve reinzubringen. Das ist seit Jahren eher eine Achterbahnfahrt. Zu wenig an Ergebnis und Erfolg für ein Werksteam mit enormen Ressourcen eines weltweit agierenden Herstellers
HAAS F1: Au weia! Der Absturz vom vermeintlichen Underdog-Mitfavoriten im Kampf "Best-Of-The-Rest" zum zur mitrollenden Grauen Maus im Feld geht ungebremst weiter. Der Österreich-Grand-Prix ist ein weiterer herber Nackenschlag für das US-Team. Grosjean und Magnussen bleiben am Spielberg stecken im Sumpf der Bedeutungs- und Wahrnehmungslosigkeit
Auch Racing Point bleibt ohne Punkte. Ein Team, das vor den Toren von Silverstone beheimatet ist. Dort geht es mit dem nächsten Rennen weiter. Ich freue mich drauf, und hoffe auf möglichst große Hitze. Oder viel Regen. Zwei Faktoren, die moderne Formel-1- Rennen immer wieder spannend machen. Bis dahin PEDAL TO THE METAL, Ihr Peter Kohl
Formel 1: Kolumne von Peter Kohl zum Österreich-GP
Kein Grand Prix ohne Aufreger und Diskussionen über Entscheidungen der Rennkommissare. Sie haben nach dem Rennen lange überlegt, ob sie Max Verstappen für sein Wegdrücken von Leclerc beim Überholen bestrafen sollen. Sie haben sich dazu entschlossen, ihn straffrei davonkommen zu lassen
@Getty Images